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Kamerun im Überblick

Als der kamerunische Geograph Jean Felix Loung 1973 den Satz niederschrieb „Le Cameroun – c`est l`Afrique en miniature“ wird er nicht im Traum daran gedacht haben,dass sich noch Jahrzehnte später Reisebuchautoren und Reiseveranstalter aller Couleur seiner griffigen Formulierung bedienen würden. Doch verwunderlich ist das nicht, bringt er doch die Sonderstellung Kameruns auf den Punkt: Die vielen Facetten des Kontinents, die sich auf seinem Territorium zu einem atemberaubenden Mosaik afrikanischer Erlebniswelten vereinen, seien es die kulturellen und religiösen Traditionen einer vielstimmigen Völkermelange, die artenreiche Vegetation und Tierwelt oder die fesselnden Landschaften des tropischen Regenwaldes und der sonnenverdorrten Sahelregion, fischreicher Flusswelten und grünen Hügellands, vulkanischer Bergriesen, lichter Savannen.

Kamerun

Nur wenige Veranstalter bieten Kamerun als Reiseziel an. Ihre Touren durchs Land sind fast identisch. Es liegt auf der Hand, dass sie nicht alles, was reizvoll wäre, in ihre Routenplanung aufnehmen können. Dagegen spricht einfach die schlechte Verkehrsinfrastruktur und der schwer kalkulierbare Zeitaufwand und sicher auch die unvermeidbaren physischen Belastungen, die auf jeden Teilnehmer zukämen. Wer alle Winkel Kameruns ohne Zeitdruck und organisatorische Zwänge erkunden will, muss auf eigene Faust reisen und das geht nicht ohne sorgfältige Vorbereitung. Dafür sollte man sich Zeit nehmen und möglichst viele, zuverlässige Informationsquellen befragen.

Zu den Nationalparks im Südosten

Und dann steht man in Douala auf dem Flugplatz, etwas mitgenommen von der Reise und dem ungewohnten Klima, verbringt noch eine unruhige, klimatisierte Nacht in der wenig einladenden Millionenstadt, um am nächsten Morgen mit dem Mietwagen die Flucht zu ergreifen und Kribi an der Atlantikküste anzusteuern, genau den richtigen Ort, um sich zu akklimatisieren. Kribi ist ein aufstrebendes Badestädtchen mit einem gelben, feinsandigen Strand, auf dem sich urtümliche Fischerkähne (Pirogen) ausruhen und die  angereisten Wochenendgäste ihrem Badespaß nachgehen. Hier lässt es sich gut urlauben, doch unser Führer und Dolmetscher, der auch den hochbeinigen Geländewagen steuern wird, drängt zum Aufbruch in einen Landesteil, der nur über Pisten erreichbar ist, von denen die meisten nicht ganzjährig befahrbar sind. Vollgetankt und mit reichlichen Vorräten an Wasser und Lebensmitteln geht es dem Campo Ma`an Nationalpark entgegen. Er liegt im äußersten Südwesten Kameruns an der Atlantikküste, im Süden begrenzt von Äquatorial-Guinea. Touristische Infrastruktur gibt es noch nicht,  aber man ist guter Hoffnung, eines Tages Ökotourismus etablieren zu können, auch um die Einkommenssituation der Parkbewohner zu verbessern. Für Europäer ist der Campo  in seiner Unberührtheit ein unvergessliches Erlebnis. Dichter, immergrüner Regenwald bedeckt das bis auf 800 m ansteigende Gelände mit einer darin verborgenen immensen Artenvielfalt, zu der rund 1.500 Pflanzenarten zählen, 249 Fischarten, 302 Vogelarten und 80 Säugetierarten, darunter gefährdete Spezies wie Waldelefanten, Flachlandgorillas, Leoparden, Waldbüffel. Man wird sie ständig hören, aber nur selten zu Gesicht bekommen, wie auch die Pygmäen, deren Familienverbände in kleinen Dörfern in den Tiefen des Regenwaldes leben, meistens unsichtbar bleiben. Kommt es doch zu einer zufälligen Begegnung, sollte der Fotoapparat in der Tasche bleiben und mit viel Feingefühl das Gespräch gesucht werden.

