Reisemagazin schwarzaufweiss

Venedigs kleine Schwester

Chioggia ist anders

Text und Fotos: Manfred Lädtke

Wo Rocco vor seiner Hafenbar „Al Bragossa“ zu italienischen Schlagern kühlen, roten Raboso auf den Blechtisch stellt, ist Venedig nicht weit. Genauer gesagt, eine gute Autobusstunde oder 120 Schiffsminuten entfernt. Aber wer will in Chioggia schon nach Venedig?

Chioggia - einer der zahlreichen Kanäle

Einer der zahlreichen Kanäle

„Wir nicht“, versichert Edoardo. Über dem Canale el Lombardo blinzelt die untergehende Sonne betagte Werftschuppen an und flirtet mit stolzen Schiffsmasten. Eine gedämpfte Farbigkeit liegt über der beschaulichen Hafenszenerie. Vor der Bar diskutieren Rentner Fußballergebnisse oder schimpfen auf die Regierung.

„Buon giorno, Signorina“ von Schnulzen-Altmeister Bobby Solo krächzt aus einem Radio. Auf dem Kanal schippern Fischerboote, dümpeln Frachtkähne, schaukeln Segelschiffe. Gondoliere und Bootskapitäne hätten hier keine Arbeit. Kein Linienschiff knattert, nur manchmal röhrt ein Moped vorbei. Ein Gassenlabyrinth, das drängelnde Touristenscharen nach dem Zufallsprinzip ans Ziel lenkt, macht hier niemanden orientierungslos. Alles ist so überschaubar, so klar und so leicht wie in einer italienischen Canzone.

Italien - Venezianisches Panorama: Typische Gasse in Chioggia

Venezianisches Panorama: Typische Gasse in Chioggia

Chioggia am südlichen Rand der Lagune Venedigs ist anders. Dass es trotzdem als „Little Venice“ wahrgenommen wird, ärgert seine 51 000 Bewohner. Das pittoreske kleine Fischerstädtchen will nicht die volkstümliche Miniaturausgabe oder das Kinderzimmer eines berühmten „Stadtmuseums“ sein, stellt Christina vom örtlichen Tourismusbüro klar. Chioggia sei kein touristisches Massenziel und mit der 80 Kilometer entfernte Schutzherrin ohnehin nicht vergleichbar. Trotzdem lieben es die Chioggiotti, wenn sie bei einem Spaziergang von der Vigo-Brücke über den Lido Venezia schauen. Bei klarem Wetter gestattet der „Stadt-Balkon“ sogar den Blick bis hinüber nach Venedig.

Italien - Chioggia - Der Corso del Popolo ist das Herz der Stadt. Neben der Kirche San Andrea steht der Glockenturm aus dem 12. Jahrhundert. An der Fassade des ehemaligen Verteidigungsturms tickt eine der ältesten Turmuhren der Welt (1386).

Der Corso del Popolo ist das Herz der Stadt. Neben der Kirche San Andrea steht der Glockenturm aus dem 12. Jahrhundert. An der Fassade des ehemaligen Verteidigungsturms tickt eine der ältesten Turmuhren der Welt (1386)

Si, räumt die Stadtführerin ein, auch sie hätte sich für den venezianischen Vorposten ein bisschen mehr Pracht, etwas mehr Imposans gewünscht. Zum Beispiel für den Steinlöwen auf der Säule am Ende der Flaniermeile Corso del Popolo: 1379 fiel die wegen ihrer Salinen begehrte Stadt im „Chioggia-Krieg“ an Genua. Dann eroberten die Venezianer das Seedorf zurück und machten es bis 1779 zu einem Teil der Republik Venedig. Am Stadttor kennzeichneten die Herren ihren neuen Herrschaftsbereich mit einem Markuslöwen. Chioggias Raubtier sollte Venedigs imposantem Wappentier Paroli bieten, geriet aber zur Lachnummer. Dem Bildhauer gelang es nämlich nicht, seinem Werk einen beeindruckenden, stattlichen Ausdruck zu verleihen. Bei ständigen Korrekturen an der Skulptur trug er so viel Marmor ab, bis nur noch ein Minilöwe übrig blieb, den Chioggias Bewohner nun respektlos „El Gato“ (Kater) nennen.

Italien - Chioggia - Die Hauptflaniermeile Corso del Popolo ist ein beliebter Tanzboden für Trachtengruppen und Ensembles aus ganz Italien

Die Hauptflaniermeile Corso del Popolo ist ein beliebter Tanzboden für Trachtengruppen und Ensembles aus ganz Italien

Heute ist ihnen Venedig wurscht, und wichtig schon gar nicht. Die unmittelbar vor der Haustür liegenden kilometerweiten Sandstrände von Sottomarina müssen den Vergleich mit Venedigs Lido längst nicht mehr scheuen. Außerdem hat Chioggia üppige Obst- und Gemüsegärten, eine geschmackvolle Küche zu erschwinglichen Preisen - und vor allem eine übersichtliche Stadtarchitektur.

„Seht her“, zeigt Christina über den Canale della Vena: Wie Venedig wird Chioggia in der Mitte von einer zentralen Wasserstraße durchzogen. Rechts und links vom Kanal zweigen zahllose Seitengassen wie Fischgräten rechtwinklig ab. Über neun Brücken kommt man geradewegs durch das Herz der mittelalterlichen Altstadt zum Lombardo- und San Domenico Kanal sowie hinüber auf den Corso.

Italien - Chioggia - Keine prunkvollen Palais sondern der bröckelnde Charme der Altstadt bestimmen die Atmosphäre  des liebenswerten Nestes in Schatten Venedigs.

