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Wohnzimmer oder Weltkulturerbe?

Petra, faszinierende Totenstadt der Nabatäer

Text und Fotos: Rainer Heubeck

„Petra ist der herrlichste Ort der Welt“, so schrieb Thomas Edward Lawrence, besser bekannt unter dem Namen Lawrence von Arabien, einst in seinem Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“. Damals war Petra, die rosa- und rostrotfarbene Felsenstadt in Jordanien, die früher die Hauptstadt des Volkes der Nabatäer war, in Europa noch weitgehend unbekannt. Das hat sich mittlerweile gründlich geändert: im Jahr 1985 wurde Petra zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt und im Juli 2007 wurde Petra zu einem der sieben Weltwunder der Gegenwart auserkoren. Petra – der schönste Ort der Welt.

Jordanien - Petra - Khazne Al-Firaun
Khazne Al-Firaun

Diese Auffassung hat auch die Familie Al-bedoul, eine Beduinengemeinschaft, die Jahrhunderte lang in den Felshöhlen von Petra gelebt hatte, bevor sie im Jahr 1985 von der jordanischen Regierung umgesiedelt wurde. Seither haben die Al-bedouls zwar elektrisches Licht und feste Steinhäuser – aber immer noch viel Sehnsucht  nach der Felsenstadt Petra.

„Im Jahr 1992 sind wir wieder nach Petra zurückgegangen und haben wieder in unseren Höhlen gewohnt“, berichtet Ghassab Al-bedoul, der im Jahr 1976 in einer Wohnhöhle in der Felsenstadt Petra geboren wurde. Nach knapp drei Monaten, so berichtet er, seien die Al-beouls 1992 wieder in ihr von der Regierung gestelltes Ausweichdorf Oum Sayoum zurückgegangen – denn es war ihnen versprochen worden, dort neue, zusätzliche Häuser für ihre Nachkommen zu errichten. „Doch 2001 kam es dann zu einer Auseinandersetzung mit der Polizei, weil ein Hausbau geräumt werden sollte, dabei sind drei Menschen ums Leben gekommen“, berichtet Ghassab, der enttäuscht darüber ist, dass die Ausweichquartiere nicht an den Lebensstil der Beduinen angepasst wurden. „Als wir hierher umgesiedelt wurden, gab es keinen Platz für unsere Esel und für unsere Kamele. Die Tiere liefen durch den Ort und schrieen, so dass niemand mehr schlafen konnte“, erklärt Ghassab Al-bedoul, der mit seiner insgesamt achtköpfigen Familie in zwei einfachen Zimmern lebt. „Wir haben in Petra viel besser gelebt als hier, wir hatten dort unsere Ruhe, und jeder Stamm hatte seinen eigenen Bereich.“ Als die Al-bedouls noch in Petra lebten, hatten sie dort alles, was sie brauchten. „Wir hatten zwar keine Strom, sondern Öllampen, und wir haben mit Holz gekocht, aber das Essen hat damals besser geschmeckt als jetzt. Und wir hatten in den Höhlen auch Schulen gehabt, bis zur 6. Klasse wurden die Kinder dort unterrichtet, danach konnten sie nach Wadi Musa.“

