Tief im Sand verwurzelt
Zwischen Wasser und Trockenheit: Stationen in der israelischen Negev-Wüste
Text und Fotos: Volker Mehnert

Ma´rek, der Beduine, ist ein kluger Mann. Er könnte erzählen von den Wanderschaften seines Nomadenstammes in der Wüste, vom Abschneiden alter Karawanenwege durch willkürliche Grenzziehungen, vom Verlorenensein der Beduinen im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, von den Irrwegen nomadisierender Menschen in einer modernen, sesshaften Gesellschaft. Doch selten kommt jemand, um mit ihm zu sprechen. Die Touristen, die ihn besuchen, wollen nicht reden, sondern reiten. Und das ist ihm auch recht, denn so kann er trotz aller Widrigkeiten mit seinen Kamelen den Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdienen.
Die Besucher dürfen sich auf den Rücken der Kamele setzen, und Ma´rek geht zu Fuß voraus. Ginge es nicht schneller, wenn er ebenfalls mitreiten würde? „Warum schneller?“ fragt er zurück. „Die Hast kommt vom Teufel.“ Gemächlich, aber doch zielstrebig führt er die Gruppe in der Hitze des Nachmittags stundenlang über Fels, Sand und Geröll. Dieses Marschieren neben den Kamelen, so erklärt er später, sei außerdem eine Gewohnheit aus der Zeit der Karawanen, als jedes Tier zum Transport wertvoller Güter gebraucht wurde.

Der Reichtum der Beduinen
Mehr als hunderttausend Beduinen leben heutzutage in Israel. Im Negev haben sie sich meist in ärmlichen Siedlungen eingerichtet, irgendwo in der Wüste, wo es ihnen die Regierung gestattet oder wo sie sich einfach spontan niedergelassen haben. So sind sie zwar keine Nomaden mehr, in der modernen Gesellschaft aber sind sie deshalb noch längst nicht angekommen. „Die orientalische Mentalität ist tief im Sand verwurzelt“, meint Ma´rek, so schnell komme man davon nicht los. Hin und wieder regt sich auch bei ihm ein tiefliegendes Bedürfnis nach Wanderung, nach Alleinsein und nach dem Schweigen der Wüste. Dann nimmt der Beduine ein paar Kamele und marschiert einfach los.
Die schönste Musik der Wüste
Ein
Ziel wäre die Schlucht von En Avedat (Foto rechts) in der Nähe
der Siedlung Sde Boker. Hier zeigt sich die Wüste von ihrer stillen
und zugleich spektakulären Seite. Beinahe senkrecht ragen die Sandsteinfelsen
zu beiden Seiten in die Höhe, abgeschliffen und ausgewaschen von der
Erosion. Mehrere Erdschichten sind auf diese Weise freigelegt - ein geologisches
Lehrbuch unter freiem Himmel. Zwischen den verschiedenen Felsablagerungen
kann sich das Wasser der seltenen Regenfälle sammeln und von dort
in den Canyon fließen. Deshalb ist der Boden der Schlucht das ganze
Jahr über mit Pfützen und kleinen Teichen bedeckt, und der Beduine
kann seine Gäste auf „die schönste Musik der Wüste“ aufmerksam
machen: das Plätschern eines Baches. Er deutet auch auf die nubischen
Steinböcke hin, die in den steilen Felswänden herumklettern.
In der Höhe kreisen die Geier, die durch hinterhältige Luftangriffe
immer wieder versuchen, die geschickten Kletterer aus dem Gleichgewicht
zu bringen und sie die Abhänge hinunterzustürzen, um dann leicht über
sie herfallen zu können.
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