Vier weitere  Wald- und Wildschutzgebiete, die als Nationalparks ausgewiesen sind, liegen schwer erreichbar in den dichten Regenwaldgebieten der Ost-Region. Ein besonderes Juwel ist das Biosphärenreservat Dja innerhalb einer Schleife des gleichnamigen Flusses, der eine natürliche Grenze bildet. Das 1987 in die Liste des UNESCO-Weltnaturerbes  aufgenommene 5.260 km² große Terrain gilt als eines der ursprünglichsten Regenwaldgebiete Afrikas. Man denkt über Ökotourismus nach, doch die Pläne wollen nicht so recht vorankommen. Da weitgehend unerschlossen, darf der Park nur in Begleitung eines kundigen Führers besucht werden, der sich auch mit den unwegsamen Pisten für die An- und Abfahrt auskennen sollte. Dank der Unzugänglichkeit des Dja-Parks konnte sich der Artenreichtum in dieser Übergangszone zwischen Guinea-Golf und Kongo-Becken ungestört entwickeln, was sich besonders in der Vielzahl der Säugetierarten niederschlägt. Wie im Campo durchstreifen hier Waldelefanten, Waldbüffel und Flachlandgorillas das Dickicht, auch Schimpansen und einige Meerkatzenarten und weniger bekannte Urwaldbewohner wie Mangaben-Primaten, scheue Sitatunga-Antilopen, die große Bongo-Waldantilope, eine Bushbaby genannte winzige Halbaffenart, Riesenwaldschweine, die zu der Familie der Schleichkatzen gehörende Kamerun-Kusimanse. Die geheimnisvolle Fauna überspannt ein dichtes Baumkronendach in 30 – 40 m Höhe, überragt noch von einzelnen Baumriesen, die es auf sechzig und mehr Meter bringen.

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Wie schon der Dja Nationalpark präsentiert sich auch der Parkkomplex Boumba Bek und Nki seinen wenigen Besuchern nicht unbedingt im bequemen Safari-Look, wie man ihn aus Filmen kennt, wo sich pünktlich zum Sundowner Elefanten und Flußpferde zum Fototermin auf der Lichtung vor der Lodge einfinden. Die östlich des Dja geschaffenen Nationalparks geben nicht so rasch ihre Geheimnisse preis. Ihr hügeliges Terrain mit Höhen von 400 – 700 m trägt eine dichte Vegetation aus teils immergrünen, teils laubabwerfenden Gehölzen, gesprenkelt mit kleinflächigen Feucht- und Trockensavannen. Wer keine Anstrengungen scheut und Geduld aufbringt, wird die Waldelefanten hören und den Schreihornvogel, die kleinwüchsigen Waldbüffel für einen kurzen Moment zu Gesicht bekommen, den nur hasengroßen Blauducker aus der Antilopenfamilie der Ducker vorbeihuschen sehen, vielleicht auch Pinselohrschwein und Quastenstachler im Unterholz  entdecken oder den Schwarzen Stummelaffen bei Turnübungen überraschen.

Boumba Bek und Nki sind Teil eines trinationalen Projekts, das grenzüberschreitend Nationalparks in Gabun, der Republik Kongo und in Kamerun zu einem großen Schutzgebiet zusammenfassen soll. Neben den beiden kamerunischen Parks sind in Gabun der Minkébé Nationalpark und in der Republik Kongo der Odzala-Koukoua Nationalpark Teil des Erweiterungsprojekts. Durch Waldkorridore sollen die beiden gabunischen Nationalparks Ivindo und Mwagna mit dem erweiterten Schutzgebiet verbunden werden.

Der letzte in der Reihe bedeutender Nationalparks in Kameruns Südosten ist der Lobéké an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik. Wollte man ihn von der Hauptstadt Yaoundé anfahren, würde die anfängliche Asphaltherrlichkeit nach spätestens zwei Stunden in ausgefurchte Pisten übergehen, die Holztransporter auf dem Gewissen haben. Je nach Jahreszeit geht es leidlich voran, aber die Fahrt kann auch zu einer einzigen Quälerei werden, deshalb müssen schon zwanzig oder noch mehr Stunden eingeplant werden. Vor Ort dann eine Überraschung: der Park ist besser erschlossen als die zuvor besuchten. Es gibt ein zentrales Camp und sogar fünf „Miradors“ genannte einfache Gästehäuser, die den mit einem ökologischen Monitoringprogramm befassten Forschern als Unterkunft und Beobachtungsposten dienen und auch den seltenen Touristen ein Dach über dem Kopf bieten. Ein trinationales Projekt sieht vor, die artenreiche Tier- und Pflanzenwelt des Lobéké mit der enormen Artenvielfalt des kongolesischen Nationalparks Nouabalé-Ndoki und des Regenwaldreservats Dzanga-Sangha im Südwesten der Zentralafrikanischen Republik in einem Schutzgebiet zusammenzufassen. 

