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Guyana im Überblick

Manche vermuten das Land im Westen Afrikas – und erliegen dabei einer Verwechslung mit Guinea. Nein, Guyana liegt auf der anderen Seite des Atlantiks. Namensgeber ist die Großlandschaft Guayana im nordöstlichen Südamerika. Das etwa 1,5 Mio. km² umfassende, überwiegend bergige Gebiet erstreckt sich zwischen Orinoko, Amazonas und der Atlantikküste.

Sein westliches und südliches Hinterland teilen sich Venezuela und Brasilien. Niederländer, Engländer und Franzosen bemächtigten sich im 16./17. Jahrhundert der östlichen Territorien und verwandelten sie in einträgliche Kolonien, von denen Französisch-Guayana den weitaus schlechtesten Ruf erwarb als „Archipel der Verdammten“, als Frankreichs berühmt-berüchtigte Übersee-Strafkolonie. So mußte der des Landesverrats bezichtigte Hauptmann Alfred Dreyfus hier fünf qualvolle Jahre verbringen und von der Schreckenszeit seiner Haft unter tropischen Bedingungen erzählt Henri Charrière in seinem autobiographischen Roman „Papillon“. Guyane française ist noch immer ein französisches Übersee-Département, damit Teil der EU und Euroland. Die Straflager existieren schon lange nicht mehr, der Urwald verschluckt ihre zerfallenden Überreste. Gar nicht weit davon, auf dem europäischen Weltraumbahnhof „Centre Spatial Guyanais“ in Kourou, hat Hightec Einzug in den Regenwald gehalten und befördert die Ariane-Raketen der ESA ins All.

Hoatzin, Guyana
Black Kaiman, Guyana

Der Hoatzin, Guyanas Nationalvogel
und eine Begegnung mit einem Schwarzen Kaiman
Fotos: © Wilderness Explorers

Das angrenzende Niederländisch-Guayana wurde 1975 unter seinem neuen Namen Suriname unabhängig – ein südamerikanisches Land, in dem keine iberische Sprache sondern Niederländisch Amtssprache ist und niederländische Kolonialarchitektur dominiert, wo afrikanische und asiatische Volksgruppen Kultur, Straßenleben und Küche beeinflussen und so eine faszinierende Melange aus holländisch-afroasiatischen Zutaten entstanden ist.

Der Besitz der Engländer, British-Guiana, blieb bis 1966 Kronkolonie ihrer Majestät. Als unabhängiger Staat machte sich Guyana, wie er sich jetzt nannte, auf den steinigen Weg in eine bessere Zukunft. Experimente, Rückschläge, neue Ansätze folgten aufeinander, ohne bisher einen Königsweg aufzuzeigen. In einem Punkt aber ist man sich einig: Guyanas kulturelle Vielfalt und die intakte Natur sind die Pfunde, mit denen das Land und seine Tourismusplaner wuchern können. Karibische Reggae- und Calypsorhythmen, niederländische Ortsnamen und niederländische Deichbau- und Dränagekunst, Hindu-Tempel und Moscheen, viktorianische Kolonialarchitektur, Reisfelder und Zuckerrohrplantagen, ein buntes Völker- und Sprachengemisch prägen den schmalen, dicht besiedelten Küstensaum. Ganz anders das menschenleere Landesinnere, wo Flußläufe und Luftwege die Hauptverkehrsadern bilden, sich großflächige, nahezu unberührte Regenwälder und Savannen abwechseln und 728 Vogelarten gezählt werden. Wo eine heimische Flora gedeiht, die zu großen Teilen noch unerforscht ist und Schätzungen von etwa 1.000 Baumarten sprechen, Indiodörfer zu erkunden und dramatische Wasserfälle zu bestaunen sind.

Guyana ist kein Land der Palmentraumstrände und türkisfarbenen glasklaren Wasser. Schwemmlandzonen und Flußdeltas, Mangroven und Salzwiesen säumen den von der Fracht der großen Flüsse erdbraun gefärbten Atlantik. Deshalb haben die wenigen europäischen Reiseanbieter in der Regel auch Anschluß(bade)aufenthalte in Barbados, Tobago oder Grenada in ihr Programm aufgenommen.

