Wenn einer Oase das Wasser ausgeht
Nicht die Beduinen, sondern der übermäßige Wasserverbrauch der großen Städte im Westen Jordaniens ist Schuld für eine Naturtragödie, die sich seit Ende der 80er Jahre im sogenannten Wetland-Reservat der Oase Azrak abspielte. Jahrhunderte lang war die mitten in der östlichen Wüste gelegene Oase eine wichtige Karawanenstation und Bastion von Römern, Omayyaden und Osmanen.

Die östliche Wüste bei Azrak
Die Festung Qasr el Azraq im Norden der Oase und die Reste des 14 Kilometer südlich auf den Basalthügeln errichteten Römerforts Qasr el-Uweinid sind eindrucksvolle Zeugen dieser Zeit. Selbst Lawrence von Arabien hatte hier in Azrak vor seinem Sturm auf Damaskus sein Hauptquartier aufgeschlagen.

Das Römerfort Qasr el-Uweinid
Neben seiner kulturellen und strategischen Bedeutung war die Oase von Azrak Jahrtausendelang aber auch ein Tierparadies. "Zweimal im Jahr ist der Anblick von über 300 Vogelarten ein unvergessenes Erlebnis. Wildpferde und Wasserbüffel leben in den Sümpfen genauso wie viele Arten von Reptilien, Nagetieren und Insekten", hieß es noch in einer 1987/88 veröffentlichten Broschüre über das zwölf Quadratkilometer große Vogelschutzreservat und Feuchtgebiet von Azrak. Das sogenannte Wetland-Reservat war im Umkreis von 12.000 Quadratkilometern das einzige Feuchtgebiet in der östlichen Wüste Jordaniens. Über Jahrtausende hinweg waren die Seen und Sümpfe der Oase Azrak im Frühling und im Herbst ein wichtiger Rastplatz tausender Zugvögel, die auf dem Weg von oder nach Afrika hier in Ostjordanien Nahrung und Wasser "auftankten". Folglich wurde Azrak 1977 in der internationalen Ramsar-Schutzkonvention als Feuchtgebiet von globaler Wichtigkeit gewürdigt. Zwölf Jahre später gab es aber der Konvention zum Trotz das Feuchtgebiet von Azrak nicht mehr.
"Das Wetland-Reservat wurde zu einem Dryland-Reservat", sagt nüchtern Othman Dawlet Merza. Weil jahrelang zuviel Wasser aus der Oase weggepumpt wurde, fiel das gesamte Feuchtgebiet trocken. Es wurde zu einer Totenlandschaft mit Überresten von verdursteten Wildpferden und in der Sonne bleichenden Knochen von Wasserbüffeln. Feuer, die immer wieder von unachtsamen Einheimischen in den trockenen Torfgebieten gelegt wurden, gaben dem Schutzgebiet den Rest. Jahrelang fraßen sich diese Feuer bis in die untersten Schichten des Torfs hindurch. Das ganze Jahr über lagen beißende Rauchschwaden über dem ehemaligen Feuchtgebiet. Statt eines Tierparadieses fanden die Reisenden Anfang der 90er Jahre eine staubige, qualmende als Müllkippe missbrauchte Kraterlandschaft vor. Zugvögel konnten hier nicht einmal mehr ein kurze Rast machen. "Manchmal sahen wir noch den einen oder anderen großen Vogelschwarm am Himmel", erinnert sich der ehemalige Direktor des Shaumari-Reservats. "Wir sahen die Vögel wie sie Runde um Runde zogen, auf der Suche nach Wasser, und nach einer Weile flogen sie weiter."
Seite 1 / 2 / 3 / 4 / 5 / 6 / 7 / 8 / 9 (Infos) / zur Startseite