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Im Tretboot zu tausend Tempeln

Orissa am Golf von Bengalen (Indien)

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Orissa am Golf von Bengalen wird die Seele Indiens genannt. Hier wird traditionelles Handwerk gepflegt. Als „Stadt der tausend Tempel“ gilt die Hauptstadt Bhubaneswar.

Seit vier Uhr morgens – also genau seit drei Stunden – warten fünf Touristen und ein indischer Geschäftsmann im nationalen Flughafen von Kalkutta auf den Abflug nach Bhubaneswar (1) in Orissa am Golf von Bengalen. Nichts bewegt sich, niemand weiß etwas. Am Vortag hatte die Fluggesellschaft entschieden, den Start um fünf Stunden vorzuverlegen, aber offensichtlich nur wenige Passagiere erreicht. Also wird gewartet bis der Flieger voll ist. Drei langweilige Stunden später ist es soweit. Nach einer weiteren Stunde landet die zweimotorige Propeller-Maschine bei gleißendem Sonnenschein und 35 Grad im Schatten in der „Stadt der tausend Tempel“.

Indien - Orissa - weißer Tiger im Zoo

Weißer Tiger im Zoo

Nach vier Tagen Sightseeing, Lärm, Staub und Elend in Kalkutta - die nächste Großstadt. Ananda, der Geschäftsmann, schwärmte vom örtlichen Zoo „Nandankanan“. Abkühlung bringt er nicht, aber Ruhe. Einheimische zahlen 20, Ausländer 100 Rupien Eintritt. Gästeführer Prasanta kratzt sich verständnislos am Hinterkopf. Gerade hatte er noch einmal die Geschichtszahlen zu den wichtigsten Tempeln überprüft, und die Europäer wollen in den Zoo. Wenige Minuten später genießt auch er die Tretbootfahrt über den See im riesigen Parkgelände, wo sich Krokodile und Schildkröten im Wassergraben suhlen, sich weiße und bengalische Tiger im Schatten vor ihren Käfigen räkeln und Elefanten an Palmen nagen.

Tausend Tempel

Indien - Orissa - die Udayagiri und Khandagiri Sandsteinhöhlen

Die Udayagiri und Khandagiri Sandsteinhöhlen

Es ist früher Nachmittag. Mittagshitze und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit machen das Atmen schwerer. Die Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren. Doch nun beginnt sie, die Tour entlang der tausend Tempel. Am Ende des zweiten Tages werden es immerhin zehn hinduistische Tempel, eine buddhistische Friedenspagode und die Udayagiri und Khandagiri Sandsteinhöhlen sein, durch die Prasanta mit Begeisterung führt. „Die Tempel entstanden ab dem fünften Jahrhundert nach Christus. Größtenteils sind sie aus Sandstein erbaut“, erklärt der 29-Jährige: „Wenn eine Fahne auf dem Dach weht, dann wird der Tempel noch für religiöse Zwecke genutzt, ansonsten ist er ein gepflegtes Kulturdenkmal, das Eintritt kostet, wie der Tempel Rajarani.“ 5 Rupien für Inder. 100 Rupien für Ausländer.

Indien - Orissa - Lingaraj-Tempel

Lingaraj-Tempel

Tempel Nummer vier, der Lingaraj-Tempel, ist für Nicht-Hindus nicht zugänglich. Sie dürfen das Gewirr im Innenhof nur von einer Aussichtsplattform verfolgen, während vor dem Eingang die Ärmsten der Armen auf dem Boden kauern und auf eine Spende ihrer besser gestellten Landsleute hoffen. Orissa ist ein Bundesstaat tiefster Spiritualität. Hinduismus, Buddhismus und Jainismus haben eine lange Tradition.

Indien - Orissa - Fischerdorf am Golf von Bengalen

Fischerdorf am Golf von Bengalen

Auf dem Weg zum Sonnentempel von Konark (2) macht Fahrer Abhiram mit seinem klimatisierten Kleinwagen einen Abstecher ans Meer. Der Indische Ozean plätschert an den langen einsamen Sandstrand. Einige Fischerboote landen an und laden ihre Fänge ab. Kinder aus dem nahegelegenen Hüttendorf beobachten das Spektakel wie jeden Tag. Schnell werden die Fische aus den Netzen in Kisten und Eimer umgeladen, die Frauen auf dem Kopf in die nahe gelegene Fabrik balancieren. Bhubaneswar, Konark und Puri bilden das Goldene Dreieck Orissas.

Indien - Orissa - bei Steinmetz Dhruba Charan Swain

Bei Steinmetz Dhruba Charan Swain

Die Küstenstraße gen Süden führt durch einen Dschungel aus Bananenbäumen. Abhiram bremst abrupt. Am Wegrand warten weiße Skulpturen auf einen Käufer. Dhruba Charan Swain ist Steinmetz und fertigt Ganesha-, Shiva- und weitere Götterfiguren. Vor der Werkstadt sitzen mehrere Männer auf dem Boden oder auf niedrigen Schemeln. Sie hämmern, hobeln und schleifen an Figuren aller Größen. „Wir fertigen für Hotels und reiche Leute, die sich diese Statuen in den Garten stellen“, sagt Dhruba: „Auch indische Restaurants im Ausland bestellen bei uns“.

