DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Abstieg im Dschungel

Canyoning und Höhlenerkundung - wie eine neue Reise ins "unbekannte Kuba" entsteht.

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller

Der letzte Haken am Hibiskus-Fluss: Vorsichtig setzt Daniel Dietz den Akkubohrer auf den grauen Kalkstein, bohrt ein zehn Zentimeter tiefes Loch, hämmert den Spreizhaken hinein und schraubt ihn fest. Ein paarmal heftig rütteln und ziehen - der sitzt! Dem Abstieg steht nichts mehr im Weg. Also: Seil eingefädelt, Achter am Klettergurt eingehakt und schon geht es in die Tiefe: Schritt für Schritt, runde zwölf Meter, Rücken zum Abgrund, senkrecht zur glitschigen Rinne, während ringsum das Wasser tost und Ruben und Emilio oben sichern.

Kuba - Canyoning

Das wars für heute, die letzte Wand. Weiter werden auch die künftigen Gäste nicht vordringen. Fünf Abseilstellen sind vom Einstieg bis hierher zu bewältigen, ein Wasserfall aufregender als der vorherige, keiner aber wie der am Anfang, mit immerhin 30 m Höhe. Ganz recht, da schießt das Adrenalin in tüchtigen Schüben ins Blut - aber der Höhenthrill ist nicht das einzig Begeisternde an diesem Tag. Kreuz und quer wie ein zerhauenes Mikadospiel sperren zersplitterte Bambusstangen immer mal wieder den Fluss Las Majaguas - der Wüterich, der so gehaust hat, war einer der 23 Hurrikane des letzten Jahres. Von bromelienüberwachsenen Ficus- und Ceibariesen baumeln Lianen, Kolibris blitzen smaragden im flirrenden Dschungellicht, eine Süßwasserlanguste flüchtet unter einen Überhang und ein fingergroßes Chamäleon müht sich um den hellgrauen Farbton der Königspalme, an deren Stamm es sitzt.

Kuba - Canyoning

Je nach Können aber kommt für die Reisenden der Zukunft auch der Cabagán in Frage, ein paar Täler weiter. Der Anmarsch verläuft durch über und über mit weißen Blütensternen beschneite, betörend duftende Kaffeesträucher. Der Fluss führt zu dieser Jahreszeit mehr Wasser, die Abstiege durch Kamine und schäumende Gischt sind spektakulär, aber auch für Anfänger zu bewältigen, und sie enden in tuffigen Grotten, deren Decken wie mit versteinerten Cremetupfern verziert scheinen.

Kuba - Höhlensystem

Im Neoprenanzug durch glasiges Grün treiben, über schlüpfrige Steine klettern, durch brusttiefe Gumpen waten, und all das ohne Furcht vor Giftschlangen oder Skorpionen: Canyoning ist Planschen im Wasser, gewürzt mit Sport und etwas Risiko - wer könnte da widerstehen? Deshalb soll die Flusswanderung im Nationalpark Topes de Collantes in der Sierra de Escambray die Zugnummer einer ganz neuen Reise werden: "Begegnung mit dem unbekannten Cuba". Daniel Dietz, kanarischer Partner des deutschen Reiseveranstalters Gomera-Trekking, ist schon zum zweiten mal vor Ort, um das Programm festzulegen. Begonnen hatte alles vor zwei Jahren: Auf der Suche nach einer Idee für einen ungewöhnlichen Privaturlaub war der 27-jährige Bergführer im Internet auf Berichte kubanischer Höhlenforscher gestoßen. Sie versuchten, Canyoning als Sportart auf der Karibikinsel heimisch zu machen. Eine Handvoll junger Leute erkundete versteckte Flüsse, ein kanadischer Reiseveranstalter sah sich gerade die Sache an - und Daniel Dietz, der schon fast ein Dutzend Reisen entworfen hat, witterte so etwas wie eine Sensation: Ein weißer Flecken auf der doch längst so geheimnislosen touristischen Weltkarte - gibt es das noch?

