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Jemen im Überblick

Kaum ein anderes Land bewegt die Phantasie wagemutiger Reisender so nachhaltig wie die wilde, abgeschiedene Gebirgs- und Wüstenregion an der Südspitze der Arabischen Halbinsel. Arabia felix („glückliches Arabien“), Mokka und die Weihrauchstraße, die Königin von Saba und im Wüstensand versunkene Dynastien, Lehmhochhäuser, die sich zu ganzen Städten gruppieren und tief eingeschnittene Wadis – das sind Namen und Bilder, die man mit diesem Landstrich verbindet – und seit neuestem auch Qat und Kalaschnikow, Entführungsspektakel und islamistische Aufwallungen.

Jemen

Wer in den Jemen reist, betritt eine andere, uns völlig fremde Welt. Das sollte man bedenken. Ohne einheimische Hilfe ist man in diesem archaischen, urwüchsigen Land verloren. Doch gottlob geben sich seine Bewohner – und seien sie noch so martialisch ausstaffiert – offen, unvoreingenommen und grenzenlos gastfreundlich gegenüber Fremden, von denen sie Aufgeschlossenheit und Respekt bei der Begegnung mit den hier gelebten, oft so schwer verständlichen Traditionen und Religionen erwarten.

Das Auswärtige Amt hat für den Jemen eine eindringliche Reisewarnung ausgesprochen. Anlass sind die anhaltenden landesweiten Risiken durch kriegsähnliche Machtkämpfe verfeindeter Gruppierungen, gewaltsame separatistische Aktivitäten im Süden sowie terroristisch motivierte Anschläge und Entführungen. Die deutsche Botschaft in Sanaa ist geöffnet, arbeitet aber nur mit einem kleinen Stab. Sie kann nur in Notfällen konsularische Hilfe leisten. Wer aus dringenden Gründen in den Jemen reisen muss, sollte unbedingt rechtzeitig das Auswärtige Amt und die Botschaft kontaktieren.

Hodeida am Roten Meer ist ein Tor zum Jemen – jedenfalls für Waren, weniger für Touristen. Die Halbmillionenstadt mit großem Hafen bietet keinerlei Sehenswürdigkeiten, sieht man einmal von dem turbulenten, morgendlichen Fischmarkt ab, der eine unglaubliche Vielfalt an Meeresgetier zum Kauf anbietet. Doch unser Ziel ist Zabid, die alte Gelehrten- und Wissenschaftsstadt in der Tihama weiter im Süden. Ihre Universität Al-Asha (gegr. 819) machte sie berühmt. Hier wurde ein mathematisches System mit dem Namen „Al-Jabar“ erdacht, heute die Grundlage der Algebra. Zabids Medina (Altstadt) mit ihren Moscheen (236 sollen es in ihrer Blütezeit gewesen sein), zahllosen Koranschulen, den mit prächtigem weißen Stuck reich verzierten Wohnhäusern gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe (1993), mußte aber als besonders gefährdete (da sträflich vernachlässigte) Stätte in die „Rote Liste“ des Welterbes (2000) aufgenommen werden. Zabids morbider Zauber animierte 1974 den italienschen Regisseur Pier Paolo Pasolini dazu, in den Mauern der Stadt sein Filmepos „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“ zu drehen, den letzten Streifen seiner „Trilogie des Lebens“.

Wie das zerbröckelnde Zabid hat auch Al-Mukha, uns besser bekannt als Mokka, seine große Zeit lange hinter sich. Heute ein verschlafenes, von kleinen und großen Sanddünen durchzogenes Schmugglernest, besaß es seit dem Ende des 16. und im 17. Jahrhundert das Monopol als Umschlagplatz für den in Europa so begehrten Kaffee. Eine Handvoll einst üppig ausgestatteter Niederlassungen europäischer Handelshäuser zeugen als traurige Ruinen von Blüte und Niedergang der alten Hafenstadt.

