Reisemagazin schwarzaufweiss

Wenige Kilometer südlich des vegetationsarmen Nationalparks wird die Vulkanlandschaft auf einmal wohltuend lebendig, hier und da rekeln sich gar Palmen empor. Die Bauern machten aus ihrer Not eine Tugend: Sie gruben bis zu zwei Meter tiefe, runde oder halbkreisförmige Vertiefungen, legten den fruchtbaren Boden frei und bedeckten ihn mit kleinen Lavasteinchen, sogenannter Lapilli. Die zehn Zentimeter tiefe Lapillischicht vollbringt wahre Wunder: Sie absorbiert die nächtliche Feuchtigkeit und mindert die Verdunstung, so dass in der an sich staubtrockenen Region Feigen, Aprikosen, Orangen und Äpfel gedeihen. Rund um das Dorf La Geria entstand dadurch ein unvergleichbares Weinbaugebiet, das Augen und Geschmacksnerven gleichermaßen zu betören weiß.

Weinbau bei La Geria

Im Inselinneren lockt auf weiten Strecken eine asketisch anmutende Landschaft voll karger Ursprünglichkeit. Auf den ersten Blick nur Ödnis und Unfruchtbarkeit; selten wird die erdfarbene Monotonie durch die mit Lapilli bedeckten Felder, ein paar Palmen oder das Weiß der Häuser aufgelockert.

Man muss die melancholische Stimmung auf sich wirken lassen, um sie als wohltuend zu empfinden; allzu sensible Gemüter leiden unter einem Anflug von Tristesse. Der große Blickfang im Inselnorden ist daher die Ortschaft Haría. Haría liegt zwar nicht am Meer, dafür aber in einem Meer von Palmen. Ungefähr so stellt man sich eine Fata Morgana vor.

Die UNESCO würdigte 1994 die einzigartige Landschaft Lanzarotes, indem sie die gesamte Insel als Biosphärenreservat auszeichnete. Die Inselregierung steht angesichts des nicht enden wollenden Urlauberstroms vor großen Aufgaben, wenn sie sich dieses Prädikats als würdig erweisen will. So ist der touristische Energiebedarf enorm und wird bisher fast ausschließlich konventionell gedeckt. Dabei ließe sich ein großer Teil der benötigten Energie auf umweltfreundliche Weise erzeugen, denn Lanzarote besitzt Sonne und Wind im Überfluss, von der vulkanischen Erdwärme ganz zu schweigen. Auch die Wasserversorgung kann nur dank der vier großen, mit fossilen Brennstoff betriebenen Meerwasserentsalzungsanlagen gesichert werden, denn die Kapazität der Regenwasserzisternen und des einzigen verbliebenen Wasserstollens reichen schon seit langem nicht mehr aus.

Meerwasserentsalzung auf der einen, Salzgewinnung auf der anderen Seite

Kein einziger Quell entspringt auf der Insel. Der Peñas del Chache im Famara-Gebirge ist die höchste Erhebung der Insel. Doch 671 Meter sind zu wenig, um die vom Passat getriebenen Wolken zu ausreichenden Niederschlägen zu zwingen. Nur an wenigen Tagen im Jahr regnet es, und das auch nur in bescheidenem Maße.

Lanzarote war die erste Insel des kanarischen Archipels, auf der sich die europäischen Glücksritter und Eroberer festsetzen konnten. Im Jahre 1312, beinahe zwei Jahrhunderte bevor mit Teneriffa die größte kanarische Insel unterworfen wurde, landete der genuesische Kaufmann Lancelotto Malocello auf der nordöstlichsten der "glückseligen" Inseln. Lancelotto errichtete oberhalb von Teguise an der Stelle des heutigen Castillo de Guanapay einen ersten befestigten Stützpunkt.

Zwei Jahrzehnte lebte Lancelotto auf der später nach ihm benannten Insel, ohne daß recht viel darüber bekannt ist, was sich in diesem Zeitraum ereignete. Die alten Gesellschaftsstrukturen müssen jedoch weitgehend in Takt geblieben sein, denn erst dem normannischen Adeligen Jean de Béthencourt blieb es knapp hundert Jahre später vorbehalten, Lanzarote zu erobern und die kanarische Bevölkerung zu unterwerfen. Eines muss man Béthencourt jedoch zugestehen: Er hat sich mit den Papagayo-Stränden die schönsten Strände für seine Landung ausgesucht.

