Reisemagazin schwarzaufweiss

Radfahren wie im Italo-Western

Eine Fahrradtour durch die Po-Ebene

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Die Po-Ebene? Sie galt immer als dieses langweilige Etwas, das man möglichst schnell zu „überwinden“ hatte - mit dem Auto auf dem Weg zum Sommerurlaub an der Adria. Die Wahrheit der Po-Ebene allerdings ist: Diesen Fluss entlang, durch die Ebenen der Lombardei und der Emilia Romagna, durch das Land Don Camillos und Peppones und Giuseppe Verdis, das ist absolut faszinierend. Auf dem Fahrrad jedenfalls!

Italien Po Schilder

Beginnen kann man schon in Piacenza, einem zauberhaften mittelalterlichen Städtchen. Auf der Piazza dei Cavalli gibt es Fahrräder en masse, besonders ältere Herrschaften mit langsamer Fahrweise fallen auf. Man hat Zeit, für ein Schwätzchen am Zeitungskiosk zum Beispiel, und gibt sich dem Müßiggang hin. Kurz hinter Piacenza treffen wir schließlich auf ihn: auf den Po, den größten Fluss Italiens.

Auch für Guareschi, den Verfasser von „Don Camillo und Peppone“ beginnt der Po bei Piacenza und „tut sehr gut daran, weil er der einzig achtenswerte Fluss ist, den es in Italien gibt“. Zunächst versteckt er sich noch hinter dem Damm, und wir fahren auf Feldwegen und kleinen Straßen durch ein wenig schönes Industriegebiet, dann ist er da: breit und träge windet er sich dahin. Majestätisch. Ruhig. Nur Vogelzwitschern mag einen aus den Träumen wecken, aus den Gedanken, woher, wohin. Niedrige Häuser ducken sich hinter den Deich. Eine Hochwassermarkierung zeigt, wie hoch das Wasser hier schon einmal war. Der darauf stehenden Maria opfert man Blumen.

Italien Po Radweg

Auf dem Radweg am Po

Schlingen- und schleifenreich geht es bis nach Polesine Parmense in der Bassa Padana, zu deutsch Unteren Poebene. Polesini, das sind die kleinen Inselchen im Strom und Polesine lag einmal auf einer solchen! Diese dehnte sich durch die Strömung immer weiter aus und vereinte sich schließlich mit dem Ufer. Aus war’s mit dem Inseldasein! Und Geschichten gäbe es ja genug vom Po zu erzählen, wahre und nicht ganz so wahre. Zahlreich wie die Strudel, Seitenarme und Sandbänke.

Zur Rast mit Verdi-Oper

Im „Al Cavallino Bianco“, im Weißen Rössl also, muss man stoppen, denn erstens liegt es direkt am Radweg und zweitens isst man vorzüglich, besonders empfohlen seien der renommierte Culatello-Schinken und die selbstgemachte Pasta! Das Ambiente? Kamin, Verdi-Opern vom Band und ein mehrgängiges Menü auf Tellern mit eigenem „Rössl“-Aufdruck. Dazu ein Gutturnio, der hiesige Rotwein, mit fruchtiger Note. Kritiker mögen nun einwerfen, ich schriebe schon wieder über die Kulinaria und weniger über die Radwege. „Wer gut Rad fährt, soll auch gut essen!“, werfe ich ihnen entgegen. Fanfare! Die Verdi-Oper schmettert weiter.

Italien Po Café

Rast unter der Markise

Doch irgendwo hier muss man sich dann entscheiden: Fährt man den Fluss entlang weiter, eine hervorragend ausgeschilderte Strecke zwischen Polesine und Mezzani, und lässt Parma rechts liegen? Doch wer wollte das schon? Oder radelt man auf kleinen Landstraßen, die, der Po weiß warum, ihre Richtung jeweils ruckartig um 90 Grad ändern, über plattes Land, durch verschlafene Dörfer, in denen oftmals auf den ersten Blick kein Mensch zu entdecken ist? Schon am ländlichen Duft bemerkt man da die Schweine, die später zu berühmtem Schinken verarbeitet werden. In Fontanellato verpennt man den Mittag auf der Piazza neben einer kuriosen Backsteinburg, ein Panino und ein Acqua kommen gerade recht.

Parma: mehr als Schinken!

Parma ist schon nahe. Ihnen läuft das Wasser im Munde zusammen? Doch dort sollte man nicht nur an den leckeren Schinken denken. Schinken gibt es wohl, aber auch: Barilla! Und Parmigiano Reggiano! Häuser mit strohgelber Blässe säumen die Stadt, ein Überbleibsel der Österreicher, die ihr Kaisergelb einstmals aus Wien mitgebracht hatten. Entlang der Strada Cavour, der Hauptpromenade, ist Rad fahren eigentlich verboten, denn schließlich ist es eine Fußgängerzone. Eigentlich, denn tatsächlich ist die Cavour voller Fahrräder! Außer Rädern gibt es Baukunstwerke satt: Palazzo Pilota, Palazzo Riserva, das Teatro Reggio, den Dom, das achteckige Baptisterium mit seinen vier Portalen und eine alte, zum Kloster gehörende Apotheke, in der man handverlesene Mittelchen findet. Auch für müde Radlerbeine, wie man mir versichert!