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Besuch eines traditionellen Festes

Auf den Mount Cameroon

Bei gemächlicher Fahrt aus der Wildnis der Regenwälder zurück an den Atlantik gilt es nicht weit von unserem Ziel Limbe den Wouri-Fluss zu queren, der unterhalb von Douala durchs Gelände mäandert, um sich in den Golf von Guinea zu ergießen. Als erster Europäer hatte 1472 der portugiesische Seefahrer Fernâo do Pó sein weites Delta befahren. Er war im Auftrag König Afonso V., den man den „Afrikaner“ nannte, unterwegs, die Westküste des Kontinents zu erkunden. Bass erstaunt über die Massen von Krabben im Fluss, gab er ihm den Namen Rio dos Camarôes, Krabbenfluss, woraus später span. Camerún wurde und alle anderen Namensvarianten.

Limbe ist neben Kribi der bekannteste Badeort, fast  schon großstädtisch und zumal an Wochenenden, wenn es die hitzegeplagten Einwohner Doualas ans Meer zieht, herrscht an den schwarzen Vulkansandstränden ziemliches Gedränge. Doch etwas abseits findet man Platz und Muße zum Relaxen und erste Gelegenheit für einen respektvollen Blick auf den ganz nahen Mount Cameroon. Von Limbe windet sich eine Asphaltstraße durch Tee-, Kaffee- und Kautschuk-Plantagen hinauf auf tausend Meter nach Buea, den Hauptort der anglophonen Südwest-Region und Ausgangspunkt für die Besteigung des Mount Cameroon.
Wer als Deutscher unvorbereitet in das Städtchen kommt, wird verblüfft ein Schlösschen im wilhelminischen Stil entdecken und einen Bismarck-Brunnen vor dem Postamt mit dem Konterfei des „Eisernen Kanzlers“. Auch ein deutscher Friedhof und verfallende Fassaden, die die Handschrift deutscher Baumeister tragen, sind nicht zu übersehen. Es sind Relikte aus einer Zeit, als die deutsche Kolonialregierung ihren Sitz aus dem feucht-heißen Douala in das klimatisch verträglichere Buea verlegte (1897-1914) und Gouverneur Jesko von Puttkamer sich hier ein kleines Schloss als Amtssitz errichten ließ. 
Die Umwandlung des unscheinbaren Dorfes in die Schaltstelle der Kolonialmacht war nur gegen erheblichen Widerstand der Einheimischen durchzusetzen und auch die nun folgenden fünfunddreißig Jahre Besatzungszeit waren geprägt von teils blutig ausgetragenen Konflikten zwischen den Kamerunern und den deutschen Machthabern.
Im Wettlauf mit Franzosen und Briten hatte sich das Deutsche Reich entscheidenden Einfluss in Kamerun gesichert und durch den Abschluss sog. „Schutzverträge“ mit einheimischen Führern 1884 den Anspruch auf Kolonien untermauert. Den Kolonisatoren ging es in erster Linie um die Ausschaltung einheimischer Zwischenhändler und den Aufbau einer Exportproduktion. 1914 hielten deutsche Pflanzer ungefähr 120.000 ha Land in 58 landwirtschaftlichen Großbetrieben (Kautschuk, Palmöl, Kakao, Tee, Kaffee u. a.). Im gleichen Jahr verwalteten lediglich 13 deutsche Bezirksbeamte (gesamte Verwaltung: 93 Beamte) ein Gesamtgebiet von 420.000 km².

