Reisemagazin schwarzaufweiss

Familienbande- Das Erbe der Gonzagas

Reise in die Renaissance nach Mantua

Text und Fotos: Ulrich Traub

Italien - Mantua - Architektonische Abwechslung: die barocke Front des Domes an der Piazza Sordello

Architektonische Abwechslung: die barocke Front des Domes an der Piazza Sordello

Das ist ein Bild von einer Stadt: Wer über die Brücke, die den Fluss Mincio überquert, der sich hier in Form mehrerer Seen richtig breit macht, die Altstadt von Mantua ansteuert, wird vom ungetrübten historischen Panorama der Paläste und Türme beeindruckt sein. Und der Italien-Fan wird sich fragen, warum er hier wenige Kilometer südlich vom Gardasee nicht schon früher Station gemacht hat.

Italien - Mantua - Ältester Teil des Herzogpalastes: der Palazzo del Capitano aus dem frühen 14. Jahrhundert an der Piazza Sordello

Ältester Teil des Herzogpalastes: der Palazzo del Capitano aus dem frühen 14. Jahrhundert an der Piazza Sordello

Ein paar Schritte hinter der Stadtmauer betritt man das alte Zentrum der lombardischen Provinzhauptstadt, die sich auf einer Halbinsel erstreckt. Die Piazza Sordello wird gesäumt vom Palazzo Ducale (1), dem nach dem Vatikan größten Gebäudekomplex in Italien. Gegenüber wirkt der Dom fast ein wenig verschüchert angesichts dieser steinernen Wucht. Wer weiter ins Herz Mantuas vorstößt, wird erfreut feststellen: eine Piazza folgt der nächsten. Italien wie aus dem Bilderbuch. Verwunderlich, dass die Unesco erst 2008 der Stadt den Titel eines Weltkulturerbes verliehen hat. Der Vorteil ist, dass man die Stadt noch mit größerer Ruhe entdecken kann als etwa das nahe Verona.

Italien - Mantua - Der Salon der Stadt: Piazza Erbe mit dem Uhrturm und den Restaurantterrassen

Der Salon der Stadt: Piazza Erbe mit dem Uhrturm und den Restaurantterrassen

Als nächstes erreicht man die intime Piazza Broleto (2) im Schatten des Stadtturmes. Unter Arkaden spaziert man weiter zum Salon der Stadt, der Piazza Erbe (3). Bars und Trattorien sind beliebte Treffpunkte. Das Geläut der Klingeln auf dem Kopfsteinpflaster signalisiert: Auch die Italiener haben das Fahrrad als urbanes Fortbewegungsmittel entdeckt. Das historische Zentrum ist weitgehend autofrei. Auf der benachbarten Piazza Mantegna (4) begegnet man einem berühmten Künstler, der in Mantua gewirkt hat: Andrea Mantegna. Auch wenn das Dolce Vita, das Hopping von Bar zu Bar, noch so viel Spaß macht, ein bisschen Geschichte muss sein.

Italien - Mantua - Radlerparadies: Treffpunkt an der Piazza Mantegna

Radlerparadies: Treffpunkt an der Piazza Mantegna

Der Maler Andrea Mantegna kam wie viele andere Künstler auf Einladung der Gonzagas nach Mantua. Dieser mächtige Clan war es, der die Stadt über 300 Jahre regierte und sie in der Renaissance nach seinen Vorstellungen und in heute noch sichtbarer Weise gestaltete. Ihr ständig erweiterter Palast umfasst üppige 34.000 Quadratmeter. Familie Gonzaga musste im Labyrinth der über 500 Räume, der 15 Höfe, Gärten und der Hofkirche einen ausgeprägteren Sinn für Orientierung gezeigt haben als heutige Zeitgenossen, die ohne Navigationsgerät kaum den richtigen Weg finden.