Jordanien - Petra - Ghassab Al-bedoul
Ghassab Al-bedoul

Tourismus, das war für die Al-bedouls damals kein Geschäft, sondern Begegnung und Austausch. „Die Besucher sind bei uns geblieben, ohne dass wir dafür Geld verlangt haben“, erinnert sich Ghassab. „Heute wollen die meisten Besucher nur die Fassaden anschauen, ohne dass es zu Kulturaustausch und zu menschlicher Begegnung kommt. Das ist für uns eine Art Beleidigung“, beteuert Ghassab. „Die Regierung“, klagt er, „hat uns unsere Freiheit genommen, und sie hat uns unsere historische Stadt weggenommen“. Obgleich die Familie Al-bedoul nicht mehr in Petra wohnen darf, sind sie mit dem Ort noch immer eng verbunden. „Mein Vater steht jeden Morgen um 6 Uhr auf und geht nach Petra und abends um 18 Uhr, wenn es dunkel wird, kommt er wieder zurück. Hier im Ort ist er hingegen bis heute nicht heimisch geworden“, versichert Ghassab Al-bedoul, der mittlerweile ein kleines Reiseunternehmen betreibt, das Wandertouren anbietet, auf denen die Besucher den beduinischen Lebensstil erfahren können. Auch Ghassabs 15-jährige Neffen Achmed und Mohammed sind bereits im Tourismusgeschäft – sie verdingen sich in Petra als Eseltreiber.

Jordanien - Petra - Raef Hindawi
Raef Hindawi

„Bis zum Jahr 1812, als der Schweizer Jean Louis Burckhardt  zufällig die Stadt Petra gefunden hatte, hat nur die Familie  Al-bedoul Petra gekannt“, berichtet Raef Hindawi, der längere Zeit in Heidelberg gelebt hat und der regelmäßig FTI-Gruppen durch die faszinierende Felsen- und Gräberstadt führt. Nach dem Betreten des Ortes, vor dem ein Indiana Jones-Kiosk daran erinnert, dass Steven Spielbergs Film „Indiana Jones und der letzte Kreuzzeug“ aus dem Jahr 1989 den ohnehin aufkommenden Petra-Boom noch einmal richtig einheizte, führt Raef seine Gäste erst einmal durch eine 1,2 Kilometer lange Felsenschlucht, die zum Teil nur zwei Meter breit ist. Die Wände rechts und links des so genannten Suqs ragen rund siebzig Meter nahezu senkrecht in die Höhe. „Petra hatte drei Eingänge“, verrät Raef Hindawi, „diese Schlucht und zwei Wege, die von der Bergen her führten und die von Wachtürmen aus kontrolliert werden konnten.“ Denn die Nabatäer, die etwa 500 vor Christus im Ostjordanland und in der Region um Petra siedelten, waren ein stolzes und geschäftstüchtiges Volk, das den Karawanenhandel an der Weihrauchstraße kontrollierte und sehr wohlhabend war. „Obwohl es viele andere arabische Stämme gibt, die die Wüste als Weide nutzen, übertreffen sie die anderen bei weitem an Reichtum, obwohl sie nicht viel mehr als 10.000 zählen, denn nicht wenige sind gewohnt, Weihrauch und Myrrhe und auserlesene Gewürze zum Meer zu bringen“, stellte der griechische Geschichtsschreiber Diodor im 1. Jahrhundert vor Christus fest.

Jordanien - Petra - Suq
Suq

Die Höhlen von Petra waren in der Zeit der Nabatäer den Toten vorbehalten, denn Häuser für Lebende lehnte das Nomadenvolk ab. „Es gibt drei Arten von Gräbern in Petra“, berichtet Raef Hindawi, „große Gräber für die Könige und die VIPs der Nabatäer, Soldatengräber und Gräber für die armen Leute.“ Der wohl beeindruckendste Grabbau ist der Khazne Al-Firaun, wörtlich übersetzt bedeutet dieser Name „Schatzhaus des Pharaos“. In Spielbergs Indiana Jones Film war die fast 40 Meter hohe und 25 Meter breite in roten Sandstein gehauene Anlage, vor deren Eingang sich sechs Säulen im hellenistischen Stil finden, ein geheimnisvoller Tempel, in dem der Gralsbecher aufbewahrt wurde. Welcher Nabatäerherrscher in dem gigantischen Felsengrab  beigesetzt wurde, ist unter Historikern umstritten. „Viele Wissenschaftler vermuten, dass hier König Areteas IV. begraben wurde“, berichtet Raef Hindawi. Während die meisten Nabatäergräber, die zum Teil als Block-, Treppen- oder Zinnengräber errichtet wurden, von den Historikern gänzlich leer gefunden wurden, brachten Grabungen im Schatzhaus im Jahr 1995 neun Kinderschädel und zwei Kilogramm Weihrauch zu Tage – und warfen für die Wissenschaftler damit wieder neue Fragen auf.