Widersprüchlich sei die Rolle Deutschlands in Kamerun gewesen, meint ein englischer Chronist. Er schreibt den Deutschen eine Neigung zu, „alles in einer übertriebenen, endgültigen Art zu tun. Während etwa die Grausamkeit der Deutschen wahrscheinlich von keiner anderen Kolonialverwaltung erreicht wurde, ist es aber auch richtig, dass das, was sie erreichten, in vieler Hinsicht nicht nur die Ergebnisse zeitgenössischer  Kolonialverwaltungen übertraf, sondern auch die der darauf folgenden 25 Jahre französischer Verwaltung in Kamerun.“

Der 1. Weltkrieg endete in Kamerun am 4. März 1916 mit der Kapitulation der deutschen Truppen. Großbritannien und Frankreich richteten unverzüglich eine gemeinsame Interimsverwaltung der deutschen Gebiete ein. 1922 übernahmen sie die Kolonie als Mandatsgebiet des Völkerbunds (Le Cameroun français und The British Cameroons). Während Frankreich in seinem Landesteil eine eigenständige Kolonialverwaltung einrichtete, wurde der englische Verwaltungsteil von der Nachbarkolonie Nigeria aus betreut. Anfang 1960 erhielt Französisch-Kamerun die Unabhängigkeit. Die britischen Southern Cameroons schlossen sich im Jahr darauf nach einer Volksabstimmung mit dem früheren französischen Landesteil zur bilingualen Republik Kamerun zusammen. Die britisch verwalteten Northern Cameroons verblieben bei Nigeria. 

Der Rekord liegt bei unglaublichen vier Stunden für die 3.000 Höhenmeter hinauf auf den Mount Cameroon und wieder hinunter, aufgestellt von durchtrainierten Bergläufern, die sich jedes Jahr im Januar oder Februar zum internationalen „Mount Cameroon Race of Hope“ in großer Zahl in Buea einfinden. Erstmals 1973 hetzte eine Handvoll Läufer durch Regenwald und über Lavageröll zum Kraterrand des dritthöchsten afrikanischen Vulkangipfels (4.095 m) hinauf. Wandergruppen bewältigen die Tour in etwa zwanzig Stunden, verteilt auf zwei oder drei Tage und begleitet von einem Führer – so will es die Vorschrift. Auf- und Abstieg sind nicht besonders schwer, Bergsteigerqualitäten werden nicht verlangt, aber trittsicher sollte man sein und eine gute Kondition mitbringen. Die Bergwanderung ist beim Tourist Office in Buea anzumelden. Hier gibt es auch sehr nützliche Ratschläge für die Ausrüstung, zu der, etwas ungewohnt in dieser tropischen Klimazone, dicke Pullover, Mützen und Handschuhe gehören. Es gibt drei einfache Schutzhütten am Berg, die erste in 1.870 m Höhe, die zweite nach etwa sechsstündiger Wanderung in 2.860 m Höhe und die dritte 3.950 m hoch, knapp unterhalb des Kraterrands. Anfänglich werden Maniok- und Bananenpflanzungen durchwandert, dichter, tropischer Bergregenwald bildet die nächste Vegetationsstufe, gefolgt von Grasmatten, später sind steile, schwarze Lavahänge zu überqueren, zum Schluss Lavageröll und -staub. Spielt das Wetter mit (am ehesten wohl in den Monaten Dezember bis März), werden die ausgepumpten Wanderer mit einer grandiosen Fernsicht belohnt.

