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Zwischen Vulkanen und Hotelburgen

Eine zwiespältige Entdeckungsreise auf Gran Canaria

Text und Fotos: Alexandra Heil

Gran Canaria genießt nicht gerade den besten Ruf: Touristeninsel, Ballermann-Hochburg, Billig-Absteige – die Insel hat es nicht leicht, sich als sehenswertes Urlaubsziel zu behaupten. „Miniaturkontinent“ wird sie dennoch anerkennend genannt, von denen, die sie lieben: wegen ihrer verschiedenen Klimazonen und der dadurch bedingten unterschiedlichen Landschaftsbilder. Wir beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Gran Canaria Promenade

Unsere Rundreise beginnt – wie sollte es anders sein – in Punta de Gando im Osten der Insel, genauer: am Flughafen. Sie führt uns von dort aus zunächst in Richtung Norden und damit zur Rumfabrik von Arucas etwa fünfzehn Kilometer westlich von Gran Canarias Hauptstadt Las Palmas. Die 1884 gegründete Destille gilt als Wahrzeichen der kanarischen Wirtschaftsgeschichte und als die schönste Sehenswürdigkeit der Stadt – das macht uns stutzig.

Sehenswürdigkeiten verstecken sich

Dennoch: unsere Reise geht ungetrübt weiter, zunächst an den Stadtrand von Las Palmas, die mit 355.000 Einwohnern größte Stadt des kanarischen Archipels und überhaupt eine der größten Städte in ganz Spanien. Dann direkt ins Zentrum der Hauptstadt und damit in das Stadtviertel Vegueta, dem Entstehungskern der Insel, der einst von einer Mauer umgeben war – einzelne Fragmente zeugen heute noch davon.

Gran Canaria Las Palmas

Moderne Großstadt: Las Palmas

Laut Reiseführer halten Alt- und Neustadt (Foto unten) jede Menge Sehenswürdigkeiten bereit: Die Kathedrale im gotischen und neoklassischen Stil, das Centro Atlántico de Arte Moderno mit einer bedeutenden Sammlung zeitgenössischer Kunst, die Casa de Colón, zu deutsch „Haus des Kolumbus", das Kanarische Museum mit einer angeblich kompletten Ausstellung über die Ureinwohner der Inselgruppe, die Guanches, das Museum der Schönen Künste und das Museum Pérez Galdós im ehemaligen Wohnhaus des gleichnamigen Schriftstellers.

Gran Canaria Straße Las Palmas

Strahlender Sonnenschein, ein ganz normaler Mittwoch, und auf den Straßen nichts los. Die Fußgängerzonen wie ausgestorben, die Cafés wie leergefegt. „La catedral“ – geschlossen. Das Kolumbusmuseum und die Bibliothek – geschlossen. Das Museum Pérez Galdós – geschlossen. Von außen bieten die Gebäude ein armseliges Bild: Ungepflegt bis restaurierungsbedürftig, die Wände mit Graffiti beschmiert. Ein Ausnahmezustand? Nein, ein ganz normaler Alltag, erfahren wir von einem Hauptstadtbewohner. Man scheint auf Touristen nicht eingestellt zu sein, denn die halten sich alle an den Badeorten auf.

Badeurlauber präsentieren sich

Zum Beispiel in Las Canteras westlich der Hauptstadt. Hier ist das Meer ruhig und der Strand goldfarben – nimmt man jedenfalls an. Denn sehen kann man ihn nicht, er ist gepflastert mit sonnenhungrigen Touristen, die sich in der Sonne aalen. Übrigens überwiegend Deutsche. Wer vor diesem Extrem-Tourismus in Richtung Westen flüchtet, gelangt nach Guia an die Costa Blanca – anders als der Name vermuten lässt, ist dieser Küstenstreifen keine reine Touristenregion.

Gran Canaria Strand

Der klassische Strandurlaub

Der gewachsene Ort Santa María de Guía zum Beispiel, der im Osten an die Gemeinde Moya und im Westen an Gáldar grenzt, liegt 180 Meter über dem Meeresspiegel und weist die Form eines Dreiecks auf. Er wird von einer Felsenküste eingerahmt, an deren Steilhängen man die Kraft der Erosion erkennen kann – ein erholsames Naturschauspiel nach dem enttäuschenden Hauptstadtbesuch.

Die Hauptverbindungsstraße führt weiter nach Sán Nicolás de Tolentino, einer wohlhabenden Gemeinde mit 8.000 Einwohnern. Die Einheimischen nennen diesen Ort Aldea – Dorf, die Küste heißt entsprechend Playa de la Aldea. Hier ist es steil und felsig, wunderschön anzusehen, aber nichts für Badeurlauber. Entsprechend wenige Touristen sind hier. Wenn man von San Nicolás aus Richtung Mogán fährt, kommt man zu dem kleinen Ort Tasartico.

Gran Canaria Hafen

Schon etwas authentischer: der Hafen von Arguineguin

Von dort aus erreicht man einen wirklich schönen Strand, den Playa del Asno, am besten zu Fuß, aber auch mit dem Auto über eine Schotterpiste. Dieser Strand wird meist nur von Einheimischen besucht – Touristen sieht man kaum.

Wer Spanisch spricht, hat schlechte Karten

Gtran Canaria Hotelburg

Ganz anders am weiter südlich gelegenen Playa de Güigüí, dem angeblich schönsten Strand der Insel. Dass man hier besonders gut baden kann, hat sich offenbar herum gesprochen, denn man findet mehr Touristen, als einem lieb ist. Das nur zu oft abgelichtete Bild der sonnenbadenden Blasshäute – hier ist es wieder. An den Stränden Playa de Mogan und Playa Puerto Rico dann scheint die Zahl der Touristen pro Quadratmeter kontinuierlich zu steigen. Die Landschaft ist entsprechend: weiße Hotelburgen, unzählige Restaurants, Surf- und Segelschulen. Der Strand ist künstlich, das Urlaubs-Feeling auch.

Doch es geht noch schlimmer: Im Gran Canarias Süden nämlich, den Badeorten Playa de Maspalomas und Playa del Inglés. „Über 17 Kilometer des Küstenbereiches sind mit einer beträchtlichen Anzahl von Freizeitanlagen bestückt und dazu bestimmt, aus dem Urlaub die schönsten Wochen des Jahres zu machen…“ So oder ähnlich lesen sich die meisten Reisebeschreibungen der Touristenmeile im Süden Gran Canarias. Eine euphemistische Beschreibung dessen, was einen wirklich erwartet: Hotelburgen, Fast Food-Ketten, Kneipen, Billig-Schmuck. Alles in deutscher Hand. Links ein Schild „Kölsch vom Fass“, rechts ein Hinweis „Original Düsseldorfer Altbier“. Hier fühlt man sich zu Hause!? Wer seine Grundkenntnisse in Spanisch an den Mann bringen will, hat schlechte Karten: Man spricht Deutsch. Speisekarten, Wegbeschreibungen, Veranstaltungshinweise – alles auf Deutsch.

Gran Canaria Radtour ins Hochland

Auch das ist Gran Canaria: Radtour durchs Hochland

Der Strand von Maspalomas bietet genau das Bild, das man von Urlaubspostkarten und Fotoreportagen kennt. Deutsche Touristen braten in der Sonne, dicht an dicht, wie die legendären Sardinen in Öl. Die leeren Bierflaschen auf der einen Seite, die vollen auf der anderen. Auch die Suche nach einem gewachsenen Kern desillusioniert: Der Betonklotz Faro II gilt als architektonisch wertvolles Shopping-Center. De Facto ist es eine gesichtslose Ansammlung kleiner Boutiquen, Restaurants, Pizzerien, Steak-Häusern und Souvenir-Shops.

Flucht ins Landesinnere

Von hier aus kann man in zwei Richtungen flüchten: zum etwa 60 Kilometer entfernten Flughafen oder ins Landesinnere der Insel. Wer sich für Letzteres entscheidet, versteht plötzlich, wie jemand die Insel „Miniaturkontinent“ betiteln konnte. Denn hier öffnet sich dem Besucher ein völlig anderes, durchaus beeindruckendes Bild: Vulkanisches Gestein, fruchtbare Täler und Stauseen bilden das grüne Herz der Insel.

Gran Canaria karges Hochland

Karg und einsam: das Landesinnere

Der Norden profitiert von den Passatwolken, hier regnet es immerhin so oft, dass sich dichte Wälder bilden und große Plantagen für Zitrusfrüchte angelegt werden konnten. Der Süden zeigt sich karger, rauer, ursprünglicher. Hier imponieren gewaltige Bergmassive schon allein durch ihre Größe.

Aber wer glaubt, hier oben allein zu sein, irrt: Sporturlauber machen auch vor den kühlen Höhen nicht Halt – man findet sie vorzugsweise auf Rennrädern, aber auch als Wanderer und sogar als Jogger. Gran Canarias Inselmitte ist darauf eingestellt: mit Snack-Bars und Schnell-Restaurants am Straßenrand, mit kostenpflichtigen Aussichtsplattformen und großzügig angelegten Parkplätzen. Trotzdem: wenn Gran Canaria etwas typisch Spanisches zu bieten hat, dann hier. Valsequillo de Gran Canaria, Vega de S. Mateo, S. Bartolome de Tirajana – in den im Inselinnern gelegenen Städten geht es ursprünglicher zu. Wer sucht, findet hier die eine oder andere malerische Gasse und hin und wieder sogar eine touristenfreie Zone.

Gran Canaria kleine Gasse

Malerische Gasse

In Gran Canarias Mitte befindet sich auch der Pico des los Nieves, der höchste Berg der Insel, der eine Aussicht auf den gesamten Süden, Westen und Norden von Gran Canaria freigibt - bei klarem Wetter sogar bis hin nach Teneriffa. Dass man mit groß angelegten Parkplätzen, Eisständen und Postkartenverkauf auf einen entsprechenden Touristenansturm vorbereitet ist, versteht sich von selbst…

 

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