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Mit der Axt zum Schlachtfest

Heute läuft die altersschwache Fähre Saos, die den Namen des Samothrakischen Gebirges trägt, von Alexandroupolis zum Hafen Kamariótissa aus. Eine Fahrt, als würde man Griechenland endgültig den Rücken kehren und am letzten Ort der thrakischen Metamorphosen ankommen. Wie in einen Zeitkokon gehüllt liegt Samothrakis Berg unter einer Wolkenhaube, eine einzige Asphaltstraße führt quer durch seine Flanke und zur Paleá Pólis, wo das Kabirenheiligtum lag. Wenn am Nachmittag bernsteinfarbene Sonnenflecken durch die Baumkronen tropfen, bricht dort die schönste Stunde an. Ein säuselnder, duftender Hain, ein murmelnder Bach und dann öffnet sich der Pfad auf den Grabungsort.

Griechenland Thrakien Chora
Die Inselhauptstadt ist auch kaum mehr als ein Dorf

Ehrfurcht gebietend ist die monumentale Anordnung der Tempel, für sehr große Götter auf dieser kleinen Insel erdacht. Die fünf Säulen des Propylons, des Haupttempels, überragen die Stätte und schauen aufs Meer, als könne man jeden Augenblick die Ankunft antiker Schiffe erwarten. Ab und an sirren Prachtlibellen vorbei. Eine völlige Klarheit und etwas so Wahrhaftiges strahlt in diesem Ort, dass Pathos berechtigt ist. Hier liegt das Wort „Zero“ in der Luft, der griechische Begriff für „reine Vision“.

Griechenland Thrakien Strandspaziergang
Romantisches Thrakien

Im Hauptort Chóra dagegen wird die Weltgeschichte im Kleinen verhandelt. Seine sorgsam mit roten Schindeln gedeckten Häuschen liegen einzigartig schön in eine Bergflanke geschachtelt, nach außen und gegen das Meer verschlossen. Im Kafeníon beim Würfelspiel wird hier das Leben besprochen, oder in der Deckung der schmalen Eselsgassen von Hausfrauen, die Adleraugen und Ohren wie Luchse haben. Unaufgeregt wartet noch das Dörfchen Therma in kühlen Platanenwäldern, wo griechische Urlauber in Heilquellen kuren und man ein schönes Domizil beziehen kann. Mal badet man in klaren Steinpools, die von Wasserfällen in die Felsen geschliffen sind. Mal führt ein Ausflug zum Pachiá Ammos, dem „Weissen Strand“. Köstlich, ins kristallene Meer zu tauchen, um sich mit den Wellen in den warmen Quarzsand zurückrollen zu lassen. Dann reglos vor dem Mondberg liegen und über unfassbare Kabirengötter nachdenken, zurückfahren über das Dorf Profitis Ilias, Serpentinen nehmen, die sich in den Himmel hinauf drehen, sich über die Scharen von Ziegen wundern, die auf dem heißen Asphalt dösen.

Auch dies Phänomen nimmt bald seine Bedeutung an. In allen Tavernen der Insel kommt gegrillte Ziege auf den Tisch, und wirklich: So seiner Gestalt beraubt wie das Fleisch auf dem Teller liegt, mögen Achäer mit der Axt ans Schlachtfest gegangen sein. Da erinnern wir uns wieder an Achill. Vor Trojas Toren ehrt er seinen gefallenen Freund Patroklos mit einer großartigen Leichenfeier. „Viele Rinder, Schafe und meckernde Ziegen mussten dafür ihr Leben lassen, und der Wein floss in Strömen.“ Troja liegt von Samothraki einen Steinwurf, den eines Zyklopen allerdings, entfernt. Es kann diesen Thrakischen Göttern oben auf ihrem Olymp nicht gefallen haben, was sie gegenüber sahen. Deshalb also setzt sich im Mythos das lebensbejahende Element durch. Der Sonnengott Apollon selbst steht auf Seiten der Trojaner und richtet den wütenden Achilles hin. Vielleicht ist Thrakien schon aus dieser Zeit als der seltsame Monolith am Ende Griechenlands hervorgegangen, den es bis heute darstellt. Eine grandiose Welt für sich.

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