Kuba - Höhle

Er schrieb E-Mails, griff zum Telefonhörer und flog schließlich selbst nach Havanna. Dort waren die Canyoning-Freunde, zugleich Mitarbeiter der Reiseagentur "Cari Fish", bereits eifrig mit der Leitung des Nationalparks am Verhandeln, um die erforderlichen Genehmigungen zu bekommen. "Man braucht Geduld und Intelligenz, um die Lücke zu finden, zwischen den Möglichkeiten der Natur und den Beschränkungen der Administration" sagt Jaime durchaus doppelsinnig - und man ahnt ein wenig von den abgewiesenen Vorstößen, den hinhaltenden Nicht-Bescheiden, den erteilten und gleich wieder kassierten Zugeständnissen. Auch in Kuba ist es oberstes Ziel aller Büro-Karrieristen, jeder Art von persönlicher Verantwortung möglichst rechtzeitig und weitläufig aus dem Weg zu gehen. Gegen die verbreitete Devise "Ja, aber nein" helfen nur gute Verbindungen und ein ausreichendes Maß an Gefälligkeiten, die einflussreiche Leute einem schulden - vor zwei Wochen kam die endgültige Erlaubnis, Canyoning-Touren zu organisieren.

Kuba - Canyoning am Fluss Las Majaguas

Steht der Erkundung des "unbekannten Kuba" nun also nichts mehr im Wege? Gemach - an Hindernissen mangelt es auch weiterhin nicht. So soll, nach den Vorstellungen des Veranstalters, die Reise neben sportlichen Naturerlebnissen intensive Begegnungen mit Menschen ermöglichen - und schon tun sich die nächsten Probleme auf: Zwar ist Kubanern und Kubanerinnen der Kontakt mit Ausländern nicht verboten - außer in Form von "Belästigungen", und wo die beginnen, kann schon mal Auslegungssache sein. Dabei bewegen sie sich aber in einer Grauzone: Wer regelmäßig Fremde in sein Haus bittet, hat sich bald bohrenden Fragen zumindest der Vertreter der örtlichen "Komitees zur Verteidigung der Revolution"  zu stellen - dem guten Ruf ist das nicht unbedingt dienlich. Bei Bauern übernachten, spontan eine Bäckerei besichtigen oder sich abends zu den Dörflern in den Fernsehsaal setzen, wenn ganz Kuba bei "La cara oculta de la luna" mitfiebert, der heißdiskutierten Soap um Liebe und Aids - das geht so nicht. Kontakte herzustellen wird später erheblich vom Mut und der Cleverness des Reiseleiters abhängen. Abgesehen davon lässt sich auch auf Kuba die Gruppenreise nicht neu erfinden. Auch hier haben sich die Touristiker längst über das Reisen hergemacht und es in handliche "Produkte" zergliedert: Hotelübernachtungen, Transporte, Besichtigungen, Wanderungen. Diese Bausteine werden von Staatsfirmen gestellt, sie gilt es zu buchen - und zu bezahlen: "Kuba ist teuer", stöhnt Reiseplaner Dietz. "Die festgelegten Preise treiben die Kosten weit nach oben."

Kuba - Canyoning

Trinidad, das benachbarte Kolonialstädtchen, gehört, obwohl weltbekanntes Kulturerbe, mit ins Programm. Zwischen hohen Holztüren, eisernen Balkonen und Wänden in Meergrün, Azurblau, Maisgelb und Altrosa können die Teilnehmer auf eigene Faust losziehen. In verschwörerischem Ton lädt eine junge Frau an einer Ecke zum Essen bei sich zuhause ein. Nur wenige Privatleute haben noch die Lizenz, ein Restaurant zu betreiben. Wer ohne erwischt wird, oder gar, wie er Raritäten wie Rindfleisch oder Langusten serviert, die staatlichen Hotels vorbehalten sind, riskiert vier Jahre Gefängnis. Während die gefrorene Languste im Innenhof auftaut, frittiert die Mutter in der Küche Bananenchips. Nein, empört sie sich, selbst sie, die einmal mit der Waffe in der Hand für die Revolution gekämpft habe, könne nicht mehr akzeptieren, was heute vor sich gehe im Staat: Wie Polizistengrünschnäbel alte Frauen, die ein paar Schmuckketten verkauften, von der Straße weg verhafteten. Wie jeder irgendwann mal irgendein Gesetz brechen müsse, um halbwegs menschlich zu überleben. Und wie die missgünstigen Nachbarn einen stets bespitzelten. "Nicht die US-Blockade blockiert uns - wir blockieren uns selbst!" 

Immer mehr wird die Begegnung mit dem unbekannten Kuba zu einer Reise in seine unbekannte Befindlichkeit. Und immer deutlicher zeigt sich: Die, die mit ihren Ideen, ihrer Dynamik und dem Wunsch nach besseren Lebensverhältnissen immer wieder an die Grenzen des Systems stoßen, sehnen einen Wandel herbei. Und werden dabei manchmal blind für das Erreichte: Emilio muss wegen eines eiternden Backenzahns in Havanna in die Klinik. Und wundert sich doch sehr, zu hören, dass es alles andere als einfach sein dürfte, in Deutschland an einem Donnerstagabend um 21 Uhr 15 einen arbeitenden Zahnarzt aufzutreiben. Der zudem keinen Cent kassiert.
Wer aber, wie die Älteren vor allem und viele Menschen auf dem Land, der Revolution dankbar ist für ein bescheidenes Überleben, für Schulen und nicht zuletzt für seine Würde, für den kann Fidel gar nicht lange genug leben.

