Reisemagazin schwarzaufweiss

Märchenhaftes Südtirol

Gemaltes Mittelalter auf Burg Runkelstein

Text: Manfred Lädtke
Fotos: Manfred Lädtke u.a.

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Elfen und Edelleute tanzen auf Wänden, Riesen und Ritter ziehen durch Säle und Palais. Nach langem Dornröschenschlaf haben sich auf Burg Runkelstein bei Bozen Türen und Tore zu einer Ritter- und Sagenwelt geöffnet.

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht: Burg Runkelstein bei Bozen

Burg Runkelstein, Foto: Eggental Tourismus

Mit 120 Burgen, Schlössern und Ruinen ist Südtirol eine der burgenreichsten Regionen Südtirols. Aber keine Burg zeigt so viele Sagen und Geschichten auf Stein wie die Bilderburg vor den Toren vor Bozen. Ein Ziel für eilige Reisende ist Schloss Runkelstein (1) freilich nicht. Für eine Zeitreise durch die gemalten Abenteuer im Kastell mit Europas größtem profanen Freskenzyklus aus dem Mittelalter müssen Besucher Zeit mitbringen. Mehr als 110 Jahre war die auf einem Felsbuckel („Runchenstayn“) thronende Burg ein ödes, vergammeltes Gemäuer. Heute ist das einst vergessene Wunderreich im wildromantischen Sarntal wieder über einen alten Wanderpfad erreichbar.

Motive in der Südtiroler Bilderburg Runkelstein erzählen Geschichten aus der Sagen-, Ritter- und Minnewelt des Mittelalters

Motive erzählen Geschichten aus der Sagen-, Ritter- und Minnewelt des Mittelalters

Ritter, Riesen, Könige und Zwerge blicken von den geschmückten Nischen im Schlosshof. Die Fresken verraten künstlerische und gesellschaftliche Vorlieben der Burgherren und feiern eine Ende des 14. Jahrhunderts im Versinken begriffene Welt des Rittertums. Leicht, verträumt, verwunschen wirkt der Palast, dessen Idyll bewahrt wurde. Man glaubt vor einer Burg aus einem Märchen zu stehen. Einem Märchen, das vor 630 Jahren begann. Damals kauften sich zwei reiche Brüder den Herrschaftssitz. Nikolaus und Franz Vintler waren ausgebuffte Handelsleute, aber auch Männer mit Geltungssucht und Sinn für Kunst. Ihr Reichtum und der Kauf der Burg erlaubte den Vintlers erstens ihr Selbstbewusstsein zur Schau zu stellen, und war zweitens eine Eintrittskarte und Brücke in die Welt der Adligen. Sie bauten die Immobilie aus und schmückten sie mit Malereien. Als Nikolaus 1413 starb, sank Runkelstein in einen Dornröschenschlaf.

Die gemalten Abenteuer auf Stein waren viele Jahre verborgen. Viele der größten zyklischen Bilderzählingen Europas aus dem Mittelalter entstanden nach literarischen Vorlagen

Die gemalten Abenteuer auf Stein waren viele Jahre verborgen. Viele der größten zyklischen Bilderzählingen Europas aus dem Mittelalter entstanden
nach literarischen Vorlagen

Die erste Burgrestaurierung ordnete Kaiser Maximilian I. an. 1893 machte Kaiser Franz Josef den Bozenern das Symbol der Romantik zum Geschenk. Fast 70 Jahre wussten die Stadtväter mit dem pflegebedürftigen Präsent jedoch nichts anzufangen. Nur in der einstigen DDR erfuhr die Anlage in der 1950er Jahren eine trivial-literarische Beachtung. Hannes Hegen schuf den ebenso tapsigen wie unpolitischen Comic-Helden Ritter Runkelstein. Mit seinen Gefährten Dick, Dack und Dickedack ging der wackere Rittersmann über alle Grenzen hinaus auf große Tour und führte seine Fangemeinde in Groschenheftchen von Italien bis nach Mexiko.

