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Santiago de Cuba

Karnevalshochburg und Hauptstadt des Rums

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Wenn der Alkohol wirklich gefährlich wäre, dann wären die Kubaner längst tot“, so tönt es am Nachmittag in einer Seitenstraße in Santiago de Cuba. Der Ruf des verschmitzt grinsenden Mannes mag Zufall sein, Tatsache ist jedoch, dass die Geschichte Santiagos auf engste mit hochprozentigen, aus Zuckerrohr gewonnen Getränk geknüpft ist. Es war vor allem die Familie Bacardi, die dazu beigetragen hat, dass Kuba nicht nur als Zuckerinsel, sondern auch als Schnapsinsel weltweit berühmt ist.

Kuba - Santiago de Cuba
Santiago de Cuba

Der Ausgangspunkt des Aufstiegs der Familiendynastie war die Stadt Santiago de Cuba im Osten des Landes, einer Stadt, in der die Temperaturen wärmer und die Menschen dunkler sind als in der mehr als 800 Kilometer weiter westlich gelegenen Hauptstadt Havanna. Die Dominkanische Republik, Jamaika und Haiti sind vielen Bewohnern Santiagos nicht nur geographisch, sondern auch mental näher als die kubanische Hauptstadt. Bereits im Jahr 1830, als der 16-jährige aus Katalonien stammende Facundo Bacardí y Mazó in Santiago ankam, war die Stadt ein Schmelztiegel der Kulturen. Neben rund 26 000 weißen Einwanderern, die vorwiegend spanischstämmig waren, von denen aber auch viele französische Wurzeln hatten, lebten hier rund 175 00 Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die zum Teil versklavt, zum Teil aber auch bereits freie Bürger waren. Heute hat Santiago mehr als zehn Mal so viele Einwohner, viele davon mit dunklerer Hautfarbe. Die 500.000 Einwohner-Stadt, bis Mitte des 16. Jahrhundert die Hauptstadt Kubas, ist nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein wirtschaftliches Zentrum des kubanischen Ostens, in dem sich neben einem Kraftwerk und einer Ölraffinerie auch die größte Textilfabrik des Landes befindet. Doch auch die Fabriken und Lagerhallen der Bacardis, die Kuba kurz nach der Castro-Revolution im Jahr 1959 verlassen hatten, sind hier noch in Betreib. Der Rum, der dort produziert wird, heißt freilich nicht Bacardi, sondern Santiago und Caney. „Diese Rumsorten sind zwar nicht so bekannt wie der kubanische Exportschlager Havanna Club, der in Santa Cruz del Norte hergestellt wird, aber sie sind besser, weil die Fertigung hier noch nach alten Methoden durchgeführt wird und eher an eine Manufaktur, als an eine Fabrik erinnert“, beteuert Lucia Pérez, die als Reiseleiterin für die kubanische Incoming-Agentur Cubatur arbeitet.

Kampf um die Unabhängigkeit

Kuba - Santiago de Cuba - Denkmal für Emilio Barcadi
Denkmal für Emilio Barcadi

Doch der Name Bacardi steht in Santiago nicht nur für Rum, sondern auch für Stadtentwicklung und Unabhängigkeit. Der älteste Sohn des aus im Jahr 1830 aus Katalonien eingewanderten Bacardi-Gründers Facundo Bacardí y Mazó, der 1844 geborene Emilio Bacardi, war nicht nur Unternehmer, sondern auch ein leidenschaftlicher Politiker. Als junger Mann sympathisierte er mit Aufständischen, die für ein von Spanien unabhängiges Kuba kämpften. “Spanien kann man nicht überzeugen, man kann es nur besiegen, sagte Carlos Manuel de Céspedes, der Anführer dieser Rebellion, dem heute der zentrale Platz der Stadt Santiago gewidmet ist, der Parque Céspedes, an dem sich nicht nur die Kathedrale Nuestra Señora de la Asuncion mit ihren beeindruckenden Zwillingstürmen befindet, sondern auch die restaurierte Villa des Stadtgründers und ersten Inselgouverneurs Diego Veláquez. Darüber hinau das Casa Grande, das beste Stadthotel in Santiago, und das ehemalige Rathaus, ein Prachtbau, auf dessen Balkon Fidel Castro am 1. Januar 1959 seine erste Rede nach der kubanischen Revolution gehalten hat.