Obwohl Südamerika zugehörig, ist Guyana durch seine Kolonialgeschichte in Kultur und Lebensart doch ein unverkennbar karibisches Land. Die britischen Overlords hier wie dort machten es möglich. Neben der englischen Sprache verbinden Guyana mit der Inselwelt der Karibik noch andere liebgewordene Gewohnheiten wie Pferderennen und Teatime, Linksverkehr und Kricket als Nationalsport. Und nirgendwo wird die karibisch-festländische Verflechtung deutlicher spürbar als in Georgetown, der „Garden City of the Caribbean“ wie die Stadt wegen ihrer breit und luftig angelegten und von weit ausladenden Kronen der Saman-Bäume beschatteten Avenuen genannt wird. An ihren Rändern thronen die Palazzi und Gotteshäuser aus viktorianischer Zeit in unbefangener Stilvielfalt von Gotik über Tudor bis Renaissance und das besondere: sie sind alle aus Holz gebaut, aus dem einheimischen Hartholz des Greenheart-Baums. Überragend im wahrsten Sine des Wortes ist die anglikanische Kathedrale St. George, mit 44 m eines der höchsten Holzgebäude der Welt, ein tropischer Gotik-Traum mit Spitzbögen, Maßwerkfenstern, Strebebögen. Nicht weniger beeindruckend die St. Andrew`s Kirk von 1818, Südamerikas älteste Presbyterianerkirche, mit einer Empore für die afrikanischen Sklaven, denen eine Mauer den Blick nach unten verwehrte, denn „es erscheint nicht angebracht, daß sie (die Sklaven) ihre slavemasters auf Knien odermit gesenkten Häuptern sehen dürfen“, wie eine zeitgenössische Chronik schrieb. Andere sehenswerte Beispiele britischer Kolonialarchitektur sind die Victoria Law Courts (1887) und die Cara Lodge (1840), Georgetowns City Hall (1889) und das Parlamentsgebäude (1834). Auf keinen Fall sollte man versäumen, am riesigen Stabroek Market an der Water Street mit seinem frechen gußeisernen Glockenturm vorbeizuschauen, wo von lebenden Hühnern bis Gold so etwa alles über den Tresen geht, was Geld bringt. Hier schlägt das Herz der Stadt und es gibt jede Menge Gelegenheiten, Guyanas Nationalgetränk, den Rum, zu probieren und vielleicht gönnt man sich sogar einen 15 Jahre alten „El Dorado“, den gerade eine hochkarätige Jury zum weltbesten Rum kürte.

Georgetown ist stolz auf seinen „seawall“, eine beliebte Promenade in der Abendfrische und sichere Barriere bei Flut, wenn große Teile der Stadt 1 – 2 m unter dem Meeresspiegel liegen. Bemühungen zur Eindeichung und Entwässerung reichen bis in das 18. Jahrhundert zurück, als sich Niederländer daran machten, durch ein Netz von Deichen, Schleusen und Kanälen die periodischen Überschwemmungen des Küstensaums einzudämmen.

Schildkröten und Goldsucher

Die in Guyana gängigen Verkehrsmittel Kleinflugzeug und Einbaum mit Außenborder kommen zum Einsatz, will man den Schildkrötenstränden und den Schürfgründen der Goldsucher einen Kurzbesuch abstatten. Shell Beach heißt ein etwa 145 km langer Streifen am Atlantik im nordwestlichen Guyana, der zu den am wenigsten entwickelten Küsten Südamerikas zählt. Er ist von dichten Mangrovenwäldern bedeckt, unterbrochen von Muschelkalkflächen, die von Schildkröten zur Eiablage angesteuert werden. Vier der weltweit sechs Arten finden sich hier ein: die Lederschildkröte, das weltgrößte Reptil mit bis zu 2,10 m Länge und rund 900 kg Gewicht, die Olive Bastardschildkröte (die kleinste), die Suppenschildkröte und die Echte Karettschildkröte. Unter der Obhut von Arawak-Indios erfahren Besucher viel Wissenswertes über diese erstaunlichen Kreaturen, ihr natürliches Umfeld, Schutzprogramme und das Leben der Indios am Rande der Zivilisation.

960 km befahrbare Flüsse weist Guyana auf und die Stars auf ihnen sind die sechssitzigen Flitzer, die man „ballahoos“ nennt und die „corials“ für drei bis vier Passagiere. Sie erreichen jeden noch so abgelegenen Ort, werden auch mal um Stromschnellen herumgetragen und durchfahren das Mangrovendickicht wie eine Tunnelstrecke. Man braucht sie, um die Gold- und Diamantenfelder in den Kiesablagerungen und Flußauen entlang der westlichen Zuflüsse des mächtigen Essequibo-Rivers zu erreichen. Hier wird industriell „geerntet“, sogar stellenweise umweltverträglich, doch in der Mehrheit der Fälle unkontrolliert. Tausende „Illegale“ aus Brasilien und anderen Nachbarländern suchen hier ihr Glück ohne Rücksicht auf die empfindliche Natur.