Italien Po Piaczenza

Piazza di Cavalli in Piacenza

Die „Bici Parma Po - Ciclopista del grande fiume“ entlang fährt man, Parma auslassend, von Polesine direkt den Po entlang 50 Kilometer bis Mezzani. Braune Schilder mit weißer Aufschrift weisen den Weg durch die Bassa und geben Informationen zu den jeweiligen Dörfern und ihren Sehenswürdigkeiten, meist Kirchen. Abstecher zu Verdi-Dörfern sind möglich. So kann jeder selbst entscheiden, wann und ob er mal runter möchte vom Damm.

High Noon in Roccabianca

Wir machen Halt im „Café Centrale“ in Roccabianca. Die älteren Herrschaften, die hier den Tag zu verbringen scheinen und sich unablässig in ihrem Sing-sang-Dialekt über die Probleme der Welt auslassen, sind samt und sonders mit „Rädern“ angereist. Man verzeihe die Anführungszeichen, rostbraun scheint die Modefarbe zu sein. Doch bequem müssen sie sein! Und bequem, das bedeutet hier: Sattel ganz unten! Man politisiert: „Nicht so laut, die Leute wollen schlafen!“ schreit einer und beginnt kurz darauf zu singen. Laut. Nabucco! Die Sonne brennt vom Himmel. High Noon in Roccabianca.

Italien Po Grappa

Eine örtliche Destillerie wirbt am hiesigen Castello für Grappa (Foto rechts), doch der würde den stärksten Mann aus dem Sattel hauen. Aber wichtig sei er im nasskalten Winter, versichert man mir. Der Nebel sei dann bisweilen so dick, dass man ein Fahrrad dagegen lehnen könne. Lieber noch ein paar Kilometer machen am Podamm, leicht erhöht mit Blick über die sommerlichen Ebenen, die oft sogar tiefer liegen als der Strom. Dichte Pappelwäldchen neben dem Ufer, die Baumkronen neigen sich dem Wasser zu, rascheln im Wind. Der Wind ist’s auch, der die Pollen der Pappeln wie Schnee vor sich hertreibt und durcheinander wirbelt. Ein absonderliches Schauspiel!

Mit Don Camillo und Peppone

Brescello naht! Sagt Ihnen nichts? Hier wirkten einst der hitzköpfige kommunistische Bürgermeister Peppone und sein pfiffiger Widersacher, der Pfarrer Don Camillo. Diese beiden „haben“ hier natürlich ein Museum, in dem unter anderem das Rennrad, auf dem Don Camillo mit hochgebundener Soutane durch den Film brauste, zu sehen ist. Auf der Dorfpiazza sind Bronzestatuen der Figuren zu besichtigen. Selbst in der Kirche, im kleinen Andachtsraum vorne links, weist ein Schildchen darauf hin, dass hier der berühmte Streifen gedreht wurde. Molto bene! In der Bar neben dem Museum spielt man Karten und fragt mich, ob ich auch wirklich alles gesehen hätte? Keine Ahnung. Man zerrt mich also nach draußen und zeigt mir den berühmten Panzer aus dem Film. Sogar Teller mit aufgemalten Camillos und Peppones gibt es hier zu erstehen. Einfach alles ist Don Camillo und Peppone, selbst der hiesige Lambrusco! Und der macht schwere Beine.

Italien Po Don Camillo

Werbung mit Don Camillo und Peppone

Szenenwechsel: Radpause in Bondeno, Kirchtürme lugen hinter dem Damm hervor, der vor dem mächtigen Strom schützt. Manchmal gibt es auch mehrere Dämme hintereinander, die die Sicht so zerschneiden, dass man nicht weiter als ein paar hundert Meter weit schauen kann. Wollte man das, müsste man rauf auf den Damm, und da fahren wir schließlich! Ab hier könnte man vom Po abbiegen und auf dem nagelneuen geteerten Radweg den Burana-Kanal entlang sich unter Pappeln wie am Canal du Midi wähnen. So kommt man direkt nach Ferrara, der Fahrradhauptstadt Italias! Hier regiert das Zweirad und selbst Fußgänger müssen aufpassen, denn es geht zu wie im Italowestern. Dem radfahrenden Bürgermeister wurde übrigens ein blaues Fahrrad verliehen angesichts der Tatsache, dass die italienischen Politiker normalerweise blaue Alfa Romeos fahren!

Radweg auf der Stadtmauer

Das scheint Geschichte zu haben: Schon von 1902 findet man alte Postkarten mit Fahrradvereinen und spätestens am Bahnhofsparkplatz wird klar, worum es hier geht: Räder, soweit das Auge reicht! So haben auch die meisten Hotels Fahrradstellplätze, der romantischste jedoch ist im überbordend blühenden Garten des „Giardino Fiorito“. Ein Idyll mit wunderbar gestalteten und ruhigen Zimmern. Das Radfahrerfrühstück im Garten, ein Traum! Pro Kopf gibt es am Ort 2,2 Fahrräder und alles, wirklich alles ist per Rad erreichbar.