Einer der drei Papagayo-Strände

Die Ureinwohner begrüßten ihn mit allen Ehren, da sie sich von ihm Hilfe gegen die nordafrikanischen Piraten erwarteten. Béthencourt wusste anfangs ihr Vertrauen zu gewinnen, da er mit nur 63 Männern die Insel nicht im Handstreich erobern konnte. Doch bereits ein Jahr später war er, durch neue Truppen verstärkt, der unumschränkte Herrscher über Lanzarote.

Für die spanischen Konquistadoren war die ebenso erfolgreiche wie blutige Unterwerfung der Kanarischen Inseln gewissermaßen die Generalprobe für den Völkermord in Mittel- und Südamerika. In rund eineinhalb Jahrhunderten hatten die Spanier wegen ihrer militärischen Überlegenheit, List und Tücke das Archipel unterjocht, die Bewohner teilweise verschleppt und auf den Sklavenmärkten von Sevilla und Cádiz verkauft. Die Kultur der Altkanarier wurde auf Lanzarote fast restlos vernichtet. Zwischen Tahiche und San Bartolomé findet man noch Spuren einfacher, in den Boden gegrabener Räume, die als Behausungen dienten.

Freilichtmuseum Tiagua

Jenseits der Naturschönheiten gleicht eine Inselrundfahrt einer Pilgerfahrt auf den Spuren César Manriques, des größten kanarischen Künstlers. Wie kein anderer hat das Universalgenie Lanzarote seinen Stempel aufgedrückt, sie geprägt und so weit wie möglich verhindert, daß die Insel unkontrolliert vom Tourismus überrollt wird. Der am 25. September 1992 bei einem Autounfall in der Nähe von Tahiche ums Leben gekommene César Manrique war Maler, Bildhauer und Architekt. In Arrecife geboren, ist er als junger Mann ausgezogen, um die Kunstgalerien von Madrid und New York zu erobern. Erst im reifen Alter von knapp fünfzig Jahren ist er endgültig auf seine Heimatinsel zurückgekehrt, um seine letzten 25 Lebensjahre seiner Vision von einem "Gesamtkunstwerk Lanzarote" zu widmen. Mit Erfolg: Lanzarote hat seine Identität weitgehend bewahren können, auch wenn die Menschen in die entlegensten Winkel vorgedrungen sind.

Auf der Insel wurden durch Manriques Einfluß zeitweise kaum Hotelburgen, sondern hauptsächlich Ferienanlagen, die im Einklang mit der Natur stehen und sich an der ländlich-traditionellen Bauweise orientierten, gebaut. Mittlerweile hat sich angesichts der Touristenfluten dennoch eine gewisse Eintönigkeit breitgemacht. Phantasievolle Ferienanlagen wie das Hotel Meliá Salinas in Costa Teguise haben ihren Preis, und nicht jeder besitzt das nötige Kleingeld. Auffällig ist beispielsweise auch, dass großflächige Reklametafeln fehlen. Sie wurden aufgrund einer manriqueschen Initiative verboten.

Manrique hat Lanzarote mit einem wahren Netz von Bau-, oder besser Kunstwerken überzogen. Die Lavahöhle Jameos del Agua, der Kakteengarten (Jardin de Cactus), das Monumento al Campesino, das Restaurant Mirador del Rio, das Kunstmuseum im Kastell San José, hinter all dem steht Manrique, Manrique, Manrique...

Lanzarote / Manrique

Von Manrique gestaltetes Wohnhaus (Foto: Dirk Renckhoff)

Auch ohne Reiseführer und Landkarte wäre es ein leichtes, die von César Manrique geschaffenen Sehenswürdigkeiten zu finden. Über die ganze Insel verteilt hat Manrique an exponierten Stellen eigene Skulpturen und Metallwindspiele aufgestellt. Oder noch einfacher: Man müsste sich nur an den Mietwagenkarawanen orientieren. Fast 8.000 Autos werden von den verschiedenen Mietwagenfirmen zum Verleih angeboten. Die harte Konkurrenzsituation sorgt für niedrige Preise. Und so tuckern die Touristen scharenweise über die Insel. Die schlechten Busverbindungen lassen einem aber auch keine andere Wahl.

 

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