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Schloss Juval – Reinhold Messners Bergdorfprojekt

Text und Fotos: Beate Schmümann

Der schmale Steinplattenweg zum Buschenschank „Schlosswirt Juval“ heißt „Reinhold Messner-Sackgasse“. Bei einem ORF-Quizz hatte der überzeugte Öko-Vordenker, EU-Parlamentarier der Grünen und Bergretter dieses Straßenschild als Niete für eine falsche Antwort gezogen und bei sich zu Hause angebracht. Der Mann hat Sinn für Humor, denn es beschreibt deutlich, was viele Südtiroler von seinen Ideen halten. Doch seit er viele seiner „Real-Utopien“, wie er sie selber nennt, verwirklicht hat, stören ihn „die Kritik der „Stubenhocker“ und bürokratische Regulierungswut“ zwar immer noch, aber sie fechten ihn nicht mehr an; er ist Pragmatiker geworden. In einem konservativen Land wie Südtirol, in dem Einheit und Identität über allem stehen, haben es Außenseitermeinungen schwer. Und in seinen Positionen ist Messner unverrückbar wie Alpenfelsen.

Italien - Südtirol - Reinhold Messner Sackgasse

Reinhold Messner-Sackgasse

Trotz aller Kritik scheint ihn sein „Erlebnishügel Schloss Juval“, den er vor gut zehn Jahren als Zukunftsmodell startete, eher zu bestätigen. „Wenn andere mir sagen, das geht nicht, reizt es mich zu beweisen: Und es geht doch!“, sagt Messner mit spitzbübischem Lächeln, um gleich wieder ernst zu werden, wenn es um die Sache geht. Eine seiner Überzeugungen ist zum Beispiel, dass Bergregionen als Lebensraum erhalten werden können, wenn sich Ökolandwirtschaft, Tourismus und lokale Kultur ineinander verzahnen. Eine andere, dass man nicht nur reden darf, sondern handeln muss.

Italien - Südtirol - Schloss Juval

Blick hinauf auf Schloss Juval

Auf dem Juvaler Bergrücken, zwischen Schnalstal und Vinschgau, hat Messner sein Konzept von der „touristischen Landwirtschaft“ auf den Prüfstand gestellt. Vor gut zwanzig Jahren kaufte er Schloss Juval, eine 1278 auf einem 1000 Meter hohen Felsen erbaute, trutzige Burgruine, die er sukzessive restaurierte. Inzwischen wird das Schloss von ihm selbst bewohnt, das Museum ist ein Besuchermagnet geworden. So wie auf Schloss Linderhof oder Neuschwanstein die aristokratische Wohnkultur zu besichtigen ist, gibt auf Juval Messner als „König der Berge“ seinen Lebensraum zur Besichtigung frei. Tibetische Messingschneelöwen, eine Figur der tanzenden Göttin Shiva, Gebetsteppiche, Flöten aus Knochen, seidene Gebetsmühlen, Kultfiguren aus Afrika und Lateinamerika, ausgestopfte Bärenköpfe sowie Fresken von Riemenschneider jun. sind zu sehen. „Ich bin ein Halbnomade und zeige, was ich von meinen Reisen mitgebracht habe“, erklärt der leidenschaftliche Sammler das exotische Raritätenkabinett in der Südtiroler Wehrfeste. Zugänglich sind der Tantra-Raum, der Rittersaal und die St.-Georg-Kapelle, in der die Symbole der Weltreligionen friedlich vereint sind, Messners Bibliothek, die Vorratskammer und der Alpina-Keller, in dem der Bergsteiger von Stiefeln über Schutzhelmen bis zu Haken und Seilen alles aufbewahrt, was er für seine Expeditionen braucht. „Irgendwie muss er seine Projekte ja finanzieren“, meint der Guide, der jede Stunde eine Gruppe durchs Schloss führt. Täglich kommen zwischen 100 und 150 Besucher.

