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Die Maya-Stätte La Blanca

Auf den Spuren der Maya in Guatemala

Text und Fotos: Beate Schümann

Die Straße ist staubig. Anfangs war sie noch asphaltiert. Bis nach Tikal, wohin in Guatemalas Norden alle fahren, zu den gewaltigsten Tempelpyramiden der Maya. Doch der Kleinbus ist vorher abgebogen, holpert durch ausgefahrene Schlaglöcher und wirbelt Sandwolken in die Luft. Nach einer Stunde stoppt er am Schild „La Blanca“, Sítio Arqueológico, gesetzlich geschützte archäologische Ausgrabungsstätte. Dahinter erhebt sich dichter Regenwald.

Guatemala - La Blanca - Dieter Richter
Dieter Richter in La Blanca

Als das Becken des Río Mopán auftauchte, war die Nervosität von Dieter Richter schon spürbar gestiegen. Der deutsche Fachmann für Maya-Bauten erwartet bei jedem Besuch in La Blanca eine Überraschung. Mal sind es neue Funde oder neue Erkenntnisse, mal sind es Grabräuber. „Es gibt tausende Ausgrabungsstätten und wohl ebenso viele Plünderer“, sagt Richter, der aus Hannover kommt und sich dort schon im Architekturstudium auf die Hochkultur der Mayas spezialisierte. Seit 1991 arbeitet er im Bundesstaat Petén und wirkt bei Projekten zum Schutz der Stätten mit. Zerstörung, Diebstahl, Schmuggel – für präkolumbianische Totenmasken aus Jade, bemalte Vasen und Schmuck werden auf dem Schwarzmarkt Höchstpreise erzielt. Und das Land hat kein Geld, um die Flächen zu sichern. Auch La Blanca hat bereits Raubtunnel.

Guatemala - La Blanca

Richter nimmt den einzigen Trampelpfad, der in den Urwald führt. Die Gruppe folgt. Bald zeigen sich erste Hinweise auf die Ausgrabung: zwei Palmdächer, unter denen Erdhaufen mit Keramikscherben und Knochen liegen. Ein paar Schritte weiter tut sich eine Lichtung auf. Auf einem Erdwall erhebt sich eine Steinmauer mit einem Eingang: das Tor zur Maya-Welt. Ringsherum sind Hügel zu sehen, die geborgenen Gebäude weisen die Himmelsrichtungen. „Eine typische Maya-Anlage“, sagt Richter und erklimmt das von Erde verdeckte Fundament.

Guatemala - La Blanca

„Bienvenido“, Willkommen grüßt oben freundlich Cristina Vidal Lorenzo, die seit 2004 in La Blanca das wissenschaftliche Projekt der Universität von Valencia leitet. „Ihr kommt genau richtig“, sagt die Archäologin und führt die Besucher zu dem Tor, das erst vor einem Monat freigelegt worden war. In dem brüchigen Gemäuer zeigt sie auf eine Zeichnung. „Die rote Farbe ist Zinnober“, sagt sie. Der Fund ist eine kleine Sensation. „Das stützt unsere Theorie, dass die Tempel früher bunt waren, die Fassaden meist rot und die Ornamentik in schillernden Farben.“

Guatemala - La Blanca - Cristina Vidal Lorenzo
Cristina Vidal Lorenzo

Hinter der Mauer liegt die Akropolis, ein 50 mal 50 Meter großer Platz mit stattlichen Ruinenresten, die von Bambusgestellen abgestützt werden. Ein paar Arbeiter füllen Schubkarren mit Waldboden, um die Stufen zu der Plattform freizulegen. Zwischen den Gräben laufen Wissenschaftler mit Protokollmappen umher, die schon dreißig Gebäudestrukturen registriert haben. Zwei Archäologinnen legen mit dem Pinsel ins Gemäuer geritzte Zeichnungen frei. „Ihr betretet echten Maya-Boden“, sagt Richter begeistert. „Nichts wurde verändert, alles ist original.“ Authentische Wände, intakte Innenräume, mächtige Steinquader. Ganz anders als im berühmten Tikal, wo alles rekonstruktiert wurde. „Hier muss die Tür gewesen sein, und dahinten kannst du dich gleich ins Bett legen.“ Oder war die Nische eher ein Thron?

„Wohl ein Thron“, glaubt Vidal. Denn am Ende der Klassischen Periode seien mehr Paläste als Tempel gebaut worden. Sicher aber ist, dass La Blanca vor gut tausend Jahren eine blühende Maya-Siedlung war, wahrscheinlich ein Ableger von Yaxhá, das zum Forschungsgebiet des Triângulo Cultural (Kulturelles Dreieck) gehört, einer 1200 Quadratkilometer großen Fläche der Maya-Kultur. Als das mächtige Tikal um 850 n. Chr. verlassen wurde, stiegen die benachbarten Städte auf. Weitere hundert Jahre vergingen, und auch diese verfielen, so wie La Blanca.

Über die Gründe, warum die hoch entwickelten Maya-Reiche untergingen, wird bis heute nur spekuliert. Möglich, dass Hungersnöte zu sinkender Bevölkerung führten, etwa durch Dürren zerstörte Maisfelder. Die Völker verhungerten, die Überlebenden wanderten ab. Möglich, dass Rivalitäten zwischen den Gottkönigtümern eine Art Revolution auslösten, die die Mayas spaltete und zerstreute. Vermutlich stimme von allem etwas. Im Laufe der Jahrhunderte sei Regenwald drüber gewachsen, so Richter, und blickt auf die vielen Erdhügel.

Guatemala - Maya-Tempel in Tikal
Maya-Tempel in Tikal

Als erste archäologische Maya-Stätte in Guatemala nahm die Unesco 1979 Tikal ins Welterbe auf. La Blanca ist zwar nicht so monumental. „Doch die Architektur ist harmonisch, kunstvoll und die Gewölbehöhen überragen selbst die von Tikal um ganze zwei Meter“, schwärmt Richter. „Absolut Weltklasse.“ Mit jeder Ausgrabung entdeckt Guatemala, noch heute das von Maya-Völkern am stärksten geprägte Land Mittelamerikas, einen Teil seiner verlorenen Identität wieder. Abgesehen vom Materialwert und handwerklicher Meisterschaft geht es bei den Funden auch um den historischen Kontext. „Die Kulturzerstörung muss aufhören“, sagt Richter. Deshalb organisiert er von der Insel Flores aus die Touren zu den originalen Ausgrabungsstätten im Triângulo Cultural. Zum Projekt gehört die Einbindung von Familien in den umliegenden Dörfern, die den Gästen Mahlzeiten, Getränke und Kunsthandwerk anbieten. So profitieren die Maya-Nachkommen vom Tourismus und fangen an, sich mit dem eigenen Kulturerbe zu identifizieren und sogar vor Grabräubern zu schützen.

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