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Mit den Eisbergen kommt der Sommer

Per Linienschiff in den Nordwesten Grönlands

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Qeqertarsuatsiaat ist ein recht einfallsloser Name für ein Dorf. Dieses Wortungetüm heißt schließlich nichts weiter als „eine der Inseln“. Grönländer beschönigen nichts, nennen das Kind beim Namen und sich selbst Inuit – Menschen.

Grönland - Blick auf den Eisberg

Qeqertarsuatsiaat besteht aus einer Ansammlung von Häusern in königsblau, flaschengrün, ochsenblutrot oder sonnenblumengelb - als hätte jemand einen Holzbaukasten ausgekippt. Überall liegen Rentiergeweihe herum. Hemden und Hosen flattern an der Wäscheleine. Kinder bolzen vor der Schule. Aber es scheint ja auch die Sonne und ist zehn Grad warm. Viel mehr kann man vom grönländischen Sommer nicht erwarten.

Grönland - Kinder

Die Kinder genießen den Sommer

Für die 250 Dorfbewohner, die von Jagd und Fischfang leben, ist es ein Ereignis, wenn das Linienschiff für eine Viertelstunde an „eine der Inseln“ festmacht. In Qeqertarsuatsiaat steigt nur selten jemand aus. Die meisten Passagiere wollen nach Nuuk, Freunde oder Verwandte besuchen, ins Kino gehen, vielleicht eine neue Waschmaschine kaufen oder nur mal Hauptstadtluft schnuppern. Immerhin fahren dort Stadtbusse, gibt es Internet-Cafés und vor einigen Jahren wurde für die 15.000 Einwohner die erste Ampel an einer Kreuzung installiert.

Grönland - Linienschiff

Im Liniendienst

Seit 1992 bedienen zwei Schiffe der Artic Umiaq Line die Westküste und pendeln zwischen Narsarsuaq im Süden und dem 1500 km entfernten Ilulissat an der Diskobucht. Im Winter endet die Fahrt schon in Sisimiut, kurz hinter dem Polarkreis. Bis dahin hält der Golfstrom die Häfen eisfrei. Hauptsächlich Grönländer gehen an Bord der MS Sarfaq Ittuk und MS Sarpik Ittuk. Die Linie bietet oft die einzige Möglichkeit für einen Ortswechsel. Denn Straßen, die Siedlungen zwischen Inlandeis und Eismeer verbinden, gibt es nicht.

Keine Vokabeln für Zeit und Stunde

Es ist nasskalt, der Himmel wolkenverhangen, und die Berge haben sich in einen Nebelschleier gehüllt, als die „Sarfaq Ittuk“ den Hafen von Narsarsuaq verlässt. Für Lichtblicke indes sorgen viele kleine Eisberge. Verheißungsvoll strahlen sie in den Farben weiß und karibisch-türkis. Am Heck des Schiffes knattert die grönländische Flagge im Wind. Der rote Halbkreis symbolisiert die Mitternachtssonne im Eis.

Grönland - buntes Dörfchen

bunte Häuser, kleine Schiffe

Die Inuit sind ein reiselustiges Völkchen. Schon lange bevor Kolumbus nach Amerika aufbrach, ruderten sie in Kajaks und Umiaqs um Nordgrönland herum. Damals war das Klima milder und die Thule-Region noch nicht zehn Monate im Jahr von Eis umschlungen. Bei Tauwetter beginnt sich ein Teil des Packeises zu lösen und treibt mit dem Ostgrönlandstrom 3000 Kilometer gen Süden, um Kap Farvel herum und in die Buchten und Fjorde der Westküste hinein. Auch Eisberge, die von den Gletschern des Inlandeises abgebrochen sind, werden von der Strömung nach unten transportiert. Mit den Eisbergen kommt der Sommer, sagen die Inuit an der Westküste. Manchmal nutzen auch Klappmützen und Eisbären die Eisschollen für eine Reise in südliche Gefilde.

Grönland - schwimmende Eisberge

Eisberge: der Sommer ist da

Nach zweieinhalb Stunden legt das Schiff in Narsaq an. Dort verarbeitet die Firma „Eskimo Pels“ Robbenfelle, und das Unternehmen „Greenland Ice Cap“ stellt Eiswürfel her. Der Rohstoff wird am nahen Inlandeis abgebaut. Hier geht Salik Hard von Bord. Zehn Jahre hat er in Dänemark gelebt und ein Jahr lang dänische Öfen in Bad Kissingen verkauft. Nun managt er das Tourist Office in Narsaq und ist froh, wieder in Grönland zu leben, wo es Polarlicht und Mitternachtssonne gibt. Eng und hektisch sei es im Ausland gewesen, „wo man in nur einer Stunde mehrere Städte durchfahren kann“. Das Leben in Grönland folge einem anderen Rhythmus, setze andere Prioritäten. Die Inuit-Sprache besitzt keine Vokabeln für Zeit und Stunde. Dafür aber über dreißig verschiedene Ausdrücke für Eis und Schnee.

Kunstwerke aus Eis

Inzwischen ist es heller geworden. Hin und wieder schiebt sich eine silbrige Sonne vor die Wolken. Eisberge in Form von Segeln gaukeln die Illusion von Wärme vor. Hellblaue Fetzen am Himmel korrespondieren mit den Farben des Eises. Mittags macht die „Sarfaq Ittuk“ in Qaqortoq fest. Zwei Stunden Zeit für einen Streifzug durch den Ort mit seinen kolonialen Gebäuden und dem ältesten Springbrunnen Grönlands. Auf Initiative der Künstlerin Aka Høegh haben skandinavische Bildhauer etwa dreißig Reliefs in Granitblöcke gemeißelt und das Städtchen in einen Skulpturenpark verwandelt. In der Fischhalle, dem „Brædtet“, wird der frische Fang verkauft, hauptsächlich Welse, Meerforellen und Heilbutt. Davor wird gerade eine Ringelrobbe gehäutet, die sich im Netz verfangen hatte.

Grönland - Mensch und Stein

"Mensch und Stein" im Skulpturenpark

Am Abend füllt sich das Raucherabteil der Cafeteria. Es wird Karten gespielt, geredet, gesungen und Unmengen an Kaffee getrunken. Auch Bier fließt in Strömen und die Lieder werden immer lauter. In der Nacht stampft die Sarfaq Ittuk durch offene See und die Dünung aus West sorgt für Wellengang in der Koje. Am Morgen treibt ein Kunstwerk aus Eis in Form eines Triumphbogens am Kabinenfenster vorbei. Und war das nicht eine Robbe, die gerade wegtauchte?

Grönland - Inuit

Ein Inuit-Junge aus dem hohen Norden

In aller Frühe hatte das Schiff in Paamiut angelegt, wo sich im Spätsommer und Herbst Zwerg- und Finnwale, Schwert- und Buckelwale tummeln. Paamiut liegt jeweils 14 Schiffsstunden von Qaqortoq und Nuuk entfernt. Ein Ort in der Mitte vom Nichts. Der blonde Däne am Frühstückstisch stellt sich als hiesiger Sport- und Freizeitbeauftragter vor. Er wolle sich in Nuuk den dort gastierenden Jahrmarkt anschauen, sagt er. Vielleicht könne er die Schausteller dazu bewegen, nach Paamiut zu kommen. Für die Bewohner wären die Karussells, Autoscooter und Waffelbuden „eine Riesensensation“. Auf jeden Fall eine schöne Abwechslung zu Chorgesang und Handballmatch. „Whalewatching interessiert schließlich nur Touristen“, sagt der Däne.

Lockruf der eisigen Wildnis

Viele Dänen, zumeist kernige Typen, sind dem Lockruf der Wildnis gefolgt und gingen nach Grönland. So wie einst der Pfarrer Hans Egede, der sich 1721 aufmachte, die Eskimos zu missionieren. Einfach war es nicht, das Christentum zu verbreiten. Glaubten die Eingeborenen doch, dass das Gute im Meer liege und nur böse Menschen in den Himmel kommen. Dort müssten die verlassenen Seelen mit Walrossschädeln Fußball spielen und würden dabei Turbulenzen erzeugen. Nordlicht heißt in der Inuitsprache „arsarnerit“, übersetzt Ballspiel.

Grönland - auf Deck

Auch die Touristen mögen die Sonne

Je weiter gen Norden, desto höher und schneebedeckter werden die Gipfel und Eisberge immer seltener. Sonne glitzert auf dem Inlandeis, das sich streckenweise bis an die Küste ergießt. Ein leeres, stilles Land, in dem auch Handys kein Netz mehr finden. Transatlantikflüge ziehen ihre Kondensstreifen über den blauen Himmel. Ein mächtiger Seeadler schwingt sich durch die klare Luft. Bereits seit Qeqertarsuatsiaat haben sich die Passagiere aufs Sonnendeck verzogen und die Deckchairs aufgeklappt.

Grönland - Einsamkeit

Einsamer geht´s kaum

Große Wiedersehensfreude im Hafen von Nuuk. Der Kai ist bei der Ankunft der „Sarfaq Ittuk“ voller Menschen, die irgendwen abholen wollen. Die Planken lichten sich. In zwei Stunden nimmt das Schiff wieder Kurs gen Norden. Weiter geht’s über das traumhaft gelegene Maniitsoq bis hoch nach Ilulissat am Eisfjord, wo der fleißigste Gletscher der nördlichen Halbkugel eine gigantische Show abzieht. Täglich produziert er 20 Millionen Tonnen Eis, das in der Mündung des Fjords strandet. Ilulissat heißt übersetzt „Eisberge“. Das passt.

 

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