Italien - Südtirol - Schloss Juval

Unterhalb der Burg, zu der ein etwa 15 Hektar großes Hügelgebiet mit Obstbäumen und Wiesen gehört, liegt das Gehöft Oberortl. Wo vor Messners Engagement  alles brach lag, funktioniert der Bergbauernhof jetzt wieder. „Wir nutzen altes Know-how, aber in der heutigen Zeit“, erklärt Messner. Das bedeutet natürlich nicht ein Zurück zu Egge, Heugabel und Kerzenlicht. Wichtig ist, „dass wir die Produkte vor Ort produzieren und sie dadurch veredeln.“ Denn die meisten Bauern arbeiten heute nur noch monokulturell und nach Quoten. Das zieht lange Transportwege und den Einsatz von Chemikalien nach sich, so dass die Lebensmittel an Geschmack und Nährstoffen verlieren.  Da der Bergbauer aber mangels Fläche und hoher Kosten mit dem Talbauern unmöglich konkurrieren könne, heißt das Rezept: Selbstversorgung. „Wir bewegen uns damit an der Grenze der Legalität“, räumt Messner ein. Dennoch kommen viele Bauern und Politiker nach Juval, um sich zu informieren. Auch EU-Kommissar Franz Fischler, der bis 2004 als EU-Kommissar für Landwirtschaft zuständig war, hat das Projekt hochgelobt.

Originalgetreu restauriert, ist Oberortls Buschenschank aus dem 15. Jahrhundert wieder in Betrieb. Die Wirtsleute Schölzhorn, die den “Schlosswirt Juval“ gepachtet haben, arbeiten in Eigenverantwortung, müssen allerdings streng auf die Messner-Kriterien achten. Bei ihnen werden in der Küche klassische Südtiroler Rezepte gekocht. Auf den Tisch kommt nur Bio-Kost, auch die zugekauften Lebensmittel wie Brot und Gemüse. Die frischen Kräuter wachsen im eigenen Garten. Fleisch, Eier und Butter stammen vom Hof, ebenso das Schaf- und Schweinefleisch. Mit dem Wort „Bio“ hat Messner jedoch nicht viel im Sinn, weil er die Kriterien für unsinnig hält. Zum Schlachten kommt ein Metzger auf den Hof und verarbeitet das Fleisch zu Wurst, selbstverständlich unter Wahrung aller Hygienevorschriften. Außer den Hoftieren sind da auch noch die Lamas und  Pferde, die mehr aus touristischen Motiven hier stehen.

Den Wein liefert Martin Aurich, der das verwahrloste Gehöft Unterortl 1992 zum Rebhang umbaute und aus den Rebsorten Riesling, Blatterle, Weiß und Blauburgunder jährlich 20 000 Flaschen Wein und Obstbrände produziert. Dafür stehen ihm fünf Hektar am steilen Juvaler Hügel zur Verfügung. Was ihm der Buschenwirt nicht abnimmt, verkauft er unter dem Namen Castel Juval an die Schlossbesucher oder an die umliegenden Südtiroler Restaurants.

Italien - Südtirol - Reinhold Messner

Reinhold Messner

Auch in finanziellen Fragen ist Messner kein Träumer. „Wichtig ist, dass sich das Konzept allein trägt“, erklärt der Geschäftsmann. „Insoweit befürworte ich das amerikanische Modell. Wenn ein Baum krank ist, muss er gefällt werden.“ Doch Wirte, Landwirt und Winzer sind mit ihrem Auskommen am Juvaler Berghügel zufrieden, mit dem naturnahen Leben erst recht. Auch wenn sich immer noch etwas verbessern lässt. Die meisten Gäste werden durch das Schloss angezogen, auch Wanderer machen hier Rast. Abends finden Blues-, Folk- oder Jazz-Konzerte statt, manchmal Lesungen. Im Buschenschank und im Hofgebäude gibt es ländlich-gemütliche Zimmer und Ferienwohnungen, alle mit Bauernbett, Dusche und Kochplatte, sogar mit Fernseher. Damit schließt sich der Kreis auf dem Juvaler Hügel. Für Reinhold Messner ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch vorerst hat er gezeigt, dass es geht.

 

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