Reisemagazin schwarzaufweiss

Landmannalaugar

Unterwegs auf Islands Hochlandpiste F 208

Text und Fotos: Uwe Lexow

Island - Landmannalaugar

Der isländische Straßenatlas beschreibt Landmannalaugar wenig pathetisch als „eine der Perlen der isländischen Natur. Warme und kalte Quellen vereinen sich am Rande einer obsidianhaltigen Lavawand zu einem Bach mit angenehmer Badetemperatur, umgeben von farbenprächtigen Ryolithbergen“, ein Reiseführer die Anreise von Süden her als „unproblematisch“.

Wir haben Glück und erwischen für unseren Abstecher nach Landmannalaugar einen für isländische Verhältnisse trockenen Tag. Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Die Zugangangspisten zu den warmen Quellen der Leute vom Land sind nur maximal 2 ½ Monate im Jahr offen, die Durchschnittstemperaturen liegen zwischen 0 bis -1 Grad, und Kälteeinbrüche und Schneestürme sind auch im Sommer nicht selten. Viel Zeit zum Wachsen haben die hier vorkommenden etwa 150 höheren Pflanzen nicht: Die Vegetationsperiode beträgt nur 2-3 Monate.

Nachdem wir Kirkjubaerklaustur (1) verlassen haben, durchfahren wir auf der Ringstrasse zunächst eines der größten Lavafelder Islands, das an eine der größten Naturkatastrophen Islands erinnert: 1783 bis 1784 ergoss sich bis hierhin die Lava der Laki-Spalte. Fast ¼ der isländischen Bevölkerung fiel damals den Folgen des Ausbruches zum Opfer: Schwefelhaltige Aschewolken vergifteten das Weideland, 50% des Rindviehbestandes, 75 % der Pferde und 80% der Schafe kamen um und die Menschen verhungerten.

Island - Landmannalaugar - Wasserfall

Vor Vik biegen wir nach rechts auf die Straße 208 (2) ein, die sich parallel zum Fluß Skaftá nach Norden schlängelt. 50 Kilometer sind es bis zur „Feuerschlucht Eldjá, 75 Kilometer bis Landmannalaugar. Das erste Teilstück bis zum Hof Búland ist gut ausgebaut. Dann wird die Strasse 208 zur F 208, zur Hochlandpiste. Auch die nächsten 32 Kilometer bis Hólaskjol sind trotz des Regens der letzten Tage relativ gut befahrbar. Bevor es weitergeht, machen wir zu Fuss einen Abstecher zur Schlucht Hánipugil (3). Der wunderschöne Wasserfall „Littla Gullfoss“ (kleiner Gullfoss) ist auf keiner Karte zu finden. Man geht rechts am Hof vorbei und kommt nach 15 Minuten zum Fall.

Island - Landmannalaugar - Wasserfall

Das folgende Stück des Weges ist entgegen Wegbeschreibung keineswegs „unproblematisch“: Durch den Regen der letzten Tage sind die Flüsse angeschwollen, man kann nur ahnen, wo die Furt ist. Weg und Fluss sind kaum zu unterscheiden. Also: Augen zu und durch, nur nicht stecken bleiben. Die Räder drehen etwas durch, fassen dann aber Gott sei doch. Geschafft.

Island - Landmannalaugar - Warnschild

Dann geht es ein Stück bergauf, und es bietet sich ein wunderschöner Blick auf eine schwarz-grüne Lavalandschaft.

Island - schwarz-grüne Lavalandschaft

Nach weiteren 7 Kilometern erreichen wir Edgjá, eine 40 Kilometer lange Eruptionsspalte, die erst 1893 entdeckt wurde. Im Jahre 934 wurden hier 9 Kubikkilometer Lava explosiv ausgeworfen und auf einer Fläche von 900 Quadratkilometer verteilt. Der Wasserfall der Òfaerá ist allerdings nicht mehr so attraktiv wie noch vor 20 Jahren: Die wunderschöne Natursteinbrücke stürzte im Winter 1993 ein.

Island - Landmannalaugar - Wasserfall

Wir fahren weiter. An die Flussdurchfahren gewöhnt man sich, aber die Auswaschungen der Piste sind nicht ungefährlich und erfordern Konzentration. Hinzu kommt: Außer uns ist kein Mensch weit und breit in dieser grandiosen Landschaft, einer Komposition in den Farben Schwarz und Grün: Basaltgestein und Quellmoos (Philonotis), das ein Indikator für unbelastetes Quellwasser ist. Wenn Wassertropfen auf dem Moos in der Sonne glänzen, sprechen die Isländer von den „Tränen der Trolle“ - und während der letzten Tage müssen die Trolle jede Menge Tränen vergossen haben - vielleicht auch wegen des Straßenzustandes.

