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Mykonos - Insel des Windes

Text: Helmuth Weiss
Fotos: Sylvia Weiß

Schon immer nahm das kleine Eiland im Zentrum der Kykladen eine Ausnahmestellung innerhalb der griechischen Inselwelt ein. Bereits zwischen den beiden Weltkriegen besuchten erste Touristen die karge Inselschönheit, und seit den 50er Jahren gaben sich die Schönen und Reichen der Welt hier ein Stelldichein. Bis heute bezeugen zahlreiche vor dem kleinen Hafen ankernde riesige Kreuzfahrtschiffe die ungebrochene Attraktivität von Mykonos.

Griechenland / Mykonos / Klein-Venedig

Blick über "Klein-Venedig"

Die Szenerie wirkt surreal. Bereits jetzt, Anfang Mai, brennt die Sonne mit gewohnt betörender Intensität vom wolkenlosen Himmel, gefährlich übertönt von einem beständig wehenden Lüftchen, das sich hier nicht selten zum kräftigen Meltemi entwickelt, dem Kühle verschaffenden Nordwind, der so manchen Sonnenbrand erst zu spät ins Bewusstsein ruft. Überlagert wird das Rauschen des Windes von Musik, klassischen Klängen, die sich dem Musikliebhaber bald als furioser Klangteppich des russischen Komponisten Rachmaninoff zu erkennen geben. Das musikalische Feuerwerk sprüht aus kleinen, an Stangen aufgehängten Lautsprechern mitten in einem Weinfeld und schafft eine Verknüpfung der besonderen Art: die tiefgründige Musik der russischen Seele verbindet sich mit der Leichtigkeit mediterraner Gelassenheit zu einer reizvollen, dem Betrachter bisher unbekannten Synthese.

„Die Musik tut gut“, meint Nicos Assimomitis mit einem verschmitzten Lächeln, „ sie fördert nicht nur das Wachstum meiner Rebstöcke, sondern sie hilft auch denjenigen, die hier im Weinfeld arbeiten, bei der Bewältigung ihrer schweißtreibenden Tätigkeit“. Doch so genau weiß der Besucher dann doch nicht, ob es Nicos so ganz ernst damit meint.

Griechenland / Mykonos / Nicos Assimomitis

Nicos Assimomitis

Nicos Assimomitis hat eine alte Tradition der Insel wieder neu belebt, er betreibt Weinbau auf Mykonos, und zwar komplett auf kontrolliert biologische Art und Weise. Da glänzt nicht nur roter Mohn und wuchern Getreidehalme zwischen den Rebstöcken, ein Saum verschiedenfarbiger Rosenstöcke umgibt den Wein wie ein schützendes Band. „Die Rosen werden als erste von den Schädlingen angefallen und geben mir dann ausreichend Zeit, geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen“ erzählt der ehemalige Banker aus Athen. Kein leichter Job, auf Mykonos Wein anzubauen, und Geld verdienen kann man auf der Insel mit anderen Dingen sicherlich sehr viel besser und einfacher. Seinen „Paraportiano“ schenkt so manches Restaurant der Insel aus, mit 30 Tsd. pro Jahr erzeugten Flaschen kann von einer großen Produktion allerdings keine Rede sein.

Der fast beständig wehende Wind auf Mykonos, der das Wachstum der Rebstöcke auf freier Fläche stark behindert, hat Nicos Assimomitis zu einer weiteren, ausgefallenen Idee geführt: weggeworfene Türen und Fenster, überall auf der Insel zusammengesammelt, schützen seit einiger Zeit die jungen Rebstöcke vor dem austrocknenden Wind.

Griechenland / Mykonos / bemalte Tür

Bemalte Tür

In einem großen Happening lud der Biobauer Kinder und Künstler der Insel ein, die Türen und Fenster nach eigenen Vorstellungen farbenprächtig zu bemalen – zusammen mit der Musik Rachmaninoffs ein Stück griechischer Inselwelt ganz eigener Art – mykoniotisch eben.

Vom „Paradise“ zu „Pierros“

Aus aller Welt zieht es Besucher nach Mykonos. Neben den täglich landenden Chartermaschinen entlassen riesige Kreuzfahrtschiffe für wenige Stunden neben europäischen Gästen Scharen amerikanischer Touristen aus ihrem Bauch, beliebte und zahlungskräftige Kunden der Juweliere und Andenkenhändler in den Gassen der Chora, der Inselhauptstadt. Während die Deutschen hauptsächlich im Mai, Juni und September die Insel bevölkern, bestimmt griechisch-italienisches Sprachgewirr die Inselgassen während der Hauptsaison im Juli und August. Dann ist Mykonos komplett ausgebucht, selbst das einfachste Zimmer hat jetzt ein Preisniveau erreicht, das nur als olympisch bezeichnet werden kann. Und das bei einem insgesamt gehobenen Preisniveau, das in Griechenland seinesgleichen sucht. An Billigurlaub sollte bei Mykonos niemand denken! Denn wer griechische Urtümlichkeit und Einfachheit auf Mykonos sucht, der kann genauso gut Ruhe in einer Großstadt suchen! Mykonos steht nicht nur für eine außergewöhnlich aufgeschlossene und überaus freundliche Bevölkerung, sondern auch für ein abwechslungsreiches Strandleben ebenso wie für ein Nachtleben, das bis in den Vormittag des nächsten Tages reicht. Wobei auch hier die Bandbreite groß genug ist, um den unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht zu werden.

