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Antike Wüsten-Agrikultur

Beim Aufstieg trifft man zunächst auf die vielen Höhlen, die einst aus dem weichen Sandstein herausgekratzt wurden. Einige von ihnen sind vom Schutt der Jahrhunderte befreit. Man erkennt das in den Boden und in die Wände gemeißelte Mobiliar, große Nischen zur Aufbewahrung von Vorräten, kleine Aushöhlungen für Öllampen, Hängevorrichtungen an der Decke. Oft wurden mehrere Räume hintereinander in den Fels gegraben, so daß ein kleines Wohnlabyrinth entstand. Außerhalb der Höhlen, auf dem Rücken des Berges, häufen sich die Spuren antiken Lebens und Wirtschaftens: Einige Gewölbe und Torbögen sind über die Jahrhunderte erhalten geblieben, daneben wurden Wände rekonstruiert und Säulen wieder aufgerichtet.

Israel Negev Grundmauern von Avdat

Avdat: Säulen und Grundmauern

Neben den Grundmauern einer Karawanserei befinden sich die Befestigungsanlagen und Wohnquartiere eines römischen Heerlagers, zwei Kirchen aus byzantinisch-christlicher Zeit überlagern einen nabatäischen Tempel, gut erhalten sind die Grundstrukturen einer römischen Villa, ein Badehaus und eine antike Weinpresse. Unter der Erde liegt noch mancher Schatz begraben. Avdat ist ein faszinierendes architektonisches Puzzle aus aufeinandergestapelten und durcheinandergewürfelten Steinen, die unterschiedliche Kulturen an dieser Stelle hinterlassen haben.

Von Avdat aus erkennt man unten im Tal und an den gegenüberliegenden Berghängen auch noch die Spuren einer antiken Landwirtschaft, die hier mit großem Erfolg betrieben wurde. Grundmauern deuten auf Gehöfte hin, Linien im Gelände lassen Begrenzungen von Feldern und Gärten vermuten. Vom vierten Jahrhundert nach Christus an wurde der Negev ein wichtiges Zentrum des Christentums, Kirchen und Klöster entstanden in den wachsenden Städten.

Israel Negev Torbogen in Avdat

Blick von Avdat auf die Wüste

Zehntausende von Menschen zogen in die Wüste und ernährten sich von Getreide, Gemüse und Obst, das sie in einer ausgeklügelten Terrassenwirtschaft mit Hilfe von Kanälen und Bewässerungsgräben anbauten. Erst die arabische Eroberung im siebten Jahrhundert machte dieser Wüsten-Agrikultur im Negev ein Ende.

Milliarden Kubikmeter Wasser unter der Wüste

Seit der Gründung des Staates Israel besinnt man sich wieder auf die lange vergessenen Möglichkeiten einer erfolgreichen Landwirtschaft in der Wüste. Schon David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident, sah die Zukunft seines Landes im Negev, der immerhin fast die Hälfte des israelischen Territoriums ausmacht. Er selbst zog nach Sde Boker, einem kleinen Nest im nördlichen Teil der Wüste, und lebte dort bis zu seinem Tode bescheiden in einem winzigen Häuschen. Das beständige Wachstum der israelischen Bevölkerung, im letzten Jahrzehnt vor allem durch die massive Zuwanderung aus Osteuropa verstärkt, macht Ben Gurions Vorstellungen heute aktueller denn je. Der Norden und die Region zwischen Tel Aviv und Jerusalem sind bereits extrem dicht bevölkert, so dass man weiteres Wachstum Richtung Negev kanalisieren möchte.

Israel Negev Wüstenlandschaft

Trocken, trocken, trocken

Ein Siedlungsprogramm entlang der Route 40, die quer durch den Negev verläuft, soll immer mehr grüne Flecken in der Wüste entstehen lassen. Mittlerweile gibt es dort dreißig kleine Farmen, die Obst, Olivenöl oder Wein produzieren. Andere Kleinbauern halten Ziegen oder Schafe, und man findet sogar eine Alpaka-Farm, die mit Erfolg die Aufzucht dieser Tiere aus den südamerikanischen Anden betreibt. Solche Pioniere des modernen Wüstenmanagements folgen den Kibbuzim, die bereits seit Jahrzehnten Teile der Wüste im Kollektiv beackern. Sie alle sind mehr vom Idealismus als vom Geschäftssinn beseelt und probieren aus, was in diesem kargen Land in Zukunft funktionieren kann und was nicht.

Israel  Negev Wasser und Fels

Wichtig ist in jedem Fall, Wasser an eine Oberfläche zu schaffen, auf der von Natur aus kein Wasser vorhanden ist. Ein erstaunlicher Vorrat allerdings lagert tief unter der Wüste: Angeblich gibt es dort hundert Milliarden Kubikmeter Wasser, das sich vor vierzigtausend Jahren im Untergrund sammelte, als in Europa die Eiszeit herrschte und im Negev ausgiebige Regenfälle niedergingen. Diese Menge allein könnte den Süden Israels ungefähr sechshundert Jahre lang versorgen. Doch darauf will man sich nicht ausschließlich verlassen.Im Aravatal, entlang der jordanischen Grenze, werden zusätzlich Dämme gebaut, die bei plötzlichen und starken Regenfällen das Wasser, das aus den umliegenden Wadis zuströmt, auffangen. Damit es in der Wüstenhitze nicht sofort wieder verdunstet, wird es tief in die Erde gepumpt und erhöht dort den Grundwasserspiegel.

