Reisemagazin schwarzaufweiss

Im lauten Herzen der Stadt

Das man, einmal in Venedig, ohne Frage erwandert haben muss, um der prachtvollen Präsenz der Basilica San Marco zu huldigen, dem Campanile, dem Dogenpalast und den Giardini ex Reali. Wo man im Caffé Florian gesessen haben muss, trotz der exorbitanten Preise, selbst für eine Minimalbewirtung und wo man die Frezzeria, das sich anschließende Einkaufsparadies, durchbummelt haben sollte. Und wo man auf der Piazza San Marco, dem einzigen Platz Venedigs, der sich, gegenüber allen anderen campi, Piazza nennen darf, wo man im Herzen der Stadt also, das Ebenmaß dieses großartigen Platzes genießen wird, auch wenn die Schwärme der Tauben der Leidenschaft für das ästhetische Bild dieses baulichen Ensembles deutlich beeinträchtigen können. Denn ignorieren lässt sich dieses aufdringlich-dreiste Viehzeug nun mal leider nicht. Doch so lange die Heerscharen der Touristen diese gefiederten Antitypen noch „putzig“ finden, so lange hat das Kroppzeug Existenzrecht – im Sommer. Wie erholsam doch die Zeit außerhalb der Hochsaison ist, auch aus diesem Blickwinkel!

Venedig - Blick auf den Dogenpalast

Dogenpalast

Wenn das Herz wieder langsamer schlägt

Es ist schon lange nicht mehr früh am Morgen, dennoch hat noch niemand begonnen, die Stände der fliegenden Händler auf der Piazza aufzubauen. Vor 11 Uhr kann man ohnehin keine Touristen erwarten. In der Basilika ist die Frühmesse beendet, ein paar Kellner vom Caffé Florian treten aus dem Vorraum, überqueren den Platz die wenigen Meter bis zu ihrer Arbeitsstelle und treffen derweil Guiseppe Trevi. Auch er ist auf dem Weg zur Arbeit, in dem sündteuren, unglaublich edlen Herenbekleidungsgeschäft in den alten Prokurazien. Auch er hat es nicht eilig, sodass man noch auf eine Zigarette verweilen kann, mit Blick über den Canal Grande zur Santa Maria della Salute. Mühsam reißen die Nebelschwaden auf, nur gegenüber, auf der Isola La Guidecca, wo früher der arme Plebs hauste und wo heute noch die Kommunistische Partei ihre intaktesten Parteibüros unterhält, dort streift die fahle Sonne bereits die Kirchentürme der Il Redentore. Hierher pilgern alljährlich im Juni ganze Scharen gläubiger Venezianer. Sie kommen über eine Pontonbrücke, die den Canale della Guidecca nur zu diesem Anlass überspannt und sie feiern das Ende der verheerenden Pest von 1576.

Venedig - Giudecca Il Redentore

Lust am guten Leben

Dazu gehört es, gut und ausgiebig zu essen und zu trinken, also jener Lust zu fröhnen, die alles venezianische Leben außerhalb der Saison prägt. Wie bei Zaccho, der seine kleine Osteria so dicht an der Fondamente Nuovo erbaut hat, dass die salzige Gischt aus dem gleichnamigen Canale die Fenster der urgemütlichen Weinbar schon längst erblinden ließ. Gerade wirbelt der aufkommende Wind aus der Lagune die weißlichen Nebelfetzen durcheinander und in den Himmel, bis sie sich im hellen Blau des kalten Tages auflösen.

Platz für die Toten

In noch weiterer Ferne der Lagune weiß man Murano, die Glasbläserinsel zu erahnen, auf dem Weg dorthin aber führt kein Weg an San Michele vorbei. Noch immer wird in direkter Nachbarschaft gebaut, eine neue Insel aufgeschüttet. Denn die Toteninsel ist längst schon zu klein geworden, auch wenn man als normalsterblicher Venezianer nur zehn Jahre Ruherecht in einem Grab hatte, bevor die sterblichen Überreste ausgebuddelt und in der Friedhofsmauer beigesetzt wurden – um anderen Toten Platz auf der cimitero zu machen. Zumal es in Kreisen ausländischer Exzentriker immer häufiger Usus wurde, seine letzte Ruhestätte auf San Michele zu verfügen, die japanischen und amerikanischen Namen auf den Grabsteinen im hinteren Teil der Insel belegen den Hang zu dieser neuen Marotte.

