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Das blonde Mädchen aus Germania

Die Schauspielerin Elke Sommer ist ein unvermuteter Sprössling von Viareggio. Eine Urlaubergeneration und eine Ferienmode später als Thomas Mann verbrachte sie hier als Siebzehnjährige - noch unter ihrem eigentlichen Namen Elke Schletz - einige Sommertage. Die fünfziger Jahre und der Drang der Deutschen ans Mittelmeer waren auch über Viareggio hereingebrochen, und deshalb konnte ein deutsches Fräuleinwunder hier seinen Anfang nehmen: Das blonde Mädchen aus Germania wurde an einem durchschnittlichen Urlaubsabend bei einer belanglosen Veranstaltung zur Miss Viareggio gewählt. Vittorio de Sica aber, der große italienische Regisseur, sah am nächsten Tag ihr Foto in der Zeitung und holte sie nach Rom.

Italien Viareggio Seeblick

Häuser, Strand und Meer - seit 100 Jahren

Fragt man heute danach, so erinnert sich in Viareggio offenbar keiner mehr an dieses Ereignis, und niemand könnte sagen, wo die Schönheitskonkurrenz damals genau stattfand. Überhaupt hat sich der deutsche Einfluss weitaus weniger ausgebreitet als in anderen italienischen Urlaubsorten. Hier wird noch nicht selbstverständlich Deutsch gesprochen, und die Restaurants haben weder Schnitzel noch Bratwurst auf der Speisekarte.

Ausländische Besucher und das Personal in Hotels, Gelaterias und Trattorias üben sich deshalb oft in einem sympathischen Radebrechen, wie man es im touristisch durchorganisierten Europa und erst recht in italienischen Badeorten kaum noch vermuten würde. „Danke, danke“, sagt die Bedienung im Gran Caffè Margherita bei ihrem spontanen Versuch mit der deutschen Sprache, so freundlich und unbeholfen, als wäre sie nicht in einem Brennpunkt des Tourismus beschäftigt und als hätte sie noch nie einen ausländischen Gast bedient.

Logenplatz im Strandtheater

Salvatore Madonna hütet ein großes Erbe. Er ist Direktor des „Plaza e de Russie“, des ältesten Hotels von Viareggio, und er bemüht sich, einen Hauch des alten Glanzes der Belle Epoque in die heutige Zeit hinüberzuretten. Nach seiner Eröffnung im Jahr 1871 wurde das Hotel Plaza während der Wintermonate rasch zum bevorzugten Aufenthaltsort der russischen Aristokratie, weshalb es sich bald den Zusatz im Namen zulegte. Die Lobby ist mit weißem Marmor ausgekleidet, der selbstverständlich aus dem wenige Kilometer entfernten Carrara stammt. Im Salon stehen schwere Sessel und Sofas, in die man sich eher während der Wintermonate fallen lässt als zur sommerlichen Badesaison, und die Zimmer atmen trotz Modernisierung das Flair einer Zeit, in der Luxus noch mit anderen, bescheideneren Maßstäben gemessen wurde.

Italien Viareggio Logenplatz

Überblick vom Logenplatz

Das Restaurant auf der Dachterrasse aber ist mit Abstand der beste Logenplatz im Strandtheater von Viareggio. Von hier aus hat man einen fabelhaften Ausblick auf die Jugendstilfassaden an der Viale Regina Margherita, kann jedes Detail des abendlichen Betriebs auf der Promenade begutachten und schaut gleichzeitig hinter den Kulissen der Badeanstalten auf die geometrischen Muster der Sonnenschirme und Liegestühle. Mit etwas Glück wird als Zugabe ein Sonnenuntergang über dem Tyrrhenischen Meer inszeniert.

Italien Viareggio stilvolles Speisen

Stilvoll speisen in Viareggio

Im Restaurant selbst fühlt man sich in eine andere Epoche versetzt, erst recht wenn sich ein weißhaariger Signore am Nachbartisch niederlässt, wenn der Herr mit gedämpfter Stimme die Menüfolge bestimmt und bestellt, seine Donna trotz fortgeschrittenen Alters mit luftigem Kleid und gewagtem Ausschnitt am Tisch sitzt und der erwachsene Sohn und die Schwiegertochter nur die Rolle von Statisten spielen. Wenn dann die Kellner noch einen Takt schneller und zuvorkommender agieren, dann weiß man, dass es auch an diesem Ort des Massentourismus eine Spur aristokratisch zugehen kann und fragt sich, in welchem Bagno diese Herrschaften wohl am Strand liegen mögen. Im Verlauf des Abends wird freilich klar, daß sie gar nicht zum Strand gehen, sondern dass sie sich in ihrer ganz eigenen Ferienenklave aufhalten.

Gehobener bis abgehobener Luxus

Magic Dream heißt vielleicht ihre Jacht, und sie liegt gerade in einem der zahlreichen Hafenbecken jener namhaften Werften, die in Viareggio ansässig sind und das alte, von Badeanstalten und Jugendstilfassaden geprägte Schauspiel des Luxus und der Ferienmoden durch einen zeitgemäßen Akt ergänzen. Es ist eine Jacht-Parade der Sonderklasse, die von den Werften Picchiotti, Benetti und Perini Navi arrangiert wird. Neubauten befinden sich hier neben Schiffen, die zur Reparatur, zur Modernisierung oder zur Aufrüstung am Kai liegen: luxuriöse Motorjachten, schnittige Segelboote, gigantische Motorsegler.

Italien Viareggio Jachten

Luxus, Luxus und ...

Man sieht kaum ein Serienmodell, die meisten wurden auf besondere Anforderung hin gebaut. Die Schiffe - einige von ihnen vierzig, fünfzig, gar sechzig Meter lang - heißen Andiamo, Euphoria, First Lady, Top Feet oder Schou Quy, und wenn der Name es nicht schon andeutet, dann gibt die Schrift am Heck Auskunft über ihre Heimathäfen. Neben Italien wird die gesamte High Society des internationalen Yacht Set von hier aus beliefert: in Guernsey, Cardiff und Southampton, in Fort Lauderdale, Jamaika und Bermuda, in Kuwait, Singapur und Sydney.

Italien Viareggion Luxusjachten

... noch mehr Luxus

Diese Industrie des gehobenen bis abgehobenen Luxus reiht sich nahtlos in das Strandtheater von Viareggio ein. Der Wald von Segelmasten und Radarschirmen schließt sich unmittelbar an den Wald der Sonnenschirme an, und jeder darf daran vorbeispazieren. Hier, in den Hafenbecken der Werften, werden jetzt das ganze Jahr über die Glanznummern gezeigt, während in den Bagnos und auf der Viale Regina Margherita die Statisten nur vergleichsweise bescheidene Präsentationen zum besten geben können.

 

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