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Fast wie Columbus

Eine Kreuzfahrt im Indischen Ozean

Text und Fotos: Anita Ericson

Eine Kreuzfahrt lässt immer nur Zeit für allzu kurze Landgänge. Am Ende einer Reise mit der MS Royal Star ergibt sich aber dann doch ein ziemlich rundes Bild vom Leben im Indischen Ozean.

Kreuzfahrt im Indischen Ozean - MS Royal Star

Die Waschmaschine vor dem Bullauge hat den Spülgang beendet und gibt den Blick auf palmengesäumte Strände frei. Wo beim Einschlafen bloß Gischt zu sehen war, öffnet sich nun ein Postkartenpanorama. Kollektives Aufatmen der noch wenig seefesten Kreuzfahrtgäste, als die Royal Star vor der Insel Sansibar zum ersten Mal zum Stillstand kommt. Hier, knapp vor der tansanischen Küste, trafen schon im 8. Jahrhundert Schiffe arabischer Händler ein, die wenig später die Insel besiedelten und islamisierten. Dann fassten die Portugiesen Fuß, mussten aber gegen Ende des 17. Jahrhunderts alle ihre Besitzungen nördlich von Mozambique an den Imam von Maskat abtreten. Unter der folgenden Herrschaft des Sultans von Oman brach für Sansibar dann eine Blütezeit an, allerdings bloß für die arabische Oberschicht: der Sklavenhandel florierte. Sansibar war sein ostafrikanisches Zentrum, erst im ausgehenden 19. Jahrhundert trat an seine Stelle das heute noch lukrative Geschäft mit den Nelken.

Kreuzfahrt im Inischen Ozean - Sansibar
Blick auf Sansibar

Legende Sansibar

Die Jahrhunderte haben aus dem Namen Sansibar eine Legende gemacht, deren Anziehungskraft so stark ist, dass manche Menschen eigens eine Kreuzfahrt buchen, um endlich einmal selbst hier zu stehen, in diesem arabischen Märchen mit afrikanischen Protagonisten. Sie werden nicht enttäuscht: in der Hauptstadt Stonetown scheint man in einen alten Kupferstich geraten zu sein. Markt und Medina, Sklavenmarkt und Sultanspalast, Fort und Wasserfront. Die Häuser bezaubern durch luftige Erker, verspielte Veranden, kunstvoll geschnitzte Türen. In den Gesichtern der Leute spiegeln sich Züge aus Afrika, Arabien und Persien wieder, auf ihrer Kleidung die ganze Überfülle der Tropen.

Kreuzfahrt im Indischen Ozean - Sansibar

Das Angebot am Markt ist ein buntes Sammelsurium aus Schraubenmuttern und Passionsfrüchten, bestickten Käppis und Chilis, Nelken und Plastikschüsseln. Es bleibt keine Zeit eine Gewürzfarm außerhalb der Stadt zu besuchen, das enge Gassengewirr von Stonetown fesselt. Es zieht so sehr in seinen Bann, dass man zu spät nach oben blickt, wo sich die klebrige Äquatorluft im Laufe des Tages zu dunklen Regenwolken verdichtet hat, die sich ohne Vorwarnung plötzlich entladen. Von einer Sekunde zur anderen kommen Sturzbäche aus Regenrinnen, die Straßen überfluten und die Passanten sind durchnässt, bevor sie sich noch unter ein sicheres Vordach retten können. Nach zehn Minuten ist der Guss ebenso schnell vorbei, der Swahili-Kokosnusscurry-Lunch kann wie geplant auf der Terrasse eines kleinen Lokals stattfinden.