Venedig - Friedhofsinsel San Michele

Kapelle auf der Friedhofsinsel San Michele

Grund genug für die Venezianer, dem jetzt Einhalt zu gebieten, auch wenn das Geschäft mit den Beisetzungen ein Gutes war. Doch will man sich über das Lebensende eines Besuchers hinaus nicht mehr mit ihm beschäftigen. Schließlich muss irgendwann mal auch die beste Gastfreundschaft ein Ende finden, sagt Zaccho, der für seine Gäste an diesem Morgen ein paar Flaschen Fragiolo heraus gekramt hat, weil man „das Zeug“ trinken muss, bevor er zu lange luftdicht verschlossen war. Das mit den Gesundheitsschäden nach einem zu ausdauernden oder regelmäßigen Genuss dieses umstrittenen Erdbeerweines (man munkelt von Erblindungen und drastischen Leberschäden) ist eine andere Geschichte, an die man überhaupt nicht denkt, während man einen Fragioolo nach dem anderen schlürft und dem Wirt zuhört, indem er darauf besteht, dass wenigstens alle Venezianer auf San Michele beigesetzt werden müssten. Schließlich könne es nicht angehen, dass man die eigenen Toten in der Tristesse des Festlandes beerdigen müsse, um genügend Platz für tote Snobs zu haben. Wie Recht er hat! Das Gemurmel des Auditoriums steigert sich zu Beifall, die nächste Flasche Fragiolo ist schon geöffnet. Es ist schließlich Winter, also hat man Zeit!

Über die Prachtavenue in ein grandioses Bühnenbild

Die Simse der palazzi sind vom tauenden Rauhreif der vergangenen Nacht wie mit einer Lackschicht überzogen. Strahlend, wo das Weiß der Anstriche noch unbefleckt scheint, mürbe und mit matten Flecken durchsetzt, wo Fäule und Schimmel dem Zahn der Zeit in erschreckender Effizienz assistieren. Es ist nicht wirklich kalt auf der vordersten Bank des Vaporetto der Linea 1. Und schon gar nicht so ungemütlich, dass man diesen Logenplatz für eine Fahrt auf dem Canal Grande aufgeben würde. Es gehört nicht allein zu den unbedingten Musts eines Venedigaufhaltes, den Canal Grande mindestens einmal befahren zu haben, es ist zudem eine Lust, sich über die Prachtavenue der Lagunenstadt fahren zu lassen. Der Canal Grande, die „Seele der Stadt, wie die Venezianer ihre 3,8 Kilometer lange „Hauptstraße“ nennen, diesen „großen Kanal“, der an seiner schmalsten Stelle 30, an der breitesten hingegen 70 Meter misst. Der von vier Brücken überspannt ist, sich S-förmig vom Piazzale Roma bis zum Dogana da Mar windet und der im Verlauf dieses Weges zur Bühne wird für eine Kulisse, die sich prächtiger nicht entfalten konnte. 1000 Jahre Kunst entfalten sich entlang der Ufer, jeder bedeutende Architekt Venedigs hinterließ sein Erbe in Form reich ausgestatteter palazzi, jede Bauepoche aus der Lagunenstadt ist an der Peripherie des „schwarzen Wassers“ vertreten. Und dort hindurch, durch diese Schatzkammer, wird man in sanftem Tempo geführt, bequem vom Bug des Vaporetto, den offensichtlichen Zerfall dieses großartigen Bühnenbildes als hommage an die Unsterblichkeit der Schönheit hinnehmend.

