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Ontarios „Cottage Country“

Luxus und Wildnis im südlichen Zentrum Kanadas

Text und Fotos: Hilke Maunder

Muskoka ist Ontarios „Cottage Country“: Wer gut betucht ist, hat hier ein Ferienhaus – umgeben von glitzernden Seen, tiefen Wäldern, bizarr zerklüfteten Felsformationen und Abermillionen von Cranberries.

Kanada - Ontario - Bootshütte am Lake Rousseau
Bootshütte am Lake Rousseau

Zehn Meter vom Golfplatz entfernt ruft die Wildnis. Überall gurgelt und gluckert es. Kleine Frösche springen von Moosinseln in einen sumpfigen Dschungel. Zwischen toten Baumstämmen, die glatt und schwarz in den Himmel ragen, wachsen leuchtend grün junge Maple Leaf-Bäume. „Hier haben Biber ihren Burg“, sagt Robin Tapley und zeigt auf einen Haufen, aufgetürmt aus Ästen und Zweigen, am Ufer eines Tümpels. Wenig weiter ist auch ihr Damm erhalten: Fast drei Meter hoch staut eine Wand aus Vegetation und Schlamm das Wasser im Auwald zu einem Weiher, auf dem Hunderte von Enten schnattern.

Luxus mit Seeblick

Kanada - Ontario - das 1869 gegründete Clevelands House Hotel und The Rosseau als erstes J W Marriott
J W Marriott-Hotel im Red Leaves Resort

Das 2,9 Quadratkilometer große Naturschutzgebiet am Ufer des Lake Rousseau gehört zu einem der ehrgeizigsten Tourismusprojekte des kanadischen Bundesstaates Ontario. „Nicht die Region, sondern wir sind die Destination“, sagt Marketing-Managerin Leah Lesley. „Das Resort ist das Reiseziel“. 500 Millionen Euro wurden bislang in Ontarios ersten Fünfsternekomplex Red Leaves gesteckt. Zu der 6,7 Quadratkilometer großen Anlage gehören der von Nick Faldo angelegte 18-Loch Golfplatz „The Rock“, ein Privatstrand mit Bootsanleger, das 1869 gegründete Clevelands House Hotel und The Rosseau als erstes J W Marriott-Hotel Kanadas. Als trutziges Ensemble aus dunklem Zedernholz und grobem Granit klettert das Fünfsternehaus mit seinen beiden, durch eine geschützte Brücke verbundenen Bauten vom See den Hang hinauf. Im Haupthaus „Longview“ verbergen sich Restaurants, Konferenzräume, Spa und 178 Zimmer, im „Paignton House“ weitere 43 Condiminiums, die von Marriott ebenfalls genutzt werden, aber nicht dem Hotelbetreiber gehören. Sie wurden bei einer Auktion an meistbietenden private Investoren verkauft – die kleinste dieser „Condos“ oder Eigentumswohnungen kam für 300.000 Euro unter den Hammer, das Zweizimmer-Penthouse mit Seeblick für mehr als eine Millionen Euro.

Ebenfalls auf dem Gelände des Resorts, das mit Wanderwegen und Joggingstrecken durchzogen ist, liegt eine weiße Holzvilla mit Seeblick – Domizil der „Artists in Residence“, die in der Saison hier arbeiten und ihre Werke verkaufen. Am kleinen Anleger leuchtet rot ein Möbel-Klassiker:  Der Muskoka Chair, Ontarios Antwort auf den 1903 von Thomas Lee erfundenen Adirondack Chair. Kein anderer Stuhl ist derart bequem und zugleich praktisch. In Kanada findet man ihn auf jeder Terrasse, in jedem Garten und vor allem in den Ferienhütten, wo er bevorzugt mit Seeblick auf Veranda oder Dock aufgestellt wird. Seine Form passt sich dem sitzenden Körper perfekt an. Die breiten Armlehnen bieten eine Ablage für Getränke oder Bücher und machen einen Tisch größtenteils überflüssig.

Kanada - Ontario - Abendliche Muße am Lake Rousseau
Abendliche Muße am Lake Rousseau

Nichts geht ohne Kajak

Der Uferpfad endet an der Wallace Marina, einem Komplex aus grau gestrichenen Bootshäusern, Tankstelle und Shop am Kieselstrand. Zu Dutzenden liegen Kanus und Kajaks auf Trailern. „Outdoor Ed(ucation)“ ist Unterrichtsfach,“ sagt Bruce, im Hauptberuf Lehrer in Minett, und greift nach einem roten Kanadier. „Alle kanadischen Kinder lernen in der Schule, wie man Kanu und Kajak fährt und in der Wildnis ohne Hilfsmittel überlebt.“ Bei der Abschlussfahrt in der High School schlafen die Jugendlichen in selbst gebauten Schutzhütten aus Holzstangen und Tannenreise, frisch gefangene Fische und Beeren ergänzen den Speiseplan. Eine Woche lang sind sie so unterwegs, waschen sich in Flüssen und Seen, entdecken sich selbst – und verwurzeln mit der Heimat.

