Reisemagazin schwarzaufweiss

Glück unter dem Olivenbaum

Auf der Insel Lefkas: ganz nah an der griechischen Seele

Text: Evelin Juen
Fotos: Peter u. Evelin Juen / Helmuth Weiss

Es gibt so viele geheime Strände zu entdecken, dass die Fahrt zu einem Abenteuer wird. Jeder Feldweg, der durch Gärten und duftende Kiefernwälder führt, ist eine Versuchung. Wer sucht, der findet auf Lefkas. Und wer keine Mühen scheut, kann sich in einer der kleinen, versteckten Buchten wie Robinson fühlen. Ein Stück Feta, Brot und Oliven machen das griechische Glück vollkommen.

Griechenland Lefkas einsamer Strand

Robinsonade am Strand von Lefkas

Der Bus spuckt uns auf einer Kreuzung aus, es ist Mittag und die Sonne brennt mit mediterraner Kraft. Von der Haltestelle aus sind es noch zwei Kilometer über die Halbinsel Xeronisso bis zum Campingplatz am Dessimi Beach. Der Busfahrer deutet einen staubigen Weg entlang, meint lakonisch: „Ist kürzer“ und fährt, Staub aufwirbelnd, davon. Wieder einmal sind wir in der heißesten Zeit des Tages unterwegs, eigentlich wäre Siesta angesagt.

Die Gemächlichkeit griechischer Tage

Nicht ein Auto ist zu sehen, während Lefkas verlassen vor uns liegt. Von der Hauptstadt Lefkada zieht sich eine fruchtbare, grüne Landschaft die Ostküste entlang bis nach Vlycho. Es wird viel gebaut, elegante Steinhäuser mit schmiedeisernen Gittern: Venedig grüßt aus der Vergangenheit.

Lefkas / Hafen von Lefkada

Am Hafen von Lefkada © Weiss

Auch in Nidri, dem größten Fährhafen und damit Anziehungspunkt für die meisten Touristen, fühlt man sich nach Italien versetzt. Kleine, vorgelagerte Inseln begrenzen den Horizont, bilden eine sanfte Seenlandschaft, in der sich die bunten Dreiecke von Segelbooten und Windsurfern tummeln.

Viele haben ihr eigenes Boot dabei, mit dem sie im Laufe des Vormittags aufbrechen, um die unzähligen Buchten der Insel zu erkunden. So gehört der lange, von grünen Hügeln umgebene Strand fast uns allein und die Seele hat Zeit und Ruhe, um sich auf die Gemächlichkeit der griechischen Tage einzulassen.

Lefkas / Fischernetze am Hafen

Fischernetze am Hafen © Weiss

Gerade ist Spiros vom morgendlichen Fischfang zurückgekehrt. Er hat, im Gegensatz zu vielen anderen Fischern, die den Stempel der Dynamitfischerei tragen, noch beide Arme und Hände. „Jassas, heute gibt’s was Besonderes“, ruft er uns mit dem Wind vom Meer her zu, bevor er anlegt.

Mama verwöhnt die Gäste

In der Taverna klingen „Lakis“ und „Achwach“ aus den kleinen Lautsprechern. Die Mama kocht und verwöhnt die Gäste mit in Olivenöl und Knoblauchsoße gegartem Fisch, „Skordaliá“ vom Feinsten. Die Seele baumelt träge: Nur ein schmaler Streifen Kiesstrand trennt uns vom sanften Rauschen des Ozeans, und der Geruch nach Salz und Freiheit mischt sich mit der sanften Herbheit des „Vertzami“. Dieser Rotwein ist Produkt einer Insel, auf der Traubenanbau Tradition hat und durch das milde Klima und die reichlichen Niederschläge bis in eine Höhe von tausend Meter hinauf möglich ist. Wir lassen uns etwas davon abfüllen, denn heute ist Vollmond und es gibt in der Nähe einen Platz, der wie geschaffen ist für eine solche Nacht.

Griechenland Lefkas bewaldete Inseln

Satt grün bewaldete Inseln

Der Blick zeigt zauberhafte Schönheit, satt grün bewaldete Inseln, die das nun fast spiegelglatte Wasser zwischen sich teilen und eine Landschaft wie aus einem Epos erschaffen. Die Schatten zerfließen, gleich geht die Sonne unter, doch vorher bringt sie noch das Innere der großen Höhle auf der anderen Seite der Bucht zum Aufleuchten. Wilhelm Darpfeld, ein deutscher Archäologe, der auf Lefkas begraben liegt, war bis zuletzt davon überzeugt, dass diese Insel die sagenumwobene Heimat des Odysseus ist - eine Theorie, die sich allerdings nicht beweisen lässt und auf Ithaka natürlich nicht gerne gehört wird. Als die Kugel des Mondes sich hinter den Felsen hervorschiebt, eine breite, silbern funkelnde Lichterstrasse auf dem Meer zu tanzen beginnt, erzählt Homer - und man sollte lauschen, denn hier wird seinen Geschichten Leben eingehaucht.