Kuba - Santiago de Cuba - Parque Cespedes mit der Kathedrale
Parque Céspedes mit der Kathedrale

Im Gegensatz zu Fidel und den Rebellen aus der Sierra Maestra sind Céspedes und seine Mitkämpfer gescheitert. Nach zehn Jahren Kampf kam es 1878 zum Waffenstillstand. Zu dieser Zeit war der Rum der Bacardis bereits international anerkannt. Zwei Jahre vorher, im Jahr 1876, war er auf der Weltausstellung in Philadelphia mit einer Medaille ausgezeichnet worden.

Doch die Bacardi-Brüder kümmerten sich auch weiterhin um die Politik und besuchten politische Clubs, die für die Unabhängigkeit der Zuckerinsel kämpften. Mit gravierenden Folgen: Im Jahr 1879 wurde Emilio Bacardi verhaftet und in der Festung El Morro inhaftiert, später wurde er für mehrere Jahre in die spanische Enklave Ceuta in Nordafrika deportiert. El Morro, eine Festung deren Wurzeln auf die Jahre 1640 bis 1642 zurückgehen und die heute zum Weltkulturerbe zählt, war gebaut worden, um die Bucht von Santiago vor den Engländern und vor Piraten zu schützen. Ein Besuch der verwinkelten Anlage, mit ihren mächtigen Steinmauern und imposanten Kanonen, gleicht einer Reise in die Vergangenheit – und wird mit einem herrlichen Blick auf die Bucht von Santiago und auf das Küstengebirge belohnt.

Am 2. Juni 1898 nützte die Festung des Spaniern freilich nichts mehr: Denn die US-Flotte war zu einer Seeschlacht angetreten, deren Ausgang das Ende der spanischen Herrschaft besiegelte. Im Friedensvertrag vom 10. Dezember 1898 wurde Kuba schließlich verhökert: für 20 Millionen Dollar überließen die Spanier ihre Kolonie den Amerikanern, die Kuba schon lange als ihr „natürliches Anhängsel“ betrachteten. Da Kuba im Ausland hoch verschuldet war, entschieden sich die Amerikaner allerdings dafür, dem Land im Jahr 1902 die Unabhängigkeit zu gewähren.

Auf den Spuren der Bacardis

Kuba - Santiago de Cuba - Städtisches Museum
Städtisches Museum

Emilio Bacardi, der 1899 von den Amerikanern für kurze Zeit zum Bürgermeister von Santiago eingesetzt worden war, aber kurz darauf zurückgetreten war, wurde nach dem Abzug der US-Truppen mit überwältigender Mehrheit zum Stadtoberhaupt gewählt. Bereits im Jahr 1905 führte er auf dem Parque Céspedes die elektrische Straßenbeleuchtung ein. Eine seiner ersten Amtshandlungen als Bürgermeister war es, das Gehalt des Bürgermeisters zu halbieren. Eine Handlung mit Symbolkraft, die Bacardi allerdings leicht gefallen sein dürfte – denn mit der Firma der Familie ging es beständig bergauf, die US-Besatzungssoldaten hatten dem Unternehmen sogar einen regelrechten Umsatzschub gebracht. Rund 50.000 durstige junge Männer waren im Land, und viele von ihnen ergötzten sich an den neu entwickelten Cocktails Cuba libre und Daiquiri, die selbstverständlich mit Rum aus dem Hause Bacardi gemixt wurden. Die Bacardis verdienten besser denn je– und dieses Geld wollte Emilio Bacardi nicht für sich alleine behalten. Schon im Jahr 1899 stiftete er ein Städtisches Museum, dessen prächtiger neoklassischer Bau noch heute einen Besuch lohnt. Im Museum sind auf insgesamt drei Stockwerken nicht nur archäologische Funde aus verschiedenen indianischen Kulturen und Waffen aus dem Befreiungskampf des 19. Jahrhunderts ausgestellt, sondern auch ägyptische Kunstwerke, eine ägyptische Mumie sowie europäische und kubanische Gemälde.