Kanada - Ontario - Paddeltour mit Nature Guide Meredith und der Tochter der Autorin auf dem Lake Rosseau
Paddeltour mit Nature Guide Meredith und der Tochter
der Autorin auf dem Lake Rosseau

Schimmernde Wasser

Ontario bedeutet in der indianischen Sprache so viel wie „schimmernde Wasser“. 400.000 Seen gibt es im Bundesstaat, 1.600 allein in Muskoka. Und nie schimmert das Wasser schöner als im Indian Summer, wenn sich die dichten Laubwälder rot verfärben und der Morgennebel täglich neu sein undurchsichtiges Kleid über die Muskoka Lakelands ausbreitet. Ihr heutiges Gesicht verdankt die Landschaft der letzten Eiszeit, als mächtige Gletscherströme den Südrand des kanadischen Schild abhobelten, mit ihren Zungen tiefe Becken gruben, die sich mit Wasser füllten, und Moränenhügel anhäuften, die heute dichte Laubwälder bedecken.

Kanada - Ontario - Entspannte Paddelpause
Entspannte Paddelpause

Die Dramatik der mal kargen, dann wieder fast lieblichen Landschaft begeisterte die Maler der kanadischen „Group of Seven“ so sehr, dass sie um 1930 regelmäßig hierher kamen, um die Szenerie in Gemälden festzuhalten. Mit ihnen kamen gut betuchte Bürger aus dem zwei Autostunden entfernten Toronto und errichteten im späten 19. Jahrhundert prachtvolle Holzvillen an den Ufern der Seen. Muskoka wurde trendy. Der frühere US-Präsident Woodrow Wilson (1913 – 1921) verbrachte viele Sommer am Lake Rousseau und erwarb mit Forman Island sein privates, abgeschiedenes Refugium, und auch die US-Schauspielerin Goldie Hawn, Kurt Russell, Steven Spielberg und Tom Hanks haben in Muskoka  ein Ferien-Domizil. Ab drei Millionen Euro verkauft der Makler in Bala derartige „Cottages“.

Kanada - Ontario - Lake Rousseau
Kleines Bootshaus am Lake Rousseau

Die Cranberry-Hauptstadt

Bala liegt am Südende von Lake Muskoka. Alljährlich im Oktober färben sich seine glasklaren Fluten tiefrot – dann werden in der Kleinstadt wieder Cranberries geerntet, die Anbauflächen dazu mit Wasser geflutet und die Früchte mit mechanischen Wasserrädern vom Strauch gelöst. Wegen ihrer Luftkammern schwimmen die Beeren an der Oberfläche und können so leicht mit großen, länglichen Holzsieben abgeschöpft werden.

Am Wochenende nach Thanksgiving beobachten Hunderte Schaulustige das Spektakel: Seit 25 Jahren feiert Bala als Kanadas Cranberry-Hauptstadt die Ernte der berühmten Beere mit Wettbewerben im Backen, Handarbeiten, Schnitzen und anderen Künsten. Vor jedem Haus weht rot-weiß die kanadische Flagge im Wind, eine leichte Brise weht Live-Musik vom Schlemmermarkt herüber. Dort lassen sich Cranberries in jeder Form verkosten – als Wein, Marmelade, Kuchen, Fondant und vieles mehr. Für die Besucher werden nicht nur Sonderparkflächen an Land, sondern auch am Seeufer eingerichtet: Nicht nur für die Besucher des Festivals sind Kanu und Kajak bis heute Hauptverkehrsmittel.

The Kee

„Zu den großen Traditionen in Muskoka gehört auch die Paddeltour zur „Kee“ in Bala“, erzählt  Ray Cockburn, der 1963 die wohl berühmteste Konzerthalle Kanadas kaufte. Als ihr Gründer, Gerry Dunn, 1929 seine Bühne in einer weiße gestrichenen Holzhütte am See eröffnete, waren es nicht nur die Musik, die das Publikum begeisterte – sondern auch das außergewöhnliche Ambiente: Palmen,  Blumenampeln und versilberte Zweige schmückten den Tanzsaal, dessen Schmuckstück auf der abgesenkten Tanzfläche ein vielfarbig plätschernder Brunnen war. In lauen Sommernächsten zog es verliebte Pärchen auf die große Veranda am See, in dem die Lichter der Cottages und Boote wie Sterne funkelten. „Dunn’s Pavilion“ war so beliebt, das Gerry 1942 mit dem Bau der heutigen, größeren Konzerthalle begann. Sechs Tage die Woche spielten hier im Sommer die Stars; auf Jazzer wie Duke Ellington und Louis Armstrong folgten in den 1960er Jahren Rockgröße wie David Wilcox, Kim Mitchell, Burton Cummings und weit später Jeff Healey. Nach Punk, Techno und Hip Hop ist „The Kee at Bala“ heute bei Pop und Balladen angekommen – mit David Wilcox, Kim Mitchell und anderen nordamerikanischen Stars. Und da sie „The Kee“ kennen und lieben, liegt inmitten von Lautsprechern, Lampen und Instrumenten ein Kajak im Trailer.



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