Geschichten aus der Ritter- und Sagenwelt des Mittelalters: Im großen Turniersaal sieht man Edelleute beim Reigentanz

Geschichten aus der Ritter- und Sagenwelt des Mittelalters: Im großen Turniersaal sieht man Edelleute beim Reigentanz

In Bozen entdeckte man erst 1960 die zugekleisterten famosen Fresken wieder und begann die gemalte Verherrlichung des Rittertums freizulegen. Nein, ein aufgemotztes Disney-Schloss sei nie das Ziel der Restaurateure gewesen, versichert die Burgführerin beim Rundgang durch Westpalast, Burgkapelle und Sommerhaus. Der Weg durch Gemächer und Säle ist wie ein wundersamer Spaziergang durch ein farbenprächtiges Bilderbuch des höfischen Lebens. Lanzenturniere, Reigentanz, Ballspiele und Jagd sind dargestellt. Fräulein, Elfen und Feen bevölkern Wiesen und Wälder ebenso wie listige Gnome und schnurrige Kobolde. Im Sommerhaus erzählen Motive die Geschichte der Liebe zwischen Tristan und Isolde und der Nibelungen-Helden. Im Garel-Zimmer berichtet ein Zyklus von einem Ritter aus Arthurs Tafelrunde, der dem sagenhaften König gegen ein feindliches Heer aus einer Patsche hilft, und der den damals gesamten ritterlichen Ehrenkodex als Lehrgeschichte für junge Adlige abbildet.

Höfische Szenen aus dem adligen Leben: Herrschaften vergnügen sich beim Ballspiel

Höfische Szenen aus dem adligen Leben: Herrschaften vergnügen sich beim Ballspiel

Im benachbarten Saal lehnen sich Damen und Herren aus den Logen einer gemalten Flachbogengalerie. Sind es Spielleute, Zuschauer oder Liebende beim Versuch über den Balkon zu klettern? Die immer noch nicht entschlüsselten Darstellungen laden bis heute zum Rätselraten ein. Und wieso heißt der Saal das „Badehaus“? „Weil die scheinbar in Kostüme gezwängten Männer eigentlich nur Vorzeichnungen auf beiger Wand sind, irrtümlich aber für nackte Badende gehalten wurden“, erklärt die Burgführerin. Der Maler habe sein Werk nicht beendet. „Warum, das weiß man nicht!“

Die nur scheinbar nackten Personen wurden irrtümlich für Badende gehalten, sind in Wirklichkeit aber unfertige „nackte“ Zeichnungen des Malers

Die nur scheinbar nackten Personen wurden irrtümlich für Badende gehalten, sind in Wirklichkeit aber unfertige „nackte“ Zeichnungen des Malers

Paolo Pasolini hatte einmal gesagt, er verbinde Geschichte mit seiner Trauer um den Verlust der Welt von gestern. Ein Grund, vielleicht, weshalb der Regisseur Szenen seines historischen Episodenfilms „Il Decamerone“ 1970 auf Runkelstein drehen ließ. Beim Tafeln wie Tristan in der Schlossschenke offenbart sich der Charme vergangener Zeiten noch lange nach der Burgbesichtigung. Wenn es dämmert über den Zinnen von Runkelstein und das Rauschen der Talfer zur beherrschenden Kulisse wird.

Farbenreicher Spaziergang durch das Mittelalter auf Burg Runkelstein

Farbenreicher Spaziergang durch das Mittelalter auf Burg Runkelstein

Einer der schönsten Ausflüge nahe der Burg führt mit der Seilbahn in das 1080 Meter hoch gelegene Bergdorf Jenesien (2). Auf dem Hochplateau des Saltens starten beim Gasthof Tomanegger Kutschen und blondmähnige Haflinger zu Ausritten über stattgrüne Feenwiesen und lichte Lärchenwälder. Gemächlich traben die gutmütigen Pferde über hügelige Almteppiche zu einer einsamen Hütte. Die Wirtin schenkt Wein ein, tischt Käse, Wurst, Schinken und eine kräftige Suppe auf. Zeit, um die heile Welt mit weitem Blick auf die schneebedeckten Berge zu genießen. Der stete Kampf zwischen dem frechen Nordwind und der lieblichen Südbrise hat ein Potpourri mediterraner und nordischer Pflanzenwelt entstehen lassen.