Kuba - Santiago de Cuba - Barcadi-Villa
Barcadi-Villa

Den Spuren der Bacardis begegnet man in Santiago aber nicht nur im Bacardi-Museum, auch an der etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Bacardi-Villa und auf dem ehemaligen Firmengelände. Auch auf dem Friedhof Santa Ifigenia tragen etliche der größten und schönsten Grabmonumente den Namen Bacardi. So ist der Museumsgründer und Ex-Bürgermeister Emilio Bacardi hier begraben. Ein Meter hohes Denkmal freilich überragt die Bacardi-Grabmale bei weitem: Das Ehrenmal für den Freiheitskämpfer und Dichter Jose Marti, der im Jahr 1898 im Kampf gegen die Spanier gefallen ist. Heute halten Studenten der Militärakademie die Ehrenwache am Grab des Freiheitshelden, dessen Gedichtband „versos sencillos“ der Text des Kuba-Ohrwurms Guantanamera entnommen ist.

Kuba - Santiago de Cuba - Das Ehrenmal für den Freiheitskämpfer und Dichter Jose Marti
Das Ehrenmal für den Freiheitskämpfe
und Dichter Jose Marti

„Guantanamera“ ist Kuba noch immer häufig zu hören, zumindest, wenn Touristen bei Laune gehalten werden sollen. Ansonsten jedoch ist in Kuba nicht nur José Martí, sondern auch die Familie Bacardi Geschichte. Dass die Bacardis ins Exil gegangen sind, liegt vor allem an Fidel Castro und seiner Revolution der Bärtigen, die die Bacardis enteigneten und dadurch veranlassten, dass die Familie ihr Rum-Imperium von Puerto Rico aus neu aufbaute. Seither wird kräftig um das Thema Rum gestritten – und die Bacardi-Erben gelten als Anti-Castro-Hardliner und als Hintermänner des Helms-Burton-Gesetzes aus dem Jahr 1996, das US-Bürgern Wirtschaftsbeziehungen zu Kuba verbietet. Ein Gesetz, das von Kritikern deshalb auch Bacardi-Gesetz genannt wird. Auch die französische Firma Pernod Ricard, die den weltweiten Vertrieb des Kuba-Rums Havana Club übernommen hat, sieht sich regelmäßig juristischen Scharmützeln aus dem Hause Bacardi ausgesetzt.

Fidel Castros Biographie ist nicht ganz so eng mit der Stadt Santiago verknüpft wie die Geschichte der Bacardi-Dynastie, doch in seiner Jugend- und in seiner Sturm- und Drangzeit hielt er sich vorwiegend im Osten des Landes auf. In Santiago besuchte der Sohn eines reichen Grundbesitzers aus der Provinz Holguin von 1935 bis 1941 das Jesuitenkolleg Dolores, das heute als Konzerthalle benutzt wird. Hier probte er auch im Jahr 1953 den Aufstand, indem er mit knapp 130 Genossen zum Sturm auf die Moncada-Kaserne ansetzte. Obwohl die Guerilleros den Karnevalstrubel nutzten, der in Santiago nicht im Februar, sondern im Juli zelebriert wird, scheiterte der Angriff. Auch der Aufstand, der im Dezember 1958 in Santiago durchgeführt wurde, um Militär und Polizei zu beschäftigen, während Fidel, Che Guevara und 80 weitere Kämpfer mit der aus Mexiko kommenden Yacht Granma anlandeten, verfehlte seinen Zweck. „Die Yacht Granma kam wegen schlechten Wetters zwei, drei Tage später an, bis dahin waren die Unruhen bereits niedergeschlagen“, berichtet Stadtführerin Lucia Perez, die ein bisschen traurig darüber ist, dass sie vor allem von Kriegen und Kämpfen zu berichten hat, wenn sie über Santiagos Geschichte referiert.

Santiago de Cuba heute

Kuba - Santiago de Cuba - antiker Straßenkreuzer

Und Santiagos Gegenwart? Das Leben scheint geprägt von einer gewissen Lethargie, die sicher auch auf die Hitze zurückzuführen ist. Noch mehr als in Havanna hat man den Eindruck, die Zeit sei stehen geblieben. Neben alten DDR-Motorrädern und US-Fahrzeugen aus den 50er Jahren sind Pferdekutschen hier noch immer ein wichtiges Transportmittel. Und weil es zu wenig Busse gibt, findet ein Großteil des öffentlichen Transports mit Kleinlastern statt, auf denen die Menschen eng gedrängt auf der Ladefläche stehen. Der Touristenansturm auf die Stadt ist nach wie vor überschaubar, auch wenn der Erfolg des Films „Buena Vista Social Club“ den einen oder anderen Reisenden anlockt, der im Casa de la Trova, im Casa de la Musica oder im Casa de las Tradiciones in die Welt des traditionellen kubanischen Son eintauchen möchte. Auch der Besuch von Spanisch- und von Salsa-Tanzkursen ist in Santiago populär, und wenn die Tanzlehrer gerade nicht ausgelastet sind, sind sie häufig in der Innenstadt unterwegs, um Touristinnen und Touristen kennen zu lernen, und das nicht nur aus Kontaktfreude, sondern auch als Geschäftssinn. Denn eine Einladung oder ein Trinkgeld für eine Gefälligkeit von einem Touristen ist möglicherweise einträglicher als die reguläre. Arbeit. Schließlich verdient in Kuba ein Arzt oder Lehrer im Durchschnitt gerade mal 25 bis 30 US $ pro Monat.

