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Und dann geht es aufs Eis

Mit einem Spezial-Jeep wollen wir nach dem Abendessen hinauf auf den Eiskoloss Vatnajökull, dem „Wassergletscher“, dessen Eispanzer bis zu 800 Meter dick ist – kaum vorstellbar. Er bedeckt acht Prozent der Landfläche Islands. Unter ihm ruhen einige der aktivsten Vulkane des Landes. Schon die Auffahrt auf den Gletscher ist ein Abenteuer. Die Piste schlängelt sich am Berg entlang - auf der einen Seite die Felswand, auf der anderen Seite ein Abgrund. Wir sehen besser nicht aus dem Fahrzeugfenster.

Island Vatnajökull aufbruch mit dem Jeep

Den Fahrer lässt der Blick in den Abgrund völlig kalt: Er kennt jeden Zentimeter der Strecke, das Fahrzeug ist mit Technik vollgestopft, und selbst bei schlechter Sicht führt das GPS metergenau zum Ziel. Wir erreichen die Snowmobile-Station, den letzten Außenposten menschlicher Besiedlung, und halten an. Der Fahrer lässt etwa ein Drittel der Luft aus den Reifen, um die Auflagefläche zu vergrößern, damit wir auf dem Gletscher mit unserem tonnenschweren Geländewagen nicht einsinken. Und dann geht es aufs Eis.

Island Vatnajökull der mächtige Gletscher

Entgegen unserer Erwartung bietet sich keine homogene Oberfläche. Teilweise durchziehen metertiefe Gletscherspalten das Terrain, teilweise ist die Oberfläche verharscht. Wir rutschen mehr als wir fahren. Unser Fahrer hält tapfer eine als sicher eingestufte Fahrspur. Nach ein paar Kilometern halten wir am Rande einer Felserhebung, die aus dem Eis herausragt. Sie sieht aus wie ein großer Scherbenhaufen. Diese Definition erweist sich bei näherem Hinsehen als gar nicht schlecht: Das Gestein ist durch Frostsprengung in Tausende von kleinen Platten zersprungen, die rasiermesserscharf sind, Tausende von „naturgefertigten“ Skalpellen. Keiner von uns hat so etwas bisher je gesehen.

Erhabenheit und Ehrfurcht

Wir gehen auf der angetauten Oberfläche bis zum Rand des Felsvorsprungs und haben einen gigantischen Blick auf die unten liegende Moränenlandschaft, durchzogen von zwei Gletscherflüssen. Es ist, als wären wir Teil der Schöpfungsgeschichte. Niemand außer uns ist hier auf dem Hochplateau, es ist mucksmäuschenstill, die Oberfläche des Gletschers schimmert in der Mitternachtssonne.

Island Vatnajökull Gletschersee

Unsere Gefühle sind schwer zu beschreiben: Eine Mischung von Erhabenheit, Hilflosigkeit und Ehrfurcht hat von uns Besitz ergriffen. Niemand wagt es zu sprechen. Worte könnten die Stimmung zerstören. Wir verharren, bis es uns zu kalt wird. Schließlich steigen wir wieder in den Geländewagen, noch einmal den Blick auf die Mitternachtssonne gerichtet. Auch während der Rückfahrt spricht niemand. Wir sind noch immer gebannt. Nach einer weiteren halben Stunde erreichen wir den Stützpunkt für die Schneemobile, die jetzt um Mitternacht verlassen nebeneinander stehen. Der Fahrer wirft den Kompressor an, die Reifen erhalten wieder ihren normalen Luftdruck. Weitere 45 Minuten später sind wir wieder in der Zivilisation.

Island Vatnajökulldie Weite der Landschaft

Nach einer kurzen Nacht geht es zurück Richtung Westen. Das Wetter ist umgeschlagen. Nichts mehr von strahlender Sonne und Sturm, es ist nebelig und es regnet. Wir kommen wieder am Gletschersee vorbei, der heute völlig anders aussieht als gestern. Die Eisberge sind in Nebelschleier gehüllt, von den Basaltformationen im Hintergrund ist nichts zu sehen. Und trotzdem liegt über der Szenerie ein Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann.

 

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