Jordanien - Petra - Khazne Al-Firaun
Khazne Al-Firaun

Raef Hindawi drängt zum Aufbruch: schließlich warten noch die Monumentalgräber an der Königswand, ein römisches Theater und ein Museum auf uns. Nach dem Mittagessen schlägt Raef Hindawi vor, einen weiteren Totenpalast zu besuchen, einen Tempel, der oberhalb der sonstigen Grabanlagen angelegt wurde und der den Namen Ed-Deir trägt – zu deutsch Kloster -,  weil sich im Mittelalter darin Mönche niedergelassen hatten. Der etwa 45-minütige Aufstieg lohnt sich: der vierzig Meter hohe und fast fünfzig Meter breite Felstempel, auf dessen Spitze eine neun Meter hohe Urne thront, ist ebenso überwältigend und beeindruckend wie der Khazne Al-Firaun.

Jordanien - Petra - Ed-Deir
Ed-Deir

Petra – das sind 920 Gräbern und ebenso viele ungelöste Mysterien, dazu Tempel und Opferstätten für den Nabatäergott Dushara sowie später angelegte römische Bauten. Petra, das ist aber auch ein natürliches Gesamtkunstwerk aus bizarren Felsen, rotem und rosafarbenen Sandstein, aus Schluchten und Hügeln. Obwohl Petra die Hauptstadt eine Königreichs war, das in seinen besten Zeiten von der Sinai-Wüste bis nach Damaskus reicht, lebten in der Stadt nie mehr als 40.000 Menschen.

Römerherrschaft, Erdbeben, Kreuzzüge - all dies hat die rosafarbene Gräberstadt überdauert. Nun freilich droht ihr eine neue Gefahr  - ein überbordender Tourismus, der noch reichlich unkanalisiert verläuft. „Es gibt keine festen Wege für die Touristen, die Leute können gehen, wo sie wollen. Manche Besucher ritzen ihre Namen an kulturhistorisch wichtigen Stätten ein, an anderen Stellen werden Steine aus den Gräbern geschlagen und an Touristen als Souvenirs verkauft“, berichtet der Archäologe Saad Twaissi, der sich strengere Regelungen und einen besseren Schutz des Welterbes wünscht. Gefahr droht der Stadt noch aus einem anderen Grund: Die Nabatäer waren Meister des Wasserbaus und sie organisierten ein faszinierendes Be - und Entwässerungssystem für die Stadt, das es unter anderem ermöglichte, vor jedem Familiengrab einen Garten anzulegen. Diese Wasserrinnen sind in der Felsschlucht nach dem Eingang in die Stadt noch teilweise zu sehen. Heute ist das Wassersystem allerdings nicht mehr funktionsfähig, so dass die Weltkulturerbe-Stadt nun durch flutartige Überschwemmungen und Erosion bedroht wird.

Schärfere Regelungen für Petra – für Ghassab Al-bedoul klingt das eher wie ein Alptraum. „Als wir aus Petra vertrieben wurden, hat man uns versprochen, dass wir zumindest noch in der Stadt arbeiten können, aber auch das ist jetzt nicht mehr sicher.“ Mag die Felsenstadt für andere vor allem ein  schützenswertes Weltkulturerbe sein,  für Ghassab Al-bedoul ist sie vor allem der Geburtsort und das frühere Wohnzimmer: „Wir Al-bedouls haben alle im Kopf, wieder dorthin zurückzukehren. Und vielleicht machen wir das schon bald.“

Jordanien - Impression
Impression aus Jordanien



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