Jugenstil mit Meeresbrise
Viareggio: ein italienisches Seebad im Spiegel der Ferienmoden
Text und Fotos: Volker Mehnert

Viareggio ist großes italienisches Strandtheater. Man geht dort nicht bloß zum Baden, sondern man zelebriert den Gang zum Meer als gesellschaftliches Ereignis, liegt deshalb auch nicht einfach am Strand, sondern entscheidet sich für ein ganz bestimmtes Bagno, eine jener Badeanstalten mit so wohlklingenden Namen wie Paradiso, Felice oder Balena. Sie haben den Strand unter sich aufgeteilt, und für ein beträchtliches Eintrittsgeld kontrollieren sie den Zugang. Für die angesehensten und teuersten muss der Besucher pro Tag genauso viel berappen wie für sein Hotelzimmer.
Nur für den unbedarften Blick des Fremden ähneln sich diese Bagnos, reihen sich auf am selben Strand, unter derselben Sonne und unterscheiden sich höchstens durch die Farbe der akkurat aufgereihten Sonnenschirme und Liegestühle. Für den kundigen Italiener hingegen verbirgt sich hinter jedem von ihnen ein soziales Gefüge.

Jeder hat seinen Platz - wenn er einen findet
Jeder weiß, wo er hingehört, und manche Großfamilie besucht schon seit Jahrzehnten dieselbe Badeanstalt. Im Sommer trifft man sich zur traditionellen „villeggiatura“, dem monatelangen Daueraufenthalt am Meer, und an sonnigen Herbstwochenenden noch einmal zu einem kurzen Wiedersehen. Es entstehen Freundschaften fürs Leben, man bahnt Geschäfte und selbstverständlich auch Ehen an.
Und auf jeden Fall hebt man sich ab von jenen Unglücklichen oder
Sparsamen, die sich an dem bloß fünfzehn Meter breiten öffentlichen
Strandabschnitt drängeln, der in besonders schlechter Lage direkt
neben dem Hafenbecken ein kostenloses Badevergnügen erlaubt. Während
das Raster der Liegestuhlreihen in den Bagnos immerhin einen kleinen Abstand
zwischen den Sonnenanbetern vorsieht, liegen die Menschen am öffentlichen
Strand buchstäblich Handtuchkante an Handtuchkante.
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