In den „Grassfields“

Welche Highlights das Gebiet um den Mount Cameroon noch bietet, erfährt man bei der „Mount Cameroon Ecotourism Organisation“, einem von der GTZ und dem DED ins Leben gerufenen Projekt, das sich für die Bewahrung der Artenvielfalt und die Förderung des Ökotourismus in dieser Region einsetzt.
Eine weitere Attraktion in Kameruns Westen sind die „Grassfields“, eine abwechslungsreiche, in allen Grüntönen leuchtende Berg- und Hügellandschaft, durchsetzt mit Seen, Wasserfällen und Flüssen. Fruchtbare Vulkanböden verwandeln die Hochebenen in üppige Gärten und machen sie zum „Brotkorb“ der Megastädte Yaoundé und Douala. Das klimatisch angenehme, hoch gelegene kamerunische Grasland bietet Schutz vor Moskitos und war daher schon früh dicht besiedelt. Eine zur deutschen Kolonialzeit angelegte „Ring Road“ - noch heute meist nicht mehr als eine rote Sandpiste – erschließt am besten die herrliche Landschaft und sehenswerte Orte, die mit einer Besonderheit aufwarten können, mit traditionellen Autoritäten, Oberhäuptern sog. „Chefferien“, das sind Häuptlingstümer, wenn man so will: Kleinkönigreiche, die komplex und streng hierarchisch aufgebaut ihre Anfänge im 15. Jahrhundert haben. Selbst im Kamerun unserer Zeit hat der „Fon“ genannte oberste Würdenträger einer solchen Chefferie noch beträchtlichen Einfluss auf das Wohlergehen seiner Untertanen. Die prächtigen Paläste und ihre Nebenbauten lohnen unbedingt den Besuch, sind sie doch bedeutende Zeugnisse westafrikanischer kultureller Traditionen und großer künstlerischer Begabungen. Dekorative Holzschnitzereien sind zu bestaunen und sonderbare Kultgegenstände, Musikinstrumente, Kostüme und Waffen, Throne und Ahnenfiguren.

Am eindrucksvollsten sind neben dem Kleinkönigreich Bamoun in Foumban die traditionellen Chefferien von Bandjoun und Bafoussam, von Bafut und Bali, letztere in der Nähe von Bamenda, der Hauptstadt der englischsprachigen Region Northwest. Die Provinzstadt ist    das Zentrum der politischen Opposition gegen die Machthaber in Yaoundé. Hintergrund dieser Konfliktlage ist der gravierende Unterschied zwischen den durch eine komplexe, hierarchische Häuptlingsherrschaft geprägten Stämmen der „grassfields“ und dem übermächtigen frankophonen Rest des Landes, dessen Gesellschaft fragmentiert ist und sich eher an der Abstammung orientiert. Daraus erwachsende Spannungen werden durch das Sprachproblem verschärft: Der kleine anglophone Landesteil sieht sich unzureichend integriert, seiner ökonomischen und kulturellen Chancen beraubt, um die zugesicherten Autonomierechte geprellt. Es gibt Extremisten, die die Sezession betreiben und alle paar Jahre die Unabhängigkeit von „Ambazonia“ ausrufen.  

Von der Teerstrasse Buea – Kumba zweigt eine rund 100 km lange Sandpiste ab, die sich durch Ölpalmplantagen und dichten Tropenwald zum Korup Nationalpark an der Grenze zu Nigeria schlängelt. Auf nigerianischer Seite setzt sich das Schutzgebiet im Cross River Nationalpark fort. Der Korup ist ein durch Trails und Camps gut erschlossener Tieflandregenwald mit einer bemerkenswerten Dichte von 7.500 Bäumen pro ha (zum Vergleich: Malaysia 6.700/ha, Ecuador 6.000/ha) und enormer Artenvielfalt: Allein 1.700 Pflanzenarten wurden gezählt, 410 Vogelarten, fast 1.000 Schmetterlingsarten. Es leben hier Waldelefanten, Schimpansen, Paviane und 12 weitere Affenarten, die kleinsten lebenden Paarhufer, die Hirschferkel, und der größte Frosch, der 33 cm erreichende und bis zu 3 kg schwere Goliathfrosch. Es regnet oft und ausgiebig im Korup. Die 5.000 mm jährlich machen den Grenzstreifen zu einem der nassesten Flecken Afrikas mit der zweitgrößten Artenvielfalt des Kontinents.

Einige Dutzend Kilometer nördlich liegt das relativ kleine Areal (676 km²) des erst 2008 eingerichteten Takamanda Nationalparks. Wie der Korup grenzt auch er an den nigerianischen Cross River NP. Dort und im Takamanda lebt etwa ein Drittel der vom Aussterben bedrohten Cross-River-Gorillas. Die Bestände beiderseits der Grenze können sich frei zwischen den Territorien bewegen. Initiator des ebenso einmaligen wie aufwendigen Projekts war die Wildlife Conservation Society in Zusammenarbeit mit dem kamerunischen Forstministerium, unterstützt u. a. von DED und GTZ.  

