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Männersache: das Kafeníon

Wer das wirkliche Kreta von heute kennenlernen möchte, der muss schon die touristischen Zentren an der Küste verlassen und durchs Land und in die kleinen Dörfer fahren.

An keinem Ort läßt sich kretische Mentalität so gut studieren wie in einem traditionellen Kafeníon. Jedes Dorf, mag es auch noch so klein sein, verfügt über mindestens eines dieser typischen Kaffeehäuser. Meistens sind es sogar zwei, denn der Besuch "seines" Kafeníons hängt für jeden Kreter mit der politischen Ausrichtung des Wirts zusammen. Ein Anhänger der sozialistischen PASOK etwa wird das Kaffeehaus eines der konservativen Nea Demokratía nahestehenden Wirts meiden.

Ein Kafeníon ist meist sehr einfach eingerichtet: schlichte Holztische und Stühle, im Sommer draußen, während der kälteren Jahreszeit drinnen um einen Ofen herum. Häufig liegt das Kafeníon des Dorfes an der Platía, dem Dorfplatz, oder in der Nähe der Kirche. Und hier trifft man sich zu jeder Tageszeit. Wobei "man" durchaus doppelsinnig zu nehmen ist, denn das Kafeníon ist traditionellerweise der Treffpunkt der Männerwelt. Nicht dass es für Frauen verboten wäre, doch immer noch ist weiblicher Besuch eine Ausnahme - von Touristinnen natürlich abgesehen. Oft sitzen die Männer hier stundenlang im Schatten einer Platane oder eines Maulbeerbaums, nippen an einem Tässchen Kaffee und an dem obligatorisch dazu servierten Glas Wasser - und warten, beobachten und reden. Hier geht es um Politik, die große des Landes wie die örtliche, um Klatsch und Tratsch des Dorfes und um den Abschluss wichtiger Geschäfte.

Das Kafeníon ist eine unersetzbare soziale Instanz zur Regelung dörflicher Angelegenheiten, zum Austausch von Informationen, zur Meinungsbildung. Hier treffen sich alle, ungeachtet der sozialen Stellung - und vor allem an arbeitsfreien Sonntagvormittagen scheint sich hier tatsächlich der gesamte männliche Teil eines Dorfes zu versammeln. Doch das Kafeníon fungiert auch als Ort der sozialen Kontrolle, sozusagen als Bollwerk gegen Ausbruchsversuche aus der dörflichen Tradition. Nicht selten weilt der Pope des Dorfes als Gast, bisweilen ist er sogar der Besitzer des Kaffeehauses.

Im Kafeníon wird klar, wie anders hier mit Zeit umgegangen wird, wie man beim Karten- oder Tavlispielen, beim Reden oder einfach nur Herumsitzen eine Kultur des Müßiggangs zu pflegen weiß, deren zumindest ansatzweise Nachahmung manchem von uns hektischen Mitteleuropäern ein größeres Stück Lebensqualität bescheren würde.

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