Einen imposanten Blick auf den Latemar-Gebirgszug genießen Wanderer im Eggental bei Deutschnofen

Einen imposanten Blick auf den Latemar-Gebirgszug genießen Wanderer im Eggental bei Deutschnofen

Wer ein Stück Südtirol nicht auf dem Kutschbock „erfahren“ sondern lieber „erwandern“ möchte, schnürt früh seine Wanderschuhe und fährt mit dem Sessellift hinauf auf den Latemar-Gebirgsstock über dem Eggental. Helene Thaler vom Tourismusverein hatte von der „sonnigsten Region“ in Südtirol gesprochen. Sportlich ambitionierte Wanderer wagen den dreistündigen Aufstieg zur 2 671 Meter hoch gelegenen Latemarhütte.

Weniger schweißtreibend ist ein Gebirgsmarsch auf 700 Meter tiefer gelegene Themenwege im Wanderpark „Latemarium“, der im Juni 2014 eröffnet wurde. Vorbei an Zirbe und Lärche, an Schautafeln und Hör-Trichtern führt Herbert Pichler seine Gruppe hinauf auf eine überdimensionale hölzerne „Schnecke“. Wooowh! Im Rücken die steilen Wände des Latemars, öffnet sich auf dem Aussichtsplateau ein Panorama mit mächtigen vergletscherten Bergzügen, ehrfurchtgebietenden Steilhängen und Gipfeln. Aus dem Wäldermeer der Bozener Berge ragen über Täler und Blumen besäte Almen schroffe Steinriesen wie eine Geisterburg aus der Urzeit in den blauen Himmel.

Ruheinsel mit Hörtrichter im Latemarium-Wanderpark

Ruheinsel mit Hörtrichter im Latemarium-Wanderpark

Irgendwo in den Dolomiten, dort, wo das Morgen- und Abendlicht dunkelrot erglüht und die Steinkolosse des „Rosengarten“ kühne Kletterer locken, soll das sagenumwobene Reich von Zwergenkönig Laurin liegen. In einen Rosengarten, der sich an das Gebirge gleichen Namens schmiegte, hatte der König aus Liebe die schöne Similde entführt. Gegen Ritter, die sie befreien wollten, wehrte er sich mit einer Tarnkappe. Als die tapferen Recken an Bewegungen der Rosen erkannten, in welchem Beet sich Laurin versteckte, strafte er diesen Verrat mit einem Fluch: Weder bei Tag noch bei Nacht sollte ein Mensch den Rosengarten jemals wieder erblicken. Weil der Zwergenkönig jedoch die Dämmerung vergaß, leuchten die Rosen im verzauberten Garten bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang noch heute. In solchen Stunden, wenn das Alpenglühen wie eine geheimnisvolle Fackel über dem Schatten der Täler in heller Lohe brennt, erscheint das Felsgebilde wie der Abglanz einer Heldensage.

Reiseinformationen

Auskünfte: Eggental Tourismus, Dolomitenstraße 4, I-39056 Welschnofen. Telefon: +39 0471 619 541. www.eggental.com

Burg: Termine und Veranstaltungen: runkelstein@runkelstein.info. Täglich kostenloser Bus-Shuttle (15 Minuten) vom Marktplatz Bozen.

Unterkunft: Wellness-Hotel Pfösl in reizvoller Lage zwischen den Dörfern Deutschnofen und Eggen mit Blick auf die Latemargruppe (1 Autostunde von Bozen entfernt, stündliche Busverbindung). Telefon +39 0471 616 537. www.pfoesl.it

 

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