Indien - Orissa - Sonnentempel von Konark

Sonnentempel von Konark

Der Sonnentempel von Konark gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Er stammt aus dem 13. Jahrhundert. Gut erhalten ist die hohe Sockelzone von Haupttempel und Vorhalle. Der Bau wurde als symbolisches Gespann des Sonnengottes Syria mit sieben Pferden errichtet. Sie versinnbildlichen die sieben Wochentage. Die zwölf Wagenräder im Sockel die zwölf Monate eines Jahres.

Indien - Orissa - Wagenrad am Sonnentempel von Konark

Es ist Sonntag, und Puri (3) quillt über vor Menschen. Familien und Schulklassen pilgern zum Jagannath-Tempel im Stadtzentrum. Er gehört zu einer der vier Pilgerstätten, die ein Hindu im Leben besucht haben sollte. Für seine europäischen Touristen, die den Tempel als Andersgläubige nicht betreten dürfen, hat Prasanta für 30 Rupien einen Stehplatz auf einem Dachgarten ergattert, von dem aus sie das Treiben um den Tempel eine Weile beobachten können. Autos, Tuktuks (Motoradrikschas), Fahrräder und Fahrradrikschas quälen sich durch die meist barfuß laufenden Menschenmassen. Dazwischen sitzen Bauern auf dem Pflaster. Sie haben vor sich auf Zeitungspapier Obst, Gemüse und streng riechenden Fisch ausgebreitet. „Khaja“, ein süßes Brandteiggebäck, das Lord Jagannath geweiht ist, findet reißenden Absatz unter den Pilgern. Heilige Kühe weiden durch die Menge oder wühlen im Abfall.

Indien - Orissa - Verkauf von Khaja-Gebäck

Verkauf von Khaja-Gebäck

Schließlich geht es zu Fuß über staubige, von Schlaglöchern übersäte Straßen an den nicht weniger überfüllten hellen Sandstrand. Frauen baden in Saris. Männer in kurzen Hosen und T-Shirts. Die meisten Sonnenanbeter sitzen einfach nur im Wasser und lassen ihre Beine vom Indischen Ozean umspülen und sich von Fotografen fürs Familienalbum verewigen. Händler bieten unechten Schmuck oder einen Ritt am Meer auf dem Rücken eines Kamels an.

Indien - Orissa - indisches Strandleben in Puri

Indisches Strandleben in Puri

Über das Künstlerdorf Raghurajpur fährt Abhiram zurück nach Bhubaneswar. Zwar bleibt der rechte Außenspiegel im Gewühl von Ausflugsbussen, Autos, Fahrrädern und Kühen auf der Strecke, doch ansonsten bahnt sich Abhiram wie alle anderen Fahrer auch mit lauten Hupkonzerten seinen Weg und findet ihn – irgendwie. In Raghurajpur (4) findet jeder Tourist ein Souvenir und viele einheimische künstlerisch begabte junge Menschen einen Job. Sie bemalen Seidenpapier, Palmblätter oder Kokosnüsse mit religiösen Motiven und fertigen daraus Bilder, Wandbehänge, Lesezeichen, Lampenschirme.

Indien - Orissa - Im Künstlerdorf Raghurajpur

Im Künstlerdorf Raghurajpur

„In unserem Ort gibt es zirka 100 Familien. Viele von ihnen sind in der Malerei tätig, um damit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten“, meint Bhagaban Sahoo, dessen Bruder ein kleines Atelier namens „Handicrafts“ betreibt. Nebenan haben sich Sri Pwakar Baral und sein Bruder Dibakar auf die Bemalung von Palmblättern spezialisiert. „Wir sammeln die Blätter und schneiden sie auf die richtige Größe. Dann zeichnen wir religiöse Ornamente darauf und gravieren sie mit einer Nadel ein. Schließlich geben wir schwarze oder eine andere Naturfarbe aufs Blatt, verreiben sie, und die Zeichnung wird sichtbar.“

Was in Raghurajpur die Malerei ist, sind in Pipli (5) Applikationsarbeiten. Vor den zahlreichen Geschäften in der Durchgangsstraße baumeln Schirme, Handtaschen und Bilder aus Stoff. „Wir produzieren Sonnen- und Regenschirme für Prozessionen, für den Strand oder den eigenen Garten, Lampenschirme, Taschen und Wandbehänge“, berichtet Raj Kishore Mohapatra. Im hinteren Raum seines Ladens hocken junge Männer auf dem Fußboden und fertigen Schirmgerüste aus Bambus. Daneben rattern Nähmaschinen. Junge Frauen schneiden unterschiedliche Stoffmotive aus, die sie auf andersfarbige Baumwoll- oder Seidenstoffe aufnähen und darin daumennagelgroße Spiegel einarbeiten. Auch hier haben die farbenfrohen Ornamente meist einen religiösen Hintergrund.

Indien - Orissa - Schirme in Pipli

 

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