Italien Po Ferrara 1

In Ferrara: Fahrräder ...

Doch auch umrunden kann man Ferrara, und zwar auf den antiken Stadtmauern, auf denen natürlich ein Radweg entlang führt. Auch Kunstliebhaber und Genießer kommen in der Stadt garantiert auf ihre Kosten. Man isst Doppia, ein merkwürdiges Brot, das einmal zu Zeiten des Karnevals entstand, oder Pasticcio di Maccheroni, süßen Mürbteig mit Maccheroni, Fleischragout, Pilzen etc. gefüllt.

Italien Po Ferrara 2

... und noch mehr Fahrräder

Ab hier ist der Weg nun wieder „ausgeschildert“: ein weißes Fahrradlogo und die Aufschrift „Destra Po“ wurden auf den Asphalt des Dammwegs gesprüht. Doch verfahren kann man sich hier sowieso nicht. Es geht auf dem Deich geradeaus bis an die Adria! Dieses 132 Kilometer lange Stück ist vielleicht das schönste und sei hiermit auch Familien mit Kindern empfohlen, die anschließend an der Adria urlauben möchten. Steigungen? Fehlanzeige! Eine horizontale Welt ist das. Dem Himmel so nah, dass er mit der Erde verschmolzen scheint. Der Po so breit, grenzenlos wie das Meer. Ein Meer? Nein, das kommt erst noch!

Die Wirren des Po

Vorher sehen wir die etwas überdimensionierte Kirche von Guarda, die mit dem Rücken zum Dorf und dem Eingang zum Fluss steht! Guarda, das ist hier Guarda Ferrarese, gegenüber liegt Guarda Veneto. Solche Zwillingsdörfer gibt es hier viele, und sie schauen sich über den trennenden oder einenden Po hinweg an. Dieser Strom vereint: Opern, grandiose Literatur, Angelromantik! Und dieser Fluss polarisiert: Früher schon zwischen österreichischer und päpstlicher Staatlichkeit, dann Don Camillo und Peppone, Kommunisten und Faschisten, Emiglia Romagna und Lombardei, Schweine- und Lammfleischgrenze, die irgendwo hier verlaufen soll. Die Wirren des Po sind unendlich.

Italien Po Schloss Ferrara

Schloss in Ferrara

Am Beginn der Wasserwüste des Deltas, bei Seravalle, gabelt sich der Po in den Po di Venezia und den Po di Goro, den wir gleich weiter entlang radeln werden. Und immer ist da der Po mit seiner Vielzahl von Nebenarmen und Sandbänken. Dieser Fluss, diese Landschaft, diese Menschen und ihre Eigenarten erschließen sich nicht auf die Schnelle, das sollte man wissen. Zeit und Offenheit sind von Vorteil. Vor uns sehen wir das mächtige achteckige Castello Estense von Mesola, und es lohnt sich unbedingt, der „Locanda Duo“ einen Besuch abzustatten. Dort sitzen wir wie im Wohnzimmer der Familie und speisen Platten über Platten von Meeresfrüchten: Canocchini zur Vorspeise, dann Schollen, Rochen, Aal aus Comacchio.

„Gelato“ giftgrün und der Himmel „azzurro“

Italien Po Schloss Este

Vorbei geht’s für uns noch an einer klapprigen Ponte di Barche in Goro, man riecht schon das Meer oder träumt davon, glaubt, den Wellenschlag zu hören, über einen sehr holprigen Pfad am alten Leuchtturm vorüber zum neuen Faro di Gorino: Das Meer! Die Brandung! Und eine Bar! Geschafft. Das Ende? Infolge der Stickstoffe wächst das Delta jedes Jahr um 70-80 Meter oder 50 Hektar ins Meer hinaus. Warten wir also, wie weit der Po-Radweg nächstes Jahr schon führt.

Rückwärts, denn weiter geht es hier nicht, können Sie sich von dem netten Wirt und seinem pastore tedescho, deutschen Schäferhund, übersetzen lassen auf die linke Seite des Po und dort wieder auf einem geteerten Weg bis zurück nach Goro fahren. Ab da gibt es mannigfaltige Möglichkeiten auf nagelneuen Radwegen bis an die Lidi zu gelangen! Am Ende? Liege ich also doch wieder an der Adria, Sand knirscht zwischen den Zähnen. Ich bestelle mir (mit der entsprechenden Handbewegung zur Verdeutlichung) „grande spaghetti“, wie damals mein Vater immer, denn eine Extra Portion habe ich mir nun schließlich verdient. Ein vino frizzante vom Fass geht über den Tresen und die Welt perlt, schäumt über. Das „gelato“ leuchtet giftgrün und bonbonrosa, das Meer quietschblau, der Himmel azzurro. Es ist fast wie damals, nur noch viel schöner! Finito! Und eine Verdi-Oper käme jetzt gerade Recht.

 

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