Kreuzfahrt im Insischen Ozean - Markt in Sansibar
Auf dem Markt in Sansibar

Sansibar ist der erste Stop der MS Royal Star auf ihrem Weg von Mombasa in den Indischen Ozean, egal ob das weitere Ziel Madagaskar, Mauritius, Réunion oder Seychellen heißt. Die Distanzen dazwischen sind recht groß, als Gast verbringt man viel Zeit auf dem Schiff. Umso erstaunter stellt man rasch fest, wie überschaubar der Cruiser ist. Es gibt keine Eislaufbahn und keinen Golfsimulator, kein Entertainment aus Las Vegas und auch keine Suiten mit Balkon. Es gibt genau ein Restaurant, zweckmäßige Kabinen, übersichtliche Decks, drei Bars und einen Pool. Die MS Royal Star ist ein selten unmodernes Exemplar, sie wurde vor über 50 Jahren in Triest für die Passage nach Istanbul gebaut und noch heute glänzen in ihrem Bauch blankgewienerte Messinghandläufe und gewachste Holzbohlenböden. Selbstverständlich ist sie renoviert und an die Bedürfnisse von heute angepasst, ihren Charakter hat man ihr aber nicht genommen. Cruise-Director Niki Nikolaus, im Übrigen ein Österreicher, gerät ins Schwärmen, wenn er sagt, hier merkt man noch, dass man sich auf einem Schiff befindet, mit richtigen Linien, mit ausgeprägtem Bug und Heck, mit einer sanft schaukelnden Bewegung, die man spürt. Nicht wie auf den modernen Linern, wo man genauso gut in einem Hotel in Dortmund sein könnte, wie er verächtlich anmerkt.

Kreuzfahrt im Indischen Ozean - Schiff

Auf den Komoren

Das mit der Bewegung müssen Landratten erst einmal so richtig in den Griff bekommen. Die meisten sind froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, als die Welt nach 41 Stunden auf Hoher See nach Sansibar zu einem zweiten Halt gelangt. Der Blick verfängt sich in karibisch-bunten Häusern, in Kokospalmen und Bananenstauden, in grünen Hügeln, die sanft ins türkisfarbene Meer abfallen. Was für ein Unterschied zum endlosen Horizont der letzten eineinhalb Tage. Legt man Distanzen mit dem Schiff zurück, bekommen sie plötzlich wieder ihre wahren Dimensionen, die sie im Flugzeitalter längst verloren haben.

Kreuzfahrt im Indischen Ozean - Mayotte
Blick auf Mayotte

Die Royal Star liegt bei Mayotte im Archipel der entlegenen Komoren vor Anker. Die Insel ist die geologisch älteste der ganzen Gruppe und von den Zeiten schon gut abgeschliffen – die Berge sind zu sanften Hügeln geschrumpft, die Korallenstöcke zu ansehnlichen Riffen angewachsen. Mayotte besticht durch weiße Sandstrände, große Lagune und artenreiche Meeresfauna, trotzdem bietet sich ein Ausflug zu Lande mit dem Taxi an: nach so langer Zeit auf dem Schiff tut es gut, den leicht schwankenden Gang wieder zu stabilisieren. Als Ziel für die Inselrundfahrt bietet sich ein schöner Strand wie jener von Kani-Keli ganz im Süden an, wo man im Schatten von uralten Baobab-Bäumen die Füße in den feinen Sand steckt und über die Facetten von Meereswasserfarbe ins Sinnieren kommt. Innerhalb des Riffs, das Mayotte vom offenen Ozean trennt, ist das Wasser ruhig und warm wie in einer Badewanne, bloß dass man hier auch Schildkröten begegnet.

Kreuzfahrt im Indischen Ozean - Mayotte
Sandstrand in Mayotte

Mayotte ist für uns praktisch gar kein Ausland, es gehört politisch zu Frankreich und damit auch zur EU. Die Autos tragen das F als Länderkennzeichen, in den Geschäften und Cafés zahlt man mit Euro. Mayotte ist ein ziemlich einsamer Outpost der Grand Nation, was mitunter skurrile Züge trägt: hier die Moschee mit Halbmond, da der Gourmettempel mit Sternen. Palmenöl in wiederverwerteten Plastikflaschen am Straßenrand zum Verkauf, in der Stadt ein Supermarché mit folienverpackter Wurst aus Frankreich. Da die Locals mit ihrer dunklen Haut und ihrer bunten Kleidung, die am Strand ihr Barbecue abhalten und den neugierigen Fremden gerne auf eine Kostprobe grüner Bananen vom Grill einladen – da die blässlichen Franzosen in ihren tadellos gebügelten Klamotten, die in noblen Strandrestaurants für wenig auf dem Teller astronomische Preise zahlen.