Kuba - Höhlensystem

Das Höhlensystem von Santo Tomás

Unter blassweißen Wölkchen am blassblauen Himmel und Geiern, die hoch über den Palmen kreisen, führt die wenig befahrene Autobahn in den Westen der Insel. Das Tal von Vinales ist das, was man gern ein "gesegnetes Fleckchen von tropischer Fülle" nennt: Das Postkarten-Kuba der Ochsengespanne, grünen Tabakfelder und palmstrohgedeckten Trockenschuppen. Seine unbekannte Seite bleibt erst einmal verborgen, tief in den Mogotes, jenen Felskegeln, die wie Elefantenrücken aus der roten Erde aufsteigen. Das Höhlensystem von Santo Tomás ist das größte Kubas, rund 300 weit verzweigte Kilometer auf acht Ebenen übereinander. Einer davon ist für Touristen hergerichtet worden, aber nun erweist es sich als besonders glücklicher Umstand, mit Höhlenforschern unterwegs zu sein: Ihre Kollegen sind sofort bereit, das Grüppchen durch den "Salon de Caos" bis zum Gang "escarlata" zu führen, dem scharlachroten, der eigentlich für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Und im Schein der Stirnlampen öffnet sich eine grandiose, zerbrechliche Welt.

Da ragen Säulen hoch, als wären Geysire im Sprudeln erstarrt. Alabasterne Lüster hängen von der Decke, aus den Wänden wachsen steinerne Rosen und zerbrechliche Schalen, die klingen, wenn man dagegen klopft. Überall talgige Troddeln, kalkige Bärte, Orgelpfeifen aus Elfenbein. Mal scheint es, der Berg schiebe steinerne Wurzeln in den Grund, dann wieder meint man, ein Riesenhai habe sich mit scharfen Zahnreihen durch den Fels gebissen. Von haarfeinem kristallinem Gespinst bis zu tonnenschweren Pfeilern kreiert das ewig tropfende Wasser die abenteuerlichsten Formen - nur für sich, und ein paar glückliche Wissenschaftler, die sie zu Gesicht bekommen.

Eine Begegnung steht noch aus: Beim letzten Besuch hatten Daniel und seine Kollegen bei Freunden in einem der weit abgelegenen Täler übernachtet. Die Begeisterung ist überschäumend, als sich der Wagen endlich die Piste mit den wannengroßen Schlaglöchern ins Dorf hochgekämpft hat. Fotos gehen von Hand zu Hand, die Besucher von Haus zu Haus, von einem "cafesita" zum nächsten süßen starken Käffchen. Juana, die in der Tabakkooperative arbeitet, wirft von einem Moment zum anderen alle Sorgen und jegliche Bedachtsamkeit über Bord: Warum an morgen denken - ein Huhn muss jetzt her, Kartoffeln, und der kleine Miguelito wird auch gleich noch nach einem Kaninchen geschickt. Mit gesenkter Stimme beratschlagt man, wer wo Rum kaufen kann, und eine Flaschen Aguardiente auch, den billigen, gnadenlosen Zuckerrohrschnaps. Im Küchenschuppen brät Juana schon mal Kartoffelchips, während Diego, über 80 und halbblind, beschwingt alte Liebeslieder vor sich hin brummt. Chico, der Reiseführer, engagiert sich mit der hübschen Nachbarin Pilar im kubanischsten aller kubanischen Volksstücke: Macho meets Mieze. Es ist Anmache in Vollendung: "Nicht Baseball ist unser Nationalsport", grinst er später, "sondern die Jagd!" Und während sich im Schein der Kerosinlampe die mit Reis, Bohnen und Fleisch überhäuften Teller allmählich leeren und Juanas glänzendes schwarzes Gesicht vor Glück erstrahlt, weil es den Gästen so ganz offensichtlich schmeckt, werden die sich immer mehr bewusst: Hier, in dieser einfachen Bretterhütte, schlägt heute abend das Herz des Landes. Auch die Teilnehmer der Reisen "Unbekanntes Kuba" werden es entdecken, später, irgendwo anders.

Website des Autors: www.franz-lerchenmueller.de



Reiseveranstalter Kuba




 

Twitter
RSS