Kanada - Im Hausboot durch Ontario
Wenn der Eistaucher das Wiegenlied singt

Text und Fotos: Ole Helmhausen

Eigentlich bin ich eine Landratte und habe großen Respekt vor Schiffsvolk. Wie dieses sich in allen Gewässern zurechtfindet, Maschinenschäden behebt, Taue knotet und überhaupt immer und zu jeder Zeit Herr der Lage ist, bringt mich stets aus der Fassung. Und ihre schwimmenden Untersätze erst. Sie sind für mich die Domäne jener Leute, die entweder beruflich damit zu tun haben oder aber mit ihrem Geld nichts besseres anzufangen wissen. Kurzum: Mit Schiffe(r)n habe ich nicht viel zu tun.
Über die Idee, ein Hausboot-Wochenende auf den Ontario´s Kawartha Lakes bin ich zwar selbst gekommen, doch nicht ganz frei von Beklommenheit. Meiner Frau sagte ich, dass uns das Wochenende auf dem Wasser gut tun werde. Auch sie kennt Wasser nur aus dem Hahn. Sie sagte: "Das kann ja heiter werden."

Käptn´s Log: Tag 1.

Ron Egan`s Hausboote ankern bei Omemee am Südende des Pigeon Lake, anderthalb Autostunden nördlich von Toronto. Der See gehört zur Seenplatte der Kawartha Lakes, dem schönsten Teil des historischen Trent-Severn-Waterway, einer 400 Kilometer langen Wasserstraße vom Lake Ontario quer durch Zentral-Ontario bis hinauf zur Georgian Bay.

Ron, ein braungebrannter Fünfziger in Shorts und Sweatshirt, sagt "Hi" und führt uns zur Pier. Dort liegt "Egan Houseboat No. 532", unser Domizil für die nächsten Tage. Es ist ein Deluxe-Modell der Marke Sunburst Seahawk, zehn Meter lang, mit zwei Aufenthaltsräumen, Küche, Toilette, heißer Dusche, Barbecue am Heck und einem 100 PS-starken Volvo-Außenborder. Aus der Sitzecke im hinteren Teil wird mit wenigen Handgriffen ein Doppelbett, ein zweites kann von der Decke heruntergelassen werden. Vorn befindet sich ein drittes.

Wir verstauen unsere Koffer in clever installierten Wandschränken. Decken und Kopfkissen mussten wir mitbringen, Geschirr und Besteck sind schon da. Hinten führt eine Leiter auf's Dach. Oben kann man sonnenbaden und das Boot mittels der "flybridge", einer Art Fernsteuerung, lenken. Im Bootshaus schauen wir uns noch eine einführende Diashow an, in der von Kartenlesen und korrektem Verhalten auf den Seen und in den Schleusen die Rede ist, dann geht´s los. Es wird bereits dunkel, aber wir wollen nicht die erste Nacht am Steg vertäut zubringen. Wir wollen Romantik und stechen in See. Bis zum Ankerplatz, einem Schilfgebiet etwas nördlich, sind es 45 Minuten. Wir sollen uns beeilen, hat Ron gesagt, nachts ist Fahren auf den Seen verboten. Nach dreiviertel Stunden sind zwar die Lichter der Häuser am Ufer zu sehen, nicht aber das Schilf. Der Adrenalinspiegel steigt, diverse Katastrophenszenarios stehen unausgesprochen im Raum. "Wären wir bloß am Steg geblieben", flüstert die Mannschaft und nagt nervös an der Oberlippe. Als wir die Richtung nur noch ahnen, drehen wir auf gut Glück bei und tasten uns ans Ufer heran. Der schwarze Streifen achteraus, ist das wohl Schilf? Ich gehe nach vorn und wuchte den Anker ins Dunkel. Es platscht nicht, sondern kracht. Hoffentlich sind das nur die Büsche, von denen Ron gesprochen hat. Das Boot liegt still. Aus dem geplanten Candlelight-Dinner wird an diesem Abend nichts - in der Aufregung haben wir die Streichhölzer für Gasherd und Kerzen vergessen. Missmutig kriechen wir mit kalter Platte im Bauch in die Falle. Hoffentlich hält der Anker.

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