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Herstellung traditioneller Korbwaren

Durch Savanne und Sahel

Die Route nach Norden lässt sich recht komfortabel an Bord des „Transcamerounais“ bewältigen. Ein Sitzplatz 1. Klasse incl. Reservierung kostet ca. 26 €, angenehmer übersteht man die Nachtfahrt im Schlafwagen und bezahlt dafür 35 – 40 €. Für sechshundert und ein paar Dutzend Kilometer von Yaoundé bis zum Endpunkt der Trasse in Ngaoundéré braucht der Zug in der Regel deutlich mehr Stunden als die eigentlich vorgesehenen fünfzehn. Wer Zeit mitbringt, den stört das nicht, vielmehr wird die gemächliche Bahnfahrt durch den kamerunischen Busch dank der vielen Stopps und netter Mitreisender zu einem unvergesslichen Erlebnis. Wer dagegen allen Warnungen zum Trotz mit dem Leihwagen oder Buschtaxi in den Norden aufbricht, wird mindestens zwei Tage auf Sand- und womöglich Schlammpisten unterwegs sein, denn noch immer gibt es zwischen Süden und Norden keine durchgehende allwettertaugliche Straßenverbindung. Der Zug durchquert den großen, tierreichen Pangar Djérem Nationalpark auf dem Adamaoua-Plateau in der Übergangszone vom Regenwald zur Savanne.

Am Rande des erwähnten Plateaus liegt in 1.200 m Höhe das beschauliche, gastfreundliche Zentrum der Region, Ngaoundéré. Die dort ins Auge fallende schöne Lehmarchitektur des Fulbe-Volks, ihre Moscheen und Rundhütten mit kegelförmigen Strohdächern, die Märkte und traditionellen Reiterspiele („Fantasias“), sind erste Vorboten des islamischen Nordens. Bald hinter Ngaoundéré fällt das Hochland unvermittelt um 700 m steil ab. Vor der Bruchkante, der „falaise“, breitet sich die Baum- und Strauchsavanne der Bénoué-Ebene aus. Das sudanisch-sahelische Klima dieser Region bringt spürbar trockenere Wetterlagen hervor, als man sie aus den südlichen Landesteilen kennt. Mit einer Regenzeit von Mai bis Oktober und Niederschlägen zwischen 900 und 1.200 mm sind die Lebensbedingungen für eine artenreiche Groß- und Kleintierwelt ideal, wie man in den drei Wildparks dieser Region herausfinden wird.

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Im Westen der Ebene zeichnen sich die Felsrücken der Alantika-Berge ab, einer faszinierenden, abgeschiedenen Landschaft, „wohin Allah nicht kommt“, wie die hier siedelnden Stämme der Koma und Dowayos klagen. Das Bergland ist bar jeder touristischen Einrichtung und wohl gerade deshalb unter abenteuerlustigen Wanderern ein sorgsam gehüteter Geheimtipp. Bis an die Alantika-Berge reicht der Faro Nationalpark. Er breitet sich über 3.300 km² welliges Hügelland aus. Zwei ganzjährig Wasser führende Flüsse säumen diesen typischen Savannen-Wildpark, in dem mit etwas Glück das seltene Spitzmaulnashorn gesichtet werden kann, dazu zahllose Antilopenarten, Giraffen, Elefanten, Löwen, Büffel und eine faszinierende Vogelwelt, darunter der kaum bekannte Dorst-Cistensänger, in den Uferwäldern der schöne Goldschwanzspecht, der Rotschwingensänger und über dreihundert weitere Arten.

Rund 100 km auf passabler Teerstrasse sind es von Ngaoundéré zum bedeutenden Bénoué Nationalpark, der bei keiner Rundreise ausgelassen wird. Nur während der trockenen Zeit von November bis Mai ist der Park geöffnet. Er bietet seinen Besuchern sogar „campements“, teilweise mit Verpflegung, für einen mehrtägigen Aufenthalt. Prominenteste Parkbewohner sind die zahlreichen Flusspferde, aber auch Großantilopen ziehen durchs Gelände und unberechenbare schwarze Büffel, dazu gesellen sich eine Menge Affen und Warzenschweine, auch Elefanten und der stark gefährdete Afrikanische Wildhund.

