Käptn´s Log: Tag 3
Showtime. Vor uns liegt Schleuse 31 und dahinter Buckhorn, ein Örtchen wie aus dem Modellbaukasten. Früher war Buckhorn ein Jagdcamp für reiche Amerikaner. Heute treffen sich hier braungebrannte Freizeitskipper und fachsimpeln in hübschen Restaurants und Cafés über alles, was schwimmen kann.
Ganz ruhig. Bis zur blauen Linie fahren, hat Ron gesagt. Wenn wir dahinter anlegen, wisse der Schleusenwärter, dass wir passieren wollen. "Locking through" heißt das hier. Als wir uns jedoch der Schleuse nähern, bemerke ich zwei unangenehme Dinge zugleich. Auf den Booten rechts und links entsteht Unruhe. Die Yachtbesitzer gehen mit besorgten Gesichtern und langen Stangen in Stellung, um Unheil von ihren teuren Spielzeugen fernzuhalten. Zweitens: Wir befinden uns in einer Einbahnstraße, sauber zurücksetzen ohne anzuecken übersteigt meine nautischen Fähigkeiten. Eine winzige Parklücke ist übrig, vorn links, zwischen zwei mehrere Stockwerke hohen, vor Elektronik strotzenden Luxusyachten. Von Einparken hat Ron nichts gesagt! Mir bricht der Schweiß aus, ich gebe sinnlose Kommandos, das Steuer gehorcht nicht mehr - natürlich, Wasser hat keine Balken, und Hausboote reagieren langsamer als Schildkröten. Schließlich stehen wir quer, mit dem Heck ein Schnellboot touchierend, mit dem Bug auf die Parklücke zeigend. Jemand erbarmt sich unser, schnappt sich unsere Leine, macht sie an der Mole fest und zieht uns heran. Ich setze behutsam zurück, woraufhin sich auch unser Heck langsam an die Pier bequemt. "Bella Figura" haben wir nicht gerade gemacht, aber das ist jetzt egal. Jetzt wissen wir's: Nichts kann uns mehr erschüttern.
Die Kawartha Lakes liegen auf dem Scheitelpunkt des Trent-Severn Waterway. Zur Georgian Bay sind es drei, vier Tage, über die Lakes Simcoe und Couchiching und dann den Severn River entlang. Die Reise hinab zum Lake Ontario führt über die Flüsse Otonabee und Trent und dauert ebenso lange. Höhepunkt auf diesem Abschnitt ist das höchste "Lift Lock" der Welt bei Peterborough, ein riesiger Schiffsfahrstuhl, in dem die Boote in überdimensionalen Badewannen 20 Meter abwärts transportiert werden.
Es knackt im
Lautsprecher. "Egan Houseboat, schließen Sie auf und
legen Sie links an!" Der Schleusenmeister, ein stämmiger
Ojibwa-Indianer im Trenchcoat, ist hier absoluter Herrscher. Ein
Boot nach dem anderen schippert in die Schleusenkammer und macht
an den senkrecht verlaufenden Hartgummiseilen fest. Die Kommandos
aus dem Lautsprecher sind kurz und präzise.
Erstaunlich, wie
schnell die Routine kommt. Nach dem Erlebnis von vorhin fühlen
wir uns schon fast wie alte Hasen. Wir wickeln unsere Taue brav
um die Gummiseile und halten, während der Wasserspiegel um
drei Meter sinkt, die Schlaufen fest, als hätten wir nie etwas
anderes gemacht. Als sich das Schleusentor vor uns öffnet,
tuckern wir hinaus auf den Lower Lake Buckhorn, stolz, die Reifeprüfung
für Hausbootfahrer bestanden zu haben.
Der Lower Lake Buckhorn bietet Kanada wie auf Ansichtskarten. Zum Granit an den Ufern kommt jetzt heller Kalkstein, zu den Kiefern gesellen sich silberblättrige Birken. Das Wasser ist klarer als im Pigeon Lake, die Inseln noch zahlreicher als im oberen Buckhorn-See. In der Deer Bay legen wir eine Badepause ein, springen vom Sonnendeck in´s Wasser und trocknen in der warmen Nachmittagssonne. "Welche Insel hätten´s denn gern?", heißt das Spiel des Abends. Wir entscheiden uns für ein hübsches Eiland mit Bucht nahe der Schleuse 32.Den Motor gedrosselt und langsam heran, die Taue um die Bäume gewickelt und den Anker geworfen: Wir sind ein eingespieltes Team. Dann erkunden wir "unsere" Insel und fühlen uns wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Kein Mensch zu sehen, niemand zu hören. Abends brutzeln die Hamburger auf dem Grill, es gibt einheimischen Gerstensaft der Marke "Upper Canada Lager", und während die untergehende Sonne den Himmel erst rot, dann purpur anmalt, bemitleiden wir einmal mehr alle, die daheimgeblieben sind.
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