Bei einer Abstimmung in den 1970ern haben sich die Komoren für eine Loslösung von Frankreich entschieden, nur Mayotte blieb ihrem Kolonialherren treu, was ihr heute mit reichlich Geldfluss aus Europa gedankt wird. Die drei Inseln Ngazidja, ehemals Grande Comore, Anjouan und Mohéli, die die islamische Republik Komoren bilden, können da nur neidvoll rüber blicken. Hätten sie sich damals doch anders entscheiden sollen? Seit ihrer Selbständigkeit gab es mindestens 19 Putschversuche und ebensoviele Präsidenten, mitunter sogar für jede Insel einen. Wie groß die Differenz ist, kann man erst ermessen, wenn man neben dem gepflegten Mayotte noch eine andere Komoreninsel, beispielsweise Anjouan betritt: das schmutzige und rissige Chaos ist bedrückend und nicht mehr mit dem Ausdruck „vibrierende Exotik“ zu beschönigen – lediglich in den hohen, kantigen, dicht bewaldeten Bergen im Inneren zeigt sich die Insel betörend anmutig.

Kreuzfahrt im Indischen Ozean - Anjouan
Einkaufsstraße in Anjouan

Auf dem Weg von den Komoren weiter in den Osten stellt sich an Bord schnell Routine ein. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass es einem zunächst zu klein war. Man lernt die Mannschaft kennen und plaudert mit der russischen Entertainerin Jenny über Schuhe, mit dem Barmann aus Indonesien übers Lieblingsobst und mit dem philippinischen Kabinensteward über Musik. Beginnt es zu schaukeln, rennt man nicht mehr schnell Tabletten schlucken und „Speibsackerl“ vorbereiten, sondern lehnt sich zurück und genießt die Rollbewegung. An den Seetagen zerstreut man sich mit einem Buch im Liegestuhl und mit dem wunderbar köstlichen Essen bis man zu platzen droht. Irgendwie kommt man sich aber auch vor wie ein Entdecker, ist man doch Wind und Wetter ausgesetzt.

Madagaskar

Kreuzfahrt im Indischen Ozean - Nosy-Be - Paddeltour
Paddeln im Einbaum mit Ausleger

Das schönste bleibt natürlich, wieder Land zu sichten: Madagaskar. Genauer gesagt die vorgelagerte Insel Nosy-Bé. Wie bei allen Landgängen ist auch hier die Zeit zu kurz und zugunsten des Adventure-Dschungel-Trips mit möglicher Lemurensichtung verzichtet man nach einigem Hin und Her auf einen weiteren exotischen Markt. Über holprige Wege rumpelt der kleine Bus ins Naturreservat Lokobe, mitten durch ausgedehnte Ylang-Ylang-Plantagen, wo jenes duftende Öl gewonnen wird, das in der französischen Parfummetropole Grasse bis zu 2500 Euro pro Liter bringt.
An einem Mangrovenwald steigt man um in eine schmale Piroge, nach einer knapp dreiviertelstündigen Paddeltour ist das Dorf erreicht, das der Ausgangspunkt zum Dschungeltrekking ist. Mangroven, Meer, Strand und Dorf sind beeindruckend sauber. Guide Antoine sammelt die Adventure-Trekker zum Waldspaziergang. Gleich hinter der ersten Kurve räkelt sich eine gigantische Boa in einem Ast. Wurde sie extra hier drapiert? Bald schon stöbert Antoine einen kleinen Lemuren, einen teddybärgroßen Maki auf, der sich im schattigen Dunkel an einen Baumstamm klammert und mit riesigen Glubschaugen in Richtung Menschen starrt. Zwischen ein paar übereifrigen Teilnehmern der Tour entsteht ein Gerangel um die beste Fotoposition, aber Antoine findet rasch einen zweiten Maki, eine riesige Spinne, ein grün-rot-gelbes Chamäleon, das im Ärger um die unerwünschte Begegnung knallrot anläuft.

Kreuzfahrt im Indischen Ozean - Nosy-Be - Chamäleon
Rotes Chamäleon im Grünen auf Nosy-Bé

Hoch droben in den Bäumen zeigt er immer wieder auf Lemuren, bald schon hat man ein geübtes Auge und macht sie selbst aus. Als Höhepunkt des Trekkings stößt man auf eine ganze Herde übermütiger Lemuren, die von einem Ast zum anderen hüpfen und dabei ihre bernsteinfarbigen Knopfaugen immer wieder fest auf ihre Betrachter richten. Eine Lemurendame ist besonders neugierig und klettert so nahe, dass man ihren buschigen Schwanz fassen könnte. Die Entscheidung war also richtig: Ein schöneres Souvenir als die Erinnerung an dieses Erlebnis hätte man auf keinem Markt der Welt gefunden.

Kreuzfahrt im Indischen Ozean - Nosy-Be - Lemure

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