Ein unbedingt lohnender Abstecher führt auf guter Piste über das Städtchen Tcholliré mit traditioneller Lehmarchitektur zum Lamidat Rey Bouba, einer Art Grafschaft, dessen Feudaloberhaupt (Lamido) auch heute noch beträchtliche weltliche und religiöse Macht in seiner Person vereint. In Kameruns Norden, dem Fulbe-Land der Savannen-Hirten und Ackerbauern, gibt es 21 Lamidate. Der kleine in Lehmbauweise erbaute Ort Rey Bouba wird vom festungsartigen Palast des Lamido in der Dorfmitte beherrscht. Mächtige, sieben  Meter hohe und achthundert Meter lange Lehmmauern umgeben das Palastareal, in das aber nur selten Besucher eingelassen werden. Durch Grassavanne und Baumwollfelder schlängelt sich eine schmale Piste von Tcholliré zu dem isoliert gelegenen, wildreichen Bouba-Ndjida Nationalpark, der im Norden an die Republik Tschad und den dortigen Nationalpark Sena-Oura grenzt. Touristen sind hier sehr selten, dabei gibt es ein schönes „campement“ mit einladenden Rundhütten und professioneller Bewirtschaftung. Der teils felsige und von zahllosen Mayos, nur zur Regenzeit Wasser führenden Flüssen, durchzogene Park ist Rückzuggebiet für Elen-Antilopen und das Spitzmaulnashorn und die Heimat vieler Antilopenarten, von Giraffen, Elefanten, Löwen und Geparden.

Hat man Garoua, das Zentrum der Region Nord passiert und sich dort mit der nötigen Ausrüstung für die Weiterfahrt versorgt, geht es in ungewohnt flotter Fahrt auf guter Teerstraße nach Mayo Oulo, wo übergangslos auf schlechte Pisten gewechselt werden muss, um die Mandara-Berge anzufahren. Die wilde Landschaft an der Grenze zu Nigeria ist ein Trekking-Paradies und für Fotografen, Geologen und Ethnologen eine wahre Fundgrube. Steil in die Höhe ragende Felsnadeln, Basaltschlote vulkanischen Ursprungs, beherrschen die verwitterte Gebirgslandschaft. Inmitten dieser phantastischen Felsformationen, die wie Mondlandschaften anmuten, siedeln sehr traditionsbewusste nichtislamische Ethnien wie die Kirdi oder die Mafa und die Podoko zumeist als Hackbauern und Viehzüchter.

Es wird nun heißer, staubiger, trockener, die Regenzeit verkürzt sich auf die Monate Juli bis September und die Niederschlagsmenge sinkt auf nur noch 400 – 700 mm. Durch Buschland und Baumwollfelder führt eine gute Teerstrasse in die Region Extrême Nord im schmaler werdenden nördlichen Zipfel Kameruns. Obwohl eine der größten Städte des Landes, hat der muslimisch geprägte Hauptort Maroua seinen ländlichen Charakter bewahrt. Er ist über die Region hinaus bekannt für seinen riesigen Markt und ein florierendes Handwerk. Auch wird hier noch die traditionelle Medizin gepflegt. Touristen bietet der Ort interessante Einblicke in das Alltagsleben einer Sahelstadt. Man kann sich hier bestens mit allem ausrüsten, was für die Weiterfahrt durch die Ausläufer der Mandara-Berge zum Waza Nationalpark benötigt wird. Er ist der am häufigsten besuchte Nationalpark Kameruns und wird als einer der wildreichsten in Westafrika gerühmt. Weite Graslandschaften, die sich während der Regenzeit in Sumpflandschaften verwandeln, sind für den östlichen Teil des Parks charakteristisch, während im Westen Buschland und vereinzelte Waldgebiete vorherrschen. Afrikas Großwild gibt sich hier ein Stelldichein. Giraffen und Hyänen, Leoparden und Antilopen, Zebras und Warzenschweine, Löwen, Affen und viele Elefanten sowie fast 400 Vogelarten, darunter Adler und Marabus, Strauße und Pelikane: Der angeheuerte Ranger, den man hier „pisteur“ nennt, kennt am besten ihre Verstecke, ihre Jagd- und Weidegründe, ihre Tränken.