Die Prophezeiungen von Jesaja

Das Wasser aus dem Untergrund ist aber an sich noch kein Segen; es kommt vielmehr darauf an, eine brauchbare Verwendung für das leicht salzige Nass zu finden, denn nicht alle Pflanzen vertragen die hohe Konzentration von Mineralien. Die Israelis sind in dieser Hinsicht erfinderisch, durch die Herausforderungen der Wüste haben sie sich inzwischen eine internationale Führungsrolle beim Einsatz hydrologischer Technik in der Landwirtschaft erarbeitet. In zahlreichen Forschungsstationen findet man nicht nur heraus, welche Pflanzen mit dem brackigen Wasser zurechtkommen und wie viel sie davon brauchen, man experimentiert auch mit anderen Verwertungen der knappen Ressource: Das heiße Wasser aus dem Untergrund wärmt zum Beispiel zunächst Gewächshäuser, bevor es abgekühlt zur Bewässerung dient.

Israel Negev Schlucht

Irgendwo ist auch hier Wasser

Außerdem haben Wissenschaftler herausgefunden, dass sich Trockengebiete wie der Negev - so paradox es klingen mag - besonders für die Fischzucht eignen. Im warmen, salzigen Wasser fühlen sich bestimmte Fischarten wohl; gleichzeitig gedeihen dort Algenkulturen. So trifft man während der Fahrt durch den Negev plötzlich mitten in der trockensten Einöde auf blau schillernde Teiche. Bewirtschaftung der Wüste heißt allerdings nicht überall Verschönerung: Zwar ergeben die Fischteiche und die bewässerten Dattelpalmenhaine zwischen Eilat und dem Toten Meer ein freundliches Bild, doch ansonsten ist das Land über weite Strecken mit wenig ansehnlichen Plastikplanen und Gewächshäusern überdeckt.

Auf diese Weise aber lässt sich die Wüste Schritt für Schritt in Kulturland verwandeln. Was zu byzantinischer Zeit möglich war, so sagen sich die Israelis, damals bei etwas günstigerem, feuchterem Klima, müsste heutzutage mit Hilfe moderner Technologie wiederholbar sein. Die Resultate sprechen für sich: Das wüstenhafte Aravatal allein bestreitet schon jetzt siebzig Prozent der landwirtschaftlichen Exporte Israels. Dort gedeihen in Gewächshäusern und auf riesigen Feldern Zwiebeln, Knoblauch und Chilischoten, Auberginen, Melonen und Tomaten.

Israel Negev Avdat und die Wüste

Avdat: Vorbild moderner Wasserwirtschaft

Wer hier durchfährt, dem mögen die Voraussagen des Propheten Jesaja in den Sinn kommen, als er den herrlichen Zustand von Gottes auserwähltem Volk nach überstandenen Leiden beschreibt: „Die Wüste und Einöde wird lustig sein, und das dürre Land wird fröhlich stehen und wird blühen wie die Lilien.“

Krieg ums Wasser?

Doch trotz Jesaja und moderner Hydrotechnologie lässt sich die Natur nicht vollständig kontrollieren: Seit zehn Jahren herrscht im Negev, wie in anderen Wüstenlandschaften der Erde auch, eine katastrophale Dürre. Während dieser Zeit ist nicht einmal annähernd der jährliche Regendurchschnitt gefallen, der sich je nach Ort zwischen zwanzig und zweihundert Millimetern bewegt. Viele angestammte Wüstenpflanzen stehen deshalb verstaubt und vertrocknet in den Wadis, durch die schon lange kein winterlicher Sturzbach mehr geflossen ist.

Israel Negev Ruinen von Avdat

In den Ruinen von Avdat

Davon allerdings lassen sich die Wasserforscher nicht abhalten - im Gegenteil: An Universitäten und Forschungsinstituten kämpfen sie intensiv an der wissenschaftlichen Wasserfront. Es ist eine Arbeit, die weltweit für das Überleben von Millionen von Menschen an den Rändern der Wüsten von Bedeutung sein könnte. Die Forscher haben deshalb auch eine Motivation, die über die engen Grenzen der Negev-Wüste hinausreicht: Wenn zukünftige Kriege nicht mehr ums Öl sondern ums knappe Wasser geführt werden, dann könnte eine ausreichende Wasserversorgung und eine sinnvolle Wassernutzung in den Trockengebieten der Erde einen Schritt zum Frieden hin bedeuten. Und das wäre auch für Ma´rek und seine Beduinen kein zu hoher Preis dafür, dass ihnen die Wüste und ihr traditionelles, aber karges Leben darin immer mehr abhanden kommen.

 

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