Auch die Gonzagas versicherten sich zur Mehrung ihres Ruhmes - so wie Renaissance-Fürsten nun mal waren - der Unterstützung berühmter Künstler. Die illusionistischen Fresken von Hofmaler Mantegna - das 3D-Erlebnis des 15. Jahrhunderts - ziehen noch heute in ihren Bann. Renaissance-Kollege Leon Battista Alberti baute die Kirche Sant’Andrea, deren riesiges Tonnengewölbe und die weithin sichtbare Kuppel dem Duomo Konkurrenz machen.

Und dann gab es da noch Giulio Romano, dessen Werke in Mantua an vielen Orten zu finden sind. Sein Hauptwerk ist die Sommerresidenz der Gonzagas, der Palazzo Te (5). Der am anderen Ende der Altstadt gelegene Palast wurde von dem Raffael-Schüler errichtet und mit monumentalen Fresken ausgeschmückt. Vom Fall der Titanen, der das ganze Haus zum Einsturz zu bringen scheint, wird ebenso bildmächtig erzählt wie von der Liebesgeschichte von Amor und Psyche. Die Wände des Palazzo Te sind das bunteste Bilderbuch der Stadt.

Sabbioneta

Italien - Sabbioneta - Kleinstadtcharme: Blick aus dem Herzogpalast in Sabbioneta auf den Marktplatz mit Rathaus (links) und Kirche

Kleinstadtcharme: Blick aus dem Herzogpalast in Sabbioneta auf den Marktplatz mit Rathaus (links) und Kirche

Die lebendige Renaissancestadt Mantua, in der man auch die Wohnhäuser der prägenden Künstler Romano und Mantegna findet, hat eine kleine Schwester, die sich tief in der Provinz versteckt und mit der sie sich den Weltkulturerbetitel teilt. Auch das 40 Kilometer entfernte Sabbioneta (6) geht auf das Wirken der Gonzaga-Dynastie zurück. Hier schwebte ihnen nicht weniger als die Errichtung einer idealen Stadt nach menschlichem Maß vor. Da die kleine Gemeinde nach dem Tod des Provinzherrschers Vespasiano Ende des 16. Jahrhunderts schnell in Vergessenheit geraten ist, findet der Besucher sie heute noch fast im Originalzustand vor: Ein entrückter Ort, der erst allmählich zu neuem Leben erwacht. Ein seltsamer Schwebezustand zwischen Ges-tern und Heute kennzeichnet die Atmosphäre.

Italien - Sabbioneta - Bescheidener Sitz des Herrschers einer Idealstadt: Herzogpalast in Sabbioneta

Bescheidener Sitz des Herrschers einer Idealstadt: Herzogpalast in Sabbioneta

Auf geometrischem Grundriss angelegt, von Verteidigungsanlagen umgeben und mit Palästen und Kirchen, Gemäldegalerie und Theater (eines der ältesten in Europa), die man besichtigen kann, war das aus dem Bauernland gestampfte Sabbioneta der Renaissance die Stein gewordene Utopie, gestaltet nach dem Willen eines Provinzpotentaten. Im Herzogpalast am rechteckigen Marktplatz empfängt eine lebensgroße Abordnung der Gonzagas zu Pferd den Besucher. Auch hier sind die mit Wandmalereien reich geschmückten Säle die schönsten erhaltenen Zeugnisse des Kunstwillens Vespasiano Gonzagas. Leichter zu transportierende Schätze sind von späteren Herrschern wie den Österreichern dankend mitgenommen worden.

Italien - Sabbioneta - Ein Riegel für die Kunst: Fast hundert Meter lang ist die Galerie am Gartenpalast in Sabbioneta, die die Kunstsammlung des Herrschers barg

Ein Riegel für die Kunst: Fast hundert Meter lang ist die Galerie am Gartenpalast in Sabbioneta, die die Kunstsammlung des Herrschers barg

Die Reise nach Mantua und Sabbioneta ist nicht lediglich eine Reise in die Renaissance, sondern vor allem eine, die dem Erbe einer mächtigen Familie nachspürt, die ihre Stellung erfolgreich mit Kunst zu untermauern verstand. Besondere Phantasie wie bei vielen anderen Spurensuchen ist nicht vonnöten. Man muss nur seine Augen öffnen.

 

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