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Reiseführer Istanbul

Ein Besuch im türkischen Bad (Hamam)

„Dies ist allerdings eine gründliche Reinigung, und man möchte sagen, dass man noch nie gewaschen gewesen ist, bevor man nicht ein türkisches Bad genommen hat...Die Haut fühlt sich äußerst glatt und geschmeidig an, und es ist gar nicht zu beschreiben, wie erquickend und wohltätig ein solches Bad auf große Ermüdung wirkt.“
Im November 1835 schrieb der Leutnant Helmuth von Moltke, Instrukteur der türkischen Truppen in Istanbul, diese Erfahrungen in seinen Aufzeichnungen „Unter dem Halbmond“ nieder. Ihm war es ähnlich ergangen wie schon vielen Reisenden vor ihm, die als Besucher aus dem sich fortschrittlich dünkenden Europa über die entwickelte Badekultur im Osmanischen Reich ins Schwärmen gerieten. Im „christlichen Abendland“  hatte man bis ins 18. Jh. einen sehr viel dürftigeren Begriff von Körperpflege, häufiges Baden und Waschen war geradezu verpönt. Ein starker Kontrast zu den vielen öffentlichen Badeanstalten im islamischen Kulturkreis, die regen Zuspruch fanden und auch fremden Gästen offen standen. Zur selben Zeit, als Ludwig XIV., auch Sonnenkönig genannt, jeden Kontakt mit Wasser vermied und versuchte, jeden Körpergeruch zu überpudern und mit Parfüm zu überdecken, war körperliche Reinigung bei den Türken alltägliche Selbstverständlichkeit.

Bereits der Koran hatte hygienische Vorstellungen für die nomadischen Stämme Arabiens kodifiziert. Diese Anweisungen des Propheten bestimmen seitdem die Bade- und Waschgewohnheiten aller islamischen Völker. Gläubigen Muslimen ist aufgegeben, sich vor den fünf täglichen Gebeten rituell zu säubern. Diese „kleine Waschung“ umfasst die Reinigung der Hände, der Unterarme, des Gesichts, der Mundes, der Nase, der Ohren, des Nackens sowie der Beine bis zum Knie. Genauso hat sich der Gläubige vor dem Lesen des Koran und dem Betreten einer Moschee zu säubern. Nach dem Geschlechtsverkehr müssen Mann und Frau sich einer „Großen Waschung“ unterziehen. Wichtig bei all diesen rituellen Reinigungen ist die Verwendung fließenden Wassers; ein Wannenbad nach europäischem Muster betrachten Muslime als ungenügend und unsauber.

Dementsprechend wird man in einem traditionellen türkischen Bad, einem Hamam, auch keine Badewannen finden. Alle Hamams folgen in ihrer Konzeption demselben Prinzip, Varianten betreffen nur Nebensächliches.
Als Zweckbauten sind Hamams normalerweise meist unauffällig in die Straßenzüge integriert. Fenster zur Straße hin sind die Ausnahme. Gleich hinter der Eingangstür, wo ein Obolus zu entrichten ist, gelangt man in den Camekan. In diesem größten Raum des Bades mit seinen gekachelten Wänden kann man sich auskleiden, meist in Seitenkabinen. Frauen wie Männer entblößen den Oberkörper, behalten aber den Slip an bzw. winden sich ein Handtuch um die Hüften. Mit seinen Sitz- und Liegegelegenheiten dient der Camekan auch als Ruheraum zwischen den Badegängen. Oft befindet sich hier ein Marmorbrunnen mit kaltem Wasser.
Ein mäßig warmer Raum, der Sogukluk, schließt sich an. Er dient zur Vorbereitung auf das eigentliche Schwitzbad im Heißraum, dem Hararet. Über einem meist achteckigen Grundriss wölbt sich dort eine Kuppel, durchbrochen von zahlreichen Glaselementen. Sie erzeugen ein eigenartiges Licht, dessen besondere Effekte durch die im Raum schwebenden Dampfschwaden noch verstärkt werden. Die Temperatur im Hararet liegt zwischen 30° und 40 ° Celsius, in den Schwitzzellen am Rande, wo heißer Dampf zugeführt wird, aber weit darüber.

Die Einteilung des Hamam in ein Kalt-, ein lauwarmes und ein Schwitzbad folgt der antiken Tradition, wie sie in den großen römischen Thermenanlagen der Kaiserzeit perfektioniert wurde.
Waschbrunnen spenden sowohl kaltes als auch warmes Wasser. Nach islamischer Tradition erfordert eine gründliche Reinigung ein dreimaliges Einseifen und Abspülen des ganzen Körpers. Eine Haarwäsche mit Shampoo, das bei dem/der Bademeister/in zu erwerben ist, gehört zur üblichen Säuberungsprozedur.

In der Mitte des Heißbades befindet sich eine etwas erhöhte Steinplatte, die mit der Heizungsanlage des Bades verbunden ist. Auf diesem Göbek Tasi („Nabelstein“) lässt man sich zum Schwitzen nieder. Hier erfolgt auch die Prozedur, die viele als den Höhepunkt eines Badebesuches erleben. Der Bademeister oder die Badefrau reibt mit einem groben Badehandschuh, Kese genannt, die letzten Hautschuppen vom Körper. Daran schließt sich ein derart intensives Kneten, Drücken und Massieren an, dass so mancher unvorbereitete Gast sein letztes Stündlein gekommen sieht. Nochmals Helmuth von Moltke: Der Badwärter „kniet einem auf die Brust oder fährt mit dem Knöchel des Daumens den Rückgrat herab; alle Glieder, die Finger und selbst das Genick, bringt er durch eine Manipulation zum Knacken“. Doch am Ende fühlt man sich wie neu geboren.


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