Der Wind treibt sein Spiel

Ein griechisches Studentenpärchen aus Athen nimmt uns mit in den Süden, in das um eine Bucht gewachsene Vassiliki. Überraschend, wie viele neue, teure Fahrzeuge unterwegs sind. Die typischen, immer kurz vor dem Zusammenfallen stehenden Pick-ups, die früher das Bild und die Geschwindigkeit der Fortbewegung in Griechenland bestimmt haben, scheinen verschwunden zu sein. Doch wir Autostopper haben Glück bei einem alten, klapprigen Modell: Rembetiko aus den dreißiger Jahren. Originalaufnahmen von schwerer Süße erfüllen das Auto, während eine von Zypressen gezierte Landschaft vorüberzieht. „Wir lieben diese Musik“, sagt die junge Schönheit und dreht sich lächelnd zu uns um, „es ist der Blues der Griechen.“

Überall leuchten Bougainvilleas, Zitronenbäume tragen satte Ernte, Oleander in gelb, rot und weiß schmückt die Gärten. Manche Häuser ducken sich ins Grün, überwachsen von Blumen- und Pflanzenreichtum. Entlang der Uferpromenade spenden riesige Eukalyptusbäume Schatten, locken zum Verweilen. Restaurants, kleine Geschäfte, eine Hafenmole zum Flanieren, schaukelnde Schiffsmasten. Weit draußen treibt der Wind sein Spiel mit den Surfern, jagt sie mit unglaublicher Geschwindigkeit als bunte Punkte über das Wasser.

Lefkas / Vasiliki Uferpromenade

Fischerboote und Restaurants an der Promenade © Weiss

Ein Pope mit langem, grauem Bart sitzt zusammen mit einem alten Ehepaar auf dem Balkon im ersten Stock. Bei einem Gläschen Ouzo beobachten sie das Treiben aus sicherer Entfernung, prosten uns zu, als sie bemerken, dass wir über den Rand unseres „Kafe elliniko metrio“ zu ihnen aufblicken.

Honig für Gourmets

Die Strasse hinter der Ortschaft führt steil bergan, schlängelt sich am Bergrücken entlang, hinein ins Hinterland der Insel. Tief eingeschnittene Täler, in denen sich Olivenhaine und Getreidefelder erstrecken soweit das Auge reicht. Hügel, die sich zu Bergen auswachsen, überragt vom 1157 Meter hohen Elati. Angenehm kühlt der Fahrtwind und trägt uns die Gerüche des Waldes und der Gewürze zu. Wilder Thymian, den auch die Bienen lieben und dessen Geschmack ihren Honig zu einer regionalen Spezialität verfeinert. Vor allem die Gegend zwischen den Ortschaften Dragano und Athani ist eine Hochburg der Honigerzeugung. Immer wieder tauchen bunt bemalte Bienenstöcke auf, Imker, die fachsimpelnd danebenstehen. Verkauft wird vom Wegrand aus, auf hölzernen Tischen entfaltet sich die ganze Pracht des Nektars in verschiedensten Bernsteintönen. Eingelegte Walnüsse verfeinern den Honig, eine Kostprobe verspricht pure Gesundheit und Kraft.

Griechenland Lefkas Feldweg

Karges Land an der Westküste

Je mehr man sich der Westküste nähert, umso dramatischer wird die Aussicht. Hier ist das Eiland karger, hauptsächlich bewachsen von dornigen Büschen und Strauchwerk, dazwischen hohe Königskerzen, die sich sonnengelb gegen den Himmel abzeichnen. Erinnerungen an das Griechenland der Ägäis werden wach, doch die Besonderheit von Lefkas wird beim ersten Blick hinunter auf die Küstenlandschaft deutlich: Schroff abfallende, hell leuchtende Kreidefelsen, bizarr und voller Geheimnisse, Bucht um Bucht zu ihren Füßen bergend, in vollendetem Zusammenspiel mit dem schimmernden Blau des Ionischen Meeres.

Lefkas / schroffe Felsküste

Feiner Sandstrand zwischen tiefblauem Meer und schroffer Felsküste © Weiss

Auf dem Weg zu unentdeckten Buchten

Der bekannteste und am meisten besuchte Strand auf dieser Inselseite ist Porto Katsiki. Natