
Tunu heißt „Rückseite des Landes“
Langlauf-
und Hundeschlittentour im menschenleeren
Inselgewirr der Ostküste Grönlands
Text und Fotos: Michael Vogeley und Ingrid Ferschoth-Vogeley
Die Wolle der Lämmer
Beim Flug über das endlose Inlandeis der größten Insel der Erde fühlt man sich schon fast „reif für die Insel“. Von hier oben in 10.000 Meter Höhe wirkt es weich und flauschig, erinnert an die feine Wolle am Bauch weniger Wochen alter Lämmer. Der pechschwarze Kaffee schmeckt besser als in Europa. Oder sind wir nur verklärt durch den wilden Ausblick, der uns milde stimmt? Ist es die Euphorie, dass ein großes Abenteuer jetzt wirklich beginnt?
Reisen in Grönland ist so, als ob man das aller erste Mal unterwegs wäre. Geografisch gehört es zu Amerika, politisch wird die Insel noch immer von Dänemark beherrscht. Die Lage im nördlichen Atlantik, umgeben vom Eismeer, lässt kalte Meeresströmungen entstehen, welche die Insel umspülen. Die Küstengebiete werden ständig gekühlt, was mit der Kälteabstrahlung des mächtigen Inlandeises, der größten Eismasse der nördlichen Globushälfte, das arktische Klima verursacht. Der Panzer des Inlandeises bedeckt etwa 85 % der Gesamtfläche Grönlands. Unglaubliche 2.500 km sind es in nord-südlicher Richtung, und in West-Ost-Richtung sind es immerhin noch 1.000 km.
Reykjavík auf Island hatte unsere kleine Gruppe so empfangen, wie wir die Insel aus dem Wetterbericht kannten: stürmisch, nass und kalt. Wir hatten einen Tag dazu benutzt, die Stadt und ihre nähere Umgebung zu erkunden. Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen, der ein »Arktisches Wintermärchen und Abenteuer im Eis« erleben wollte. Die meisten hatten nicht nur Respekt vor der Urnatur, sondern auch vor diesem Pioniertrekking, deren Protagonisten wir sein würden. Keiner der Gruppe konnte so recht definieren, wie er sich das »Arktische Wintermärchen« vorstellte, aber jeder machte deutlich, dass er etwas ganz Besonderes, ja Einmaliges erwartete.