Venedig - Canal Grande bei Accademia

Der Canal Grande bei Accademia

Pure Hingabe an la morbidezza

Dann gleicht Venedig einer Dame, die, seit Langem schon jenseits jugendlicher Frische, in Würde zu altern vermag. Mit vielleicht ein paar Juwelen zu viel auf dem faltigen Dekolleté, mit Farben in ihrer Garderobe, die zu deutlich changieren und auf denen sich die Stäubchen der zu dick aufgetragenen Puderschicht aus dem Gesicht abgelagert haben. Doch zeigt dieses Gesicht Züge von Gelassenheit und auch die Haltung der alten Dame ist untadelig. Sie wird sich nie gehen lassen, wird vielmehr in Ehren vergehen, sodass man sie, bis weit über ihren Tod hinaus, bewundern und verehren wird.

Venedig - Blick über Venedig mit Canal Grande

An dieser Stelle des Gleichnisses allerdings erschöpfen sich die Parallelen zu Venedig, denn so absehbar die Zeitläufte der imaginären alten Dame sich ihrer Vergangenheit zuneigen, so wenig absehbar ist das Ende der „Glanzvollsten“. Obschon der Untergang der Inselstadt noch so oft und noch so dramatisch beschworen wurde und wenngleich man als Venezianer nichts so fanatisch liebt, wie die Spiegelung der Stadt im tragischen Dunkel der Vergänglichkeit. Immer im Bewusstsein, dass La Serenissima nicht wirklich sterblich ist. Schon gar nicht außerhalb der Saison. Denn wer an einem Wintertag, von der Klarheit der frischen Luft geblendet, die Augen schließt und den Stimmen der Stadt lauscht, der wird in ihrem sanften Klang alle Hektik der Zeit vermissen, zugunsten einer Melodie. Ihr Rhythmus ist der des Wassers, ihre Noten sind Melancholie und ihr Klang ist die pure Hingabe an den einzigartigen Charakter dieser einmaligen Lagunenstadt.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Italien bei schwarzaufweiss

 

 

Reiseführer Rom

Rom sehen und diesem einzigartigen Flair aus antiker Grandiosität und modernem Lifestyle zu erliegen, ist eins. Wer will sich dem Charme jenes pulsierenden Zeitgeistes verwehren, der seit zweieinhalbtausend Jahren unverändert scheint? Denn wo früher Ben Hur und Mannen ihre Streitwagen über das Pflaster jagten, sind die Tumulte im Rom von heute nicht weniger aufregend.

Rom Reiseführer

Mehr lesen ...

Kurzportrait Italien

„Man braucht nicht alles zu sehen, aber gewisse Nummern sind unerläßlich“, so Theodor Fontanes Anleitung für Italienreisende aus dem Jahre 1874. Doch selbst die Zahl der „Unerläßlichen“ ist noch schier erdrückend, folgt man der Unesco-Liste unserer Tage, die Italien mit nicht weniger als 50 Welterbestätten an die Spitze der „Nationenwertung“ setzt.

Rom

Mehr lesen ...

 

Lebendige Tradition – Besuch in Faenza in der Romagna

Schon Tage vor dem großen Ereignis, dem Palio del Niballo, dessen Wurzeln bis zum Jahr 1414 zurückreichen, schmückt sich die Stadt in der Romagna, der kleineren und weit weniger bekannten Hälfte der Emilia-Romagna, und stimmt sich auf das historische Spektakel ein. Es gilt wie in all den Jahren zuvor, den Angreifer Hannibal in die Flucht zu schlagen. Was sich martialisch anhört, ist tatsächlich ein folkloristischer Wettkampf, den die fünf Stadtviertel Faenzas, die Rioni, gegeneinander austragen.

Faenza

Mehr lesen ...

Radfahrem im Piemont

Durch die Region Piemont im Nordwesten Italiens führen um die 50 Kilometer lange Sternradtouren ab Romano Canavese zu Burgen und Seen, an den Po und nach Turin.

Piemont

Mehr lesen ...