60 – 70 km nördlich des Waza gibt es ein weiteres, kaum bekanntes und entsprechend selten besuchtes Tierreservat, den nur 45 km² großen Kalamaloué Nationalpark. Er liegt  an den Ufern des Chari-Flusses und wird von Ornithologen wegen seiner außergewöhnlichen Vogelwelt geschätzt. Auch Großwild gibt es im vegetationsreichen Kalamaloué zu bestaunen. Wenn das Nahrungsangebot im Waza unter der ausdörrenden Sonne spärlich wird, schlagen sich die Elefanten zum Kalamaloué durch, wo es dann rasch eng wird und auch hier die Nahrung kaum noch ausreicht.

Am Tschad-See

Nordwestlich von Kousséri am Grenzfluss Chari – auf der anderen Flussseite liegt die tschadische Hauptstadt N`Djamena – döst das kleine Nest Maltam in der Mittagshitze, die im Mai schon mal 52 Grad erreichen kann. Von hier sind es noch hundert stramme Pistenkilometer an die Ufer des Tschad-Sees. Während der Regenzeit ist die Strecke unpassierbar, in der Trockenzeit reicht ein normaler Pkw. Und nicht zu vergessen: Eine komplette Ausrüstung, die mindestens Lebensmittel, Wasser und Treibstoff umfasst, muss mit und damit die Tour auch gelingt, sollte man darauf vorbereitet sein, große Mengen Staub schlucken zu müssen und im Durcheinander der versandeten und unbeschilderten Pisten gelegentlich die Orientierung zu verlieren.

Hier ist die Heimat der Choa-Araber und des ebenfalls Arabisch sprechenden Kotoko-Volks. Mit dem Anbau von Mais, Hirse und Gemüse, etwas Viehzucht und Fischfang fristen sie ein hartes Leben. Ein paar Sahara-Akazien, die dickblättrige Maerua und Leptademia pyrotechnica, die den Sanddünen Halt gibt, trotzen dem extremen Klima. Auch Tiere haben Überlebensstrategien entwickelt, dazu zählt die Dama-Gazelle, die kleine Dorkas-Gazelle und die Dünen-Gazelle sowie eine Mufflonart.
Ein breiter Schilfgürtel legt sich um den Tschad-See und auf seinen offenen Flächen treiben riesige Teppiche des Wassersalats. Flusspferde und Krokodile sind selten geworden, öfter sieht man noch Ottern und unzählige Vögel, mehr als 350 Arten sind hier heimisch und hunterttausende Zugvögel kommen jeden Herbst dazu.
Als quellenloser Binnensee wird der Tschad allein von Zuflüssen gespeist. Darunter waren noch in jüngster Zeit einige, die aus Nigeria Wasser heranführten, nun aber den See nicht mehr erreichen. Als einziger Zufluss bleibt das kamerunisch-tschadische Chari-Logone-Flusssystem. Die Niederschlagsmenge in seinem Einzugsgebiet beeinflusst direkt die Höhe des Wasserspiegels und damit auch den Verlauf der Uferlinie am Tschad.
Seit etwa 1970 ist die Fläche des Sees auf 10 % seiner ursprünglichen Größe geschrumpft. 2008 waren es noch 2.500 km², etwa das Viereinhalbfache des Bodensees. Dass die globale Erwärmung dafür verantwortlich sei, behauptet der US-ÖkoGuru Al Gore in seinem hoch gelobten Film „An Invonvenient Truth“ (Eine unbequeme Wahrheit). Folgt man dem „scientific consensus“ anderer Kreise, erweist sich Al Gores These eher als bequeme Unwahrheit. Zwar gebe es „multiple stresses upon Lake Tchad“, heißt es hier, „global warming“ gehöre aber nicht dazu. Auslöser der Probleme am Tschad sei in erster Linie die unkontrollierte Wasserentnahme aus See und Zuflüssen für wechselnde Agrarprojekte, gepaart mit hohem Bevölkerungsdruck.

Die GTZ bemüht sich im Rahmen ihres Projekts „Nachhaltiges Wassermanagement Tschadsee“ (Laufzeit 2005-2013) eine Datengrundlage zu erarbeiten, um der ineffizient arbeitenden Tschadsee-Kommission der Anrainerstaaten zuverlässiges Material an die Hand zu geben.

Eckart Fiene

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