Island - Landmannalaugar - Moos

Ein paar Kilometer weiter bleibt dann des Fotografen-Herz fast vor Begeisterung stehen: Im Laufe der Zeit hat der Regen tiefe Erosionsrinnen in die Lava- und Ascheschichten gegraben. Nach der Komposition in Schwarz und Grün nun ein Ensemble in tiefem Schwarz.

Island - Lava und Asche

Dann verändert sich das Landschaftsbild. Farbenprächtige Rhyolithhänge zersetzt durch vulkanische Gase und Dampf, Schwefel, Eisenausblühungen glänzen im Licht der Sonne, die es an diesem Tag gut mit uns meint. Wir sind nach einer nochmaligen Flussdurchquerung am Ziel: Landmannalaugur (4). Mit unseren Stopps haben wir für die 75 Kilometer 6 Stunden gebraucht.

Die Kulisse entschädigt: Vor uns liegen umschlossen von einer Farbenprächtigen Bergkulisse die „warmen Quellen der Leute vom Land“. Prächtig blüht auf den Wiesen das Wollgras, eine Idylle inmitten einer fast unwirklichen Landschaft.

Island - Landmannalaugar - Wollgras

Nicht nur das Wollgras fasziniert: Im Bach finden wir jede Menge Algen verschiedener Färbung. Mit etwas Phantasie lassen sich ganze Landschaften ausmachen.

Island - Landmannalaugar - Bach mit Algen

Wir klettern ein Stück den Hang hoch und erreichen einen Obsidian-Strom. Obsidian, das ist vulkanisches Glas, das hier in riesigen Blöcken zu finden ist. Spektakulär ist das Farbspiel der Berge im Sonnenlicht.

Island - Landmannalaugar - Obsidian

Gelb, rot, braun schimmern die Rhyolithhänge, Hänge aus einem hellen, kieselsäurehaltigem Ergussgestein, teilweise mit Quarz und grünem Feldspat versetzt. In der Mitte des Tals liegt ein Zeltplatz, auf dem man im Vorbeigehen ein Stückchen Obsidian als Souvenir finden kann, und der zusammen mit Hütten des isländischen Wandervereins die einzige Übernachtungsmöglichkeit in der Gegend darstellt. Selbst die nach den Regentagen in der Sonne aufgehängte Wäsche der Camper passt ins farbenfrohe Landschaftsbild, und die Wärme entschädigt für kalte Regentage im Zelt.

Island - Landmannalaugar - Camper

Wir verlassen den idyllischen Ort in Richtung Norden. Die nächsten drei Stunden quälen wir uns über eine „Waschbrettpiste“ durch schier endlose Asche- und Bimssteinwüsten der Hekla, einem der gefährlichsten Vulkane Islands. Die Hekla ist Teil einer 40 km langen Vulkanspalte und mindestens 6.600 Jahre alt. Der Vulkan ist neben den Grímsvötn auch der aktivste Islands. Im Mittelalter wurde hier sogar das Tor zur Hölle vermutet.

Die letzten Ausbrüche ereigneten sich mit ziemlicher Regelmäßigkeit etwa alle zehn Jahre (zuletzt im Februar 2000). Nach der ersten urkundlich belegbaren Eruption im Jahr 1104 folgten insgesamt 20 weitere Eruptionen. Die letzten im vergangenen Jahrhundert ereigneten sich in den Jahren: 1947, 1970, 1980/81, und 1991. Aschewolken der Hekla fanden ihren Weg bis nach Finnland, nach Helsinki. Hekla ist „überfällig“. Die Isländer erwarten einen baldigen Ausbruch. Heute ist Hekla allerdings ruhig und verhüllt ihre Spitze – wie meist – in den Wolken.

Island - Landmannalaugar - Hekla

Beim Ausbruch der Hekla 1104 wurden insgesamt 11 Höfe verschüttet. Einer davon ist der Hof Stöng, unweit der grünen Oase Hjálp inmitten Bimssteinwüste mit dem Hjálparfoss.

Island - Landmannalaugar - Wasserfall

Der Name des Wasserfalls leitet sich vom Namen der Gegend ab: Hjálp bedeutet „Hilfe“. Nach Überquerung der gefährlichen Inlandstrecke Sprengisandur fanden die Reisenden hier endlich wieder Wasser und Futter für die Pferde. Auch wir sind nach dem Geschaukel der letzten Stunden froh, als wir wieder eine vernünftige Straße und später den Hjálparfoss erreichen.

 

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