Griechenland / Mykonos / Nikos Taverna

Nicos Taverne zählt zu den Publikumslieblingen

Eher ruhigere, wenngleich in der Hauptsaison stark frequentierte Strände wie der stadtnahe Strand von Agios Ioannis und Ornos, der kleine Strand von Psarou oder der Strand von Platis Gialos kontrastieren mit dem High Life der Strände „Paradise“ und „Super Paradise“, wo vor allem an den Wochenenden Tausende von jungen Leuten die Stranddiscos bevölkern. Der halbe Strand mutiert zu einem einzigen tanzenden, dröhnenden Hexenkessel, wo Hitze und Alkohol so manche lange Nacht vorzeitig beenden.

Griechenland / Mykonos / Tanzen am Strand

Abtanzen am 'Super Paradise'

Eine Art Strand-Taxi-Bootsverkehr verbindet die wichtigsten Strände miteinander, sodass in den Abend- und Nachtstunden eine lange Karawane von Menschen per Boot, Taxi oder Mietwagen zu den angesagten Stränden zieht und Stadt und Strand in beide Richtungen wie mit einer Leuchtschnur verknüpft.

Wer es ruhiger liebt, der kann auf die weiter östlich gelegenen Strände wie Kalo Livadi und Agia Anna, Kalafatis und Lia ausweichen, ohne dabei auf eine ausreichende Infrastruktur mit Tavernen, Bars und Sonnenschirmverleih verzichten zu müssen.

Und auch die Inselhauptstadt selbst verfügt über zwei konträre Gesichter. Tagsüber präsentiert sich die Chora nicht nur in einer etwas schläfrigen Gelassenheit, wie sie in der Hitze südlicher Gestade üblich ist, sie zeigt sich auch von ihrer fotogensten Seite: Windmühlen – Wahrzeichen der Insel – thronen über dem alten Teil der Stadt und erinnern an einen früheren Hauptverdienstzweig der Insel. Die blendend weißen Kuben der kykladischen Stadtarchitektur werden zum Leben erweckt durch ästhetisch gekonnt gesetzte Farbtupfer der meist blauen Türen, Fenster und Geländer, durch die intensiv leuchtenden blauen und roten Kuppeln der zahlreichen Kirchen und Kapellen und eine üppig blühende und liebevoll gepflegte Blumenpracht.

Griechenland / Mykonos / Windmühle

Windmühlen sind immer noch das Sinnbild für Mykonos

Erst gegen Abend erwacht ein anderes Mykonos. Nun scheint es alle in die Gassen zu treiben, Einheimische und Touristen gleichermaßen, die Geschäfte erwachen aus ihrem mittäglichen Dornröschenschlaf und füllen sich mit durchaus kaufinteressierten Gästen. Der Abend ist zunächst ganz dem Sonnenuntergang gewidmet, „Kenner“ treffen sich in den Bars rund um „Klein-Venedig“, schlürfen in Katerina’s Bar oder im Caprice ihren ersten Cocktail um mit Blick auf die Nachbarinsel Delos den Sonnenuntergang zu einem täglich neu inszenierten Schauspiel werden zu lassen. Nun heißt es sich frisch machen oder das Abendessen zu geniessen, denn vor elf oder zwölf Uhr nachts wird sich kaum jemand ernsthaft ins Nachtleben stürzen wollen.

Griechenland / Mykonos / Taverne mit Tintenfischen

Frischer Tintenfisch für das Abendessen

Die Hitliste der beliebtesten Szenekneipen ändert sich von Jahr zu Jahr, wenngleich Bars wie das Celebrities und Caprice, Discos wie das Space seit Jahren unverändert in der Hitliste oben mitspielen.

Unverändert auch seit Jahren hat sich Mykonos als Treffpunkt einer gehobenen gay-Szene etabliert. Fast schon legendär Pierros Cafe mitten im Gassenwirrwarr der Chora, wo erst ab ein Uhr morgens Leben zu erwachen scheint und sich die ersten zum Tanzen einfinden – wobei auch Frauen gern gesehene Gäste bleiben. Etwas ruhiger geht es im Montparnasse zu, wo sich die gay-Szene zu guter Musik und Show einfindet. Zum Chillout geht’s ins Galleraki und erst in den frühen Morgenstunden öffnet das Cavo Paradiso am Strand Paradise seine Pforten.

Griechenland / Mykonos / Live-Musik

Eine spontane Musik-Session unter Griechen

Doch auch wer nicht zu den Nachtschwärmern zählt und einfach nur einen erholsamen Sonnen- und Strandurlaub der gehobenen Art sucht, wird sein Plätzchen auf Mykonos finden. Leben und Leben lassen heißt die Devise auf Mykonos und wer abends bei einem Gläschen Paraportiano in einem der Hafenrestaurants die langsam erwachende Stadt beobachtet und den Tag langsam ausklingen lässt, wird sich auf Mykonos durchaus am richtigen Platz fühlen.

Griechenland / Mykonos / Abendstimmung

Abendstimmung in der Inselhauptstadt

 

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