Keine prunkvollen Palais sondern der bröckelnde Charme der Altstadt bestimmen die Atmosphäre des liebenswerten Nestes in Schatten Venedigs

Steht die Sonne tief, steigt die Hochstimmung auf „Italiens größter Café-Terrasse“, wie der italienische Literat Curzio Malaparte die von Arkaden gesäumte autofreie Straße adelte. Warteten dort früher Frauen auf die heimkehrenden Fischerboote, gönnen sie sich heute eine Pause von ihren Männern, widmen sich angeregt Familientratsch, Kochrezepten und den neuesten Modetrends. Dabei ist ihr Chic so individuell und leger wie die Stadt, in der sie leben. Für den besseren Durchblick auf der Piazza ist die auffällige Sonnenbrille vom Edeldesigner ein unverzichtbares Accessoire der Kleiderordnung. Nur unterm Tisch, da darf auch schon mal ein Ramschtischfummel mit ausgelatschten Schlappen das Outfit bestimmen.

Donnerstag ist Fischmarkttag. Der klar geordnete Stadtgrundriss macht es Fremden leicht, die opulent bestückten Stände zwischen der Piazza Vena und dem Vena-Kanal zu finden. Wenn ab vier Uhr morgens bei Sottomarina im größten Fischereihafen Norditaliens Goldbarsche, Seezungen, Tintenfische und Meeresfrüchte auf Kleinlaster für den Transport an den Kanal und ins Binnenland verladen werden, flüstern sich in dem turbulenten Treiben Händler und erschöpfte Fischer einander Preise in die Ohren. Psst!! Das Zentrum des guten Geschmacks ist kein Pflaster für Marktschreier, sondern eine diskrete Börse für die Beute der Nacht - und ein lohnenswertes Ziel für Frühaufsteher. Fast 2000 Menschen leben in Chioggia vom Fang der rund 500 Boote, die täglich außer sonntags aufs Meer fahren.

Für Maler waren das Ansichten wie gemalt. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten auch süddeutsche Landschaftsmaler wie Gustav Schönleber und Friedrich Kallmorgen die reiche Motivquelle im schlichten italienischen Alltag. Nach Eröffnung der Eisenbahnlinie nach Venedig segelten dort ohnehin immer weniger plakative Motive in die Lagune. Zudem gab es kaum einen Palast, einen Platz oder ein himmlisches Sonnenspiel, das noch nicht mit schnellem Pinselstrich notiert worden wäre. Chioggia war Kontrast, war die Entdeckung des einfachen Lebens. Das Fischernest am anderen Ende der Lagune bot schier unerschöpfliche Impressionen von hart arbeitenden Menschen abseits der Touristenströme. Fleißige Handwerker auf staubigen Gassen, zupackende Arbeiter vor bröckelnden bunten Fassaden oder Fischer vis a vis sich im Wasser spiegelnder Herrschaftshäuser wurden zum begehrten Sujet der Freilichtmaler.

Chioggia - Amedeo Signoretto

Maler Amedeo Signoretto

„100 Jahre später kommen die Künstler als Studenten und Hobbymaler“, sagt Amedeo Signoretto. Im Frühling sitzen sie für ein paar Stunden an den Ufern und fangen mit Aquarellfarben das Licht und geruhsame Idyll der Stadt ein. In einem kleinen Palais bei der San Andrea Brücke führt der Maler durch sein Atelier. Portraits, Häuser, Schiffe und Lagunenbilder leuchten in praller Farbigkeit von den pechschwarzen Backsteinwänden. Sein Herz gehöre Venedig, aber Chioggia sei viel billiger und stiller. Hier finde er die Muße wie seine Vorgänger so zu malen, dass die Farben „singen“. Um das italienische Flair zu kolorieren, wären die Maler vor 150 Jahren viele Tage geblieben und hätten in schlichten Kammern logiert. Vielleicht in der Caneva Gasse im 400 Jahre alten Haus jenes Mannes mit langen Haaren, Bart und buschigen Augenbrauen, den ganz Chioggia nur „Jacki to night“ ruft, und den Christina ein „Monument lokaler Folklore“ nennt?

Chioggia - Jacki

Jacki

„Möglich, vielleicht bei meiner Urgroßmutter“, zuckt der 73-Jährige die Schultern. Gäste geben sich bei Jacki zu jeder Tageszeit die Türklinke in die Hand. Wer jedoch in den niedrigen, düsteren Räumen vor grauen Kalkwänden auf Plüschsofas Platz nimmt, bei Kerzenflimmer und Wein inmitten alter Gemälde und skurriler Heiligenbilder Jackis Erzählungen von Religion und Hölle lauscht, meint „to night“ auf einer Zeitreise zu sein.

Nur zehn Minuten weiter auf der Piazzetta Vigo ist der schönste Platz im Städtchen, den Tag zu beginnen oder zu verabschieden. Vor dem Hotel Grande in einem prächtigen Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert fingern Müßiggänger, Flaneure und Schwadroneure Gebäck aus kleinen Schälchen, nippen an Cappuccino und schlürfen Cocktails. Gleich um die Ecke vor der Bar „Al Bragossa“ bestellt Edoardo seinen „Raboso“. Sonnenstrahlen wärmen die Gesichter. Alle scheinen sich einig zu sein, dass es besser sei zu genießen und zu bereuen, als nicht zu genießen und den versagten Genuss zu bereuen. Scusa, liebe Christina, aber ein bisschen Venedig ist auch in Chioggia!

 

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