Zu den Wasserfällen

Fernab dieser Raubbauregion, inmitten unversehrten Regenwalds und am besten mit dem Kleinflugzeug zu erreichen, verbirgt sich Guyanas überwältigendes Naturschauspiel, der Kaieteur-Wasserfall am Potaro-River. Mit einer Fallhöhe von 228 m gilt er als welthöchster Katarakt, dessen Wassermassen (117.000 Liter pro Sekunde) in freiem Fall in die Tiefe stürzen, gut vier Mal höher als die Niagara-Fälle und in seiner Großartigkeit den Victoria- und Iguazú Fällen in nichts nachstehend. Werner Herzog drehte hier 2004 seinen preisgekrönten Film „The White Diamond“ mit einem eigens für dieses Projekt entworfenen Mini-Zeppelin, der ganz niedrig und in sanftem Flug über die stäubenden Wasser und dampfenden Regenwälder hinwegschwebte. Mit einem „fly-in / fly-out trip“ für wenige Stunden sind die meisten Besucher zufrieden, nur wenige bleiben länger und nehmen Quartier im Kaieteur Guest House, das nur wenige Betten, aber um so mehr „comfortable hammocks“ (Hängematten) anbieten kann. Wer einige Tage bleibt, wird die Zeit nutzen für eine Exkursion durch die Täler und über die Plateaus des Kaieteur National Park mit seiner reichen Tier- und Pflanzenwelt.

Kaieteur-Wasserfall, Guyana

Blick auf den Kaieteur-Wassserfall
Foto: © Wilderness Explorers

Es ist nur ein 25-Minuten-Luftsprung vom Kaieteur zu einem weiteren Highlight, den Orinduik Falls, wo die Wasser des Ireng-Flusses, der die Grenze zwischen Guyana und Brasilien darstellt, über Stufen und Terrassen aus Jaspis in eine Felsenge hinabdonnern mit überwältigenden Ausblicken auf die Pakaraima Mountains.

Das Regenwald-Projekt

Im Herzen Guyanas breiten sich die großen Regenwälder der Iwokrama und Pakaraima Mountains aus, eine der vier letzten noch weitgehend unberührten Regenwaldzonen der Erde (die drei anderen liegen im Kongo, in Papua Neu Guinea und im Amazonas-Gebiet). 360.000 ha des guyanischen Regenwalds stehen unter der Aufsicht des Iwokrama International Centre for Rainforest Conservation and Development. Arbeitsziel ist der Erhalt des Regenwalds, seine nachhaltige wirtschaftliche Nutzung und die Entwicklung des Ökotourismus. Die unglaublich tier- und pflanzenreiche Waldregion ist offen für interessierte Besucher, die mit kundigen Rangern Bootsfahrten und Wanderungen unternehmen und sich Forschungsteams anschließen oder erlebnisreiche Camps tief im Urwald beziehen können. Der Besuch des Iwokrama Canopy Walkway zählt zu den Höhepunkten einer Exkursion in diese abgelegene Gegend. Dabei handelt es sich um ein Netz von schmalen Hängebrücken und Plattformen, die sich mehr als 30 m über Grund durch den Regenwald schlängeln und einen unverstellten Blick auf die Baumwipfel, ihre Vogelwelt und Affenkolonien freigeben. Zugleich sieht man aus einer ganz ungewohnten Perspektive, was sich tief unten auf dem Boden abspielt.

Iwokrama, Guyana

Unterwegs auf dem Iwokrama Canopy Walkway
Foto: © Wilderness Explorers

Durch die Savanne

Südlich der Iwokrama-Region geht der tropische Regenwald abrupt in die Savannenlandschaft Rupununi über. Eine Bergkette säumt das weite Grasland. Es ist die Heimat der indianischen „vacqueros“, wie man Cowboys in dieser Gegend nahe der Grenze zu Brasilien nennt. Viele sprechen Portugiesisch. Überhaupt sind die Beziehungen zum südlichen Nachbarn deutlich intensiver als zum guyanischen Speckgürtel am fernen Atlantik. Vereinzelte Palmen, mannshohe Termiten-Hügel und der unermüdliche Ameisenbär, der sich an ihnen zu schaffen macht, schmale Galerie-Wälder, eine atemberaubende Vogelwelt und grasende Viehherden prägen das Bild. Einige große Rinderfarmen, deren Begründer Schotten waren, existieren hier seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wie die große Dadawana Ranch. Auf 4.500 km² Grasland weiden ihre 7.000 Rinder, bewacht von vacqueros vom Stamm der Wapishana-Indios, die wie vor hundert Jahren barfuß mit Pferd und Lederlasso ihrer Arbeit nachgehen. Einige Farmen bieten Unterkunft der ganz einfachen Art in wettergegerbten Blockhäusern ohne Strom und Telefon, bei Gas- und Kerzenlicht, derber Kost und Nächten in der Hängematte. Ochsenkarren und Fahrräder sind geläufige Fortbewegungsmittel in der Savanne und auch ein paar der unverwüstlichen „4WD“, die sich über „poor roads“ quälen und schon mal vier Stunden für 130 km brauchen. Doch selbst die haben keine Chance mehr, wenn der Himmel zwischen Juni und August seine Schleusen öffnet, sich große Teile der Savanne in eine Seenlandschaft verwandeln und statt holpriger Jeeptouren gemächliche Bootsfahrten angesagt sind.

Text: Eckart Fiene



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