Kuba - Santiago de Cuba - Pferdekutsche

Im Vergleich zur Hauptstadt Havanna wirkt Santiago sehr provinziell und überschaubar. Daran ändert auch die Niederlassung des Weltklasse-Cabarets Tropicana nichts, die hier mehrmals pro Woche ein Varietéprogramm der Spitzenklasse bietet, das häufig in einer langen Disconacht mündet. Wer nicht gerade zur Karnevalszeit nach Santiago kommt, kann hier zumindest einen Hauch des Gefühls der närrischen Tage bekommen – nicht nur, weil einige der farbenprächtigen Kostüme des Karnevals präsentiert werden, sondern auch, weil die typische chinesische Trompete hier zu hören ist - ein Holzinstrument, das keine Ventile hat, sondern Grifflöcher und dessen leicht quäkender Klang typisch ist für den so lebensfrohen Karneval in Santiago.

Kuba - Santiago de Cuba - Trompetenspieler im Tropicana
Trompetenspieler im Tropicana

Darüber hinaus lohnt es natürlich, sich auf eine Sightseeing-Tour zu begeben und vom Parque Céspedes ausgehend die Altstadt zu erkunden. Nach einem zehnminütigen Spaziergang erreicht man eine breite Treppe in der Calle Padre Pico, die von der Unterstadt in die Oberstadt Santiagos führen. Santiago liegt nur wenige Meter über dem Meer, am Fuße der Sierra Maestra, eines Küstengebirges, das für die Stadt eine imposante Kulisse bildet.

Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Santiagos gehört heute neben El Morro, wo sich die Burg befindet, in der Emilio Bacardi einst inhaftiert war, auch die Moncada-Kaserne, in der Revolutionsromantik zelebriert wird und deren Einschusslöcher aus dem Jahr 1953 aus volkspädagogischen Gründen schon mehrmals erneuert wurden.

Kuba - Santiago de Cuba - Moncada-Kaserne
Moncada-Kaserne

Wer etwas Zeit mitbringt und den kubanischen Alltag kennen lernen möchte, ist gut beraten, sich nicht in einem der staatlichen Hotels einzuquartieren, sondern sich ein Zimmer in einer zugelassenen Privatpension zu mieten, einem so genannten Casa Particular. Diese Zimmer dort zahlt man seit einiger Zeit nicht mehr in US-Dollar, sondern in CUC, den Peso Convertible, einer Touristenwährung, die den US-Dollar als Zweitwährung mittlerweile ersetzt hat - und die bei den Einheimischen äußerst begehrt ist, denn viele Dinge des täglichen Bedarfs, von der Kleidung bis zu höherwertigen Lebensmitteln, sind mit der einheimischen Währung, der moneda nacional, nicht zu kaufen, sondern nur mit der Touristenwährung. Für Grundnahrungsmittel gilt das freilich nicht – denn dafür haben die Kubaner seit mehr als vierzig Jahren Lebensmittelmarken, die so genannte Libreta. Apropos Essen, nicht nur zu den staatlichen Hotels, sondern auch zu den staatlichen Restaurants gibt es seit einigen Jahren Alternativen; die so genannten Paladares, kleine Privatrestaurants, in denen maximal 12 Personen verköstigt werden dürfen. Wer hier zu Gast ist, findet meist schnell neue Freunde – und kann eintauchen in die Wiege des Son, der Revolution und des Caney-Rums. Denn schädlich kann der Alkohol ja schließlich nicht sein: Die durchschnittliche Lebenserwartung der Kubaner liegt bei 77 Jahren und ist deutlich höher als in vergleichbaren Ländern der Region.

Kuba - Santiago de Cuba - kubanischer Rum
Kubanischer Caney-Rum



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