Jemen

Wir sind in der Tihama, der wegen ihres feucht-heißen Klimas berüchtigten Küstenebene. Sie erstreckt sich vom saudischen Hedjas über Djidda bis in den Südwesten des Jemen gegenüber der Meerenge Bab al-Mandab („Tor der Tränen“). In unmittelbarer Küstennähe ist wegen Wassermangels nur eine bescheidene Landwirtschaft möglich. Ganz anders die landeinwärts gelegenen bergigen Partien dieses Landstrichs. Sie sind dicht besiedelt und werden intensiv landwirtschaftlich genutzt. Die Erklärung liefern acht Wadis, tief eingeschnittene Flußtäler, die Wasser aus dem Gebirge heranführen, ihren Tälern eine üppige Vegetation bescheren und noch die Felder auf den terrassierten Hängen mit dem kostbaren Naß versorgen. Jeder Tropfen wird genutzt, nur wenige Rinnsale erreichen das Rote Meer. Nicht nur wegen des heißen und feuchten Klimas fühlt man sich immer wieder nach Afrika versetzt. In den Gesichtern der dunkelhäutigen Menschen und in der Dorfarchitektur sind afrikanische Einflüsse unverkennbar. Man begegnet unverschleierten, farbenfroh gekleideten Frauen und stößt auf kegelförmige Rundhütten aus Lehm, Stroh und Zweigen. Hier leben die Nachfahren afrikanischer Einwanderer, die vor vielen Generationen ins Land kamen.

Jemen

Bergjemen

Durch tiefe Schluchten, vorbei an senkrechten Felswänden und übereinandergestaffelten Terrassenfeldern, führt die Route aus dem heißen Tiefland auf rund 1.400 m in die Stadt Ta`izz. Sehenswerte Stadtmauern und –tore, die prachtvolle Ashrafiya-Moschee mit ihren zwei Minaretten, dazu ein Basar, wie er orientalischer nicht sein könnte, laden zu einem Bummel bei angenehmen Temperaturen ein. Hier, im Gewirr der kleinen Läden und Gassen, sehen wir sie zum ersten Mal: Die Männer mit den dicken Backen, die sich zu gemütlichen Runden zusammensetzen, um für einige nachmittägliche Stunden in kollektives Kauen zu verfallen. Es ist Qat-Zeit. Der dem Amphetamin ähnliche Wirkstoff Cathinon macht die Blätter des Qat-Strauchs zum leichten Aufputschmittel. Zerkauter Blätterbrei wird in der Backentasche gespeichert. Mit viel Wasser durchspült, gelangen dann seine Wirkstoffe in den Magen. Qat, so heißt es, entspannt und fördere die Konzentration, mache mitteilsam, aber auch aufmerksam. „Qat kauen – Verstand verdichten“, sagt ein jemenitisches Sprichwort. Über die gesundheitlichen Schäden des Qat-Genusses sind die Meinungen geteilt, über die volkswirtschaftlichen Folgen nicht minder. 13 % der landw. Nutzfläche tragen Qat-Sträucher (ca. 367 Millionen!), 40 % der knappen Grundwasser-Ressourcen werden für die Qat-Bewässerung verbraucht. Auf der anderen Seite hält der Qat-Anbau die Bauern auf ihrer Scholle und die Terrassenfelder funktionsfähig, denn mit Qat verfügt der ländliche Raum über eine profitable „cash crop“. Qat bringt richtig Geld. Ein Viertel des Volkseinkommens wandert in die Kassen der Qat-Bauern. Eine Folge: Getreide- und Kaffeeanbau gehen dramatisch zurück, die andere: Im Qat-Kreislauf zirkulierendes Geld fehlt für produktive Investitionen und im privaten Bereich für einen höheren Lebensstandard.

Essen im Jemen

Nicht weniger als drei über 2.500 m hohe Pässe sind auf der Weiterfahrt nach Sana`a zu überqueren. Als „Auserwählte“ und „Unvergleichliche“, als „Perle Arabiens“ rühmen Dichter die Hauptstadt des Landes mit ihren vielgestaltigen Minaretten und schlanken Wohntürmen, den weißen Stuckornamenten, mit Zinnen bestückten Dachterrassen, den Fenstergalerien aus Alabaster oder farbigem Glas. Die mehr als 6.000 meist fünf- bis siebenstöckigen Häuser der AltstadtSana`as, eines der am besten erhaltenen Stadtzentren der arabischen Welt, zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe. Und das berühmte labyrinthische Bazarviertel hinter dem Stadttor Bab al-Jemen verleiht diesem einzigartigen städtebaulichen Ensemble noch einen besonderen Tupfer. Streng gegliedert nach den einzelnen Gewerben gibt es Gewürze hier und Stoffe dort, zwei Ladengäßchen weiter Schmuck und Silber, Kupferwaren und Wasserpfeifen, auch Qatbündel oder die berühmten jemenitischen Krummdolche. Kein Wunsch bleibt hier unerfüllt.

Jemen

Alle Gebäude der Altstadt wurden im traditionellen Stil errichtet: Die unteren Stockwerke aus Naturstein, die oberen aus Lehm. Andere herausragende Beispiele jemenitischer Lehmarchitektur sieht man in Sa`ada nahe der saudischen Grenze und in Shibam im östlichen Landesteil Hadramaut. Wie Erde und Wasser von der Sonne zu Architektur gedörrt werden, ist ein seit Jahrhunderten bewährter Prozeß. Zunächst wird Lehm zu flachen Platten verstrichen, in langen Bahnen aufgereiht und vorgetrocknet. Sind sie fest, schichtet man sie aufeinander und setzt sie für einige Wochen der Hitze aus. Danach können die gehärteten Lehmplatten verbaut werden. Für den weißen Putz, „Nura“ genannt, vermengt man Sand und Kalk, auch braunen Zucker, Eierschalen und etwas Asche. Daß die bis zu 30 m hohen Bauten nicht starr zu errichten sind, um dem Klima und den Beben standzuhalten, war den einheimischen Maurern schon lange vor den Erbauern moderner Wolkenkratzer geläufig. Eine raffinierte Klimatisierung mittels Fenstern, Schächten und unterschiedlichen Wanddicken hält die Innentemperatur um mindestens 10 Grad niedriger als die Umgebungstemperatur. Alle 10 Jahre muß das Flachdach erneuert werden, die Seitenwände nach 40 und das verbaute Holz nach 80 Jahren.

Die atemberaubende Berglandschaft rund um Sana`a ist reich an interessanten Ausflugszielen, befestigten Bergdörfern etwa mit herrlichen Ausblicken auf die in Fels gehauenen, aus Bruchsteinen aufgeschichteten Terrassenfelder, die oft nicht breiter sind als ein paar Ackerfurchen. Thula zählt dazu, Amran, Kawkaban und Mahwit und auch das attraktive Wandergebiet des Haraz-Gebirges.


Archäologische Stippvisiten

In Serpentinen geht es von Sana`a hinab in die Wüste Ramlat as-Sab`atain („Sand der zwei Sabas“), einem Ausläufer der riesigen, lebensfeindlichen Arabischen Wüste, die sinnigerweise „Leeres Viertel“ genannt wird. Nach Stunden taucht auf einer niedrigen Anhöhe die imposante Stadtmauer von Baraqish aus dem Dunst auf. Sie erreichte ursprünglich eine Höhe von 14 m und besaß 57 Wehrtürme. Die einstige Hauptstadt der Minäer (um 400 v. Chr.) lag inmitten einer ausgedehnten Oase. Inschriftensteine und Tempelreste zeugen von einstiger Bedeutung. Heute ist Baraqish eine Geisterstadt. Noch zwei Stunden bis Marib, einem der Höhepunkte jeder Jemen-Reise. Die frühere Metropole des Sabäer-Reiches und vermeintliche Residenz der sagenumwobenen Königin von Saba hat in den letzten Jahren viele Geheimnisse preisgegeben. Während das Rätsel um die schöne, schillernde Königin wohl für immer ungelöst bleiben wird, haben umfangreiche Ausgrabungen Licht in die Geschichte der Stadt gebracht. Neben Tempelruinen und Überresten einer mehr als 4 km langen Stadtmauer versinnbildlicht besonders der antike Damm den Zenith einer Hochkultur und deren Niedergang. Um 600 v. Chr. erbaut, 16 m hoch, 680 m lang und von zwei Schleusen eingefaßt, leitete er nach Regenfällen im Gebirge die herannahende Flutwelle in Kanäle um, die eine Fläche von ca. 10.000 ha mit Wasser und fruchtbarem Schlamm versorgten. Die künstlich bewässerte Oase und der Handel mit Weihrauch und Myrrhe bildeten die wirtschaftliche Grundlage der Stadt mit damals etwa 50.000 Einwohnern. Doch: „Sie aber wandten sich ab. Da sandten Wir über sie die Flut des Dammbruchs und verwandelten ihre beiden Gärten in zwei Gärten mit bitteren Früchten…“, schildert der Koran, Sure 34/Vers 16, den Anfang vom Ende einer glanzvollen Zeit. Hintergrund dieser Zeilen war wohl weniger die Gottlosigkeit der Sabäer als die Tatsache, daß sich der Weihrauchhandel von den Wüstenpisten auf den Seeweg verlagert hatte, Saba einen Machtverfall hinnehmen mußte und nicht mehr über die Fähigkeiten verfügte, das technische Meisterwerk zu warten. Der Dammbruch ist übrigens historisch belegt.

40 km südwestlich von Marib liegt die Ruinenstätte der ersten Hauptstadt des Sabäer-Reiches, Sirwah. Ein noch erhaltener Lehmziegelwall umschließt das alte Stadtzentrum mit dem monumentalen Almaqah-Tempel. Auf seinem Areal gruben 2005 Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts einen tonnenschweren Schriftstein aus. Seine 7 m lange Inschrift berichtet von Kriegen eines sabäischen Herrschers in der Zeit um 500 v. Chr. Nach stundenlanger Fahrt über Wüstenpisten schieben sich die Überreste der legendären Hauptstadt Hadramauts, Shabwa, ins Blickfeld.

Jemen

Hadramaut

Jemens östliche Provinz bezog ihren Reichtum zuallererst aus der Organisation des Weihrauchhandels. Andere kostbare Güter kamen hinzu: Myrrhe, Gewürze, Elfenbein, Perlen, Seide, Edelhölzer. Quelle all dieser Schätze konnte nach Auffassung der Römer nur das ferne, glückliche Südarabien („Arabia felix“) sein. Doch so war es nicht. Weihrauch und Myrrhe kamen überwiegend auf dem Seeweg aus der Provinz Dhofar im südwestlichen Oman in die antike Hafenstadt Qana (heute Bir Ali/Hadramaut). Die anderen Waren stammten aus China, Indien und Ostafrika und wurden im südlichen Jemen nur umgeschlagen für den Weitertransport auf dem Rücken von Kamelen. In langen Karawanen zogen sie auf der Weihrauchstraße aus dem südlichen Jemen in das westliche Saudi-Arabien, durchquerten das Nabatäer-Reich im heutigen Jordanien und dann Palästina bis Gaza, wo die Waren auf Schiffe verladen wurden mit römischen und griechischen Bestimmungshäfen. Hadramaut wird durch Hochplateaus, Wadis, Oasen und Sandlandschaften geprägt. Kerngebiet ist das gleichnamige Tal (Wadi), mit 160 km Länge und 10 km Breite nach dem jordanischen Wadi Rum zweitgrößtes (Trocken)-Tal der Arabischen Halbinsel. Es umfaßt ein weitverzweigtes, landschaftlich faszinierendes System von trockengefallenen und wasserführenden Haupt- und Nebenwadis, an deren Rändern Städte entstanden mit einzigartigen Baudenkmälern. Sa`yun zum Beispiel, das Zentrum der Provinz. Sein Wahrzeichen ist der aus dem 16. Jahrh. stammende fünfstöckige Sultanspalast, der größte Lehmziegelbau des Landes, der aus nicht weniger als 300 Räumen besteht (heute Museum) oder Tarim, einst Mittelpunkt der Lehre des orthodoxen Sunni-Islam und zugleich namhafte Handelsstadt. Neben zahllosen Moscheen und Medresen, darunter die Al-Midhar-Moschee mit einem himmelstürmenden Minarett – vollständig aus Lehm erbaut, sind alte Kaufmannspaläste zu bestaunen, die neben traditioneller südarabischer Ornamentik auch indonesische Stilelemente zeigen, worin sich die engen Handelsbeziehungen ihrer Besitzer nach Südostasien widerspiegeln. Höhepunkt jedoch ist Shibam, die grandiose Stadt, auf einem ummauerten Sockel mitten im Flußbett errichtet. An die 500 ockerfarbene Lehmhochhäuser mit weiß gekalkten oberen Stockwerken, knapp 30 m hoch und 100 bis fast 400 Jahre alt, stehen so dicht gedrängt, daß die Gassen den ganzen Tag über Schatten bieten und gerade zwei Kamele aneinander vorbeipassen. Das „Chicago der Wüste“, wie der Reiseschriftsteller und Fotograf Hans Helfritz 1932 nach seinem Besuch die Stadt im Wadi begeistert taufte, gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und wird mit Hilfe der deutschen GTZ restauriert.

Text: Eckart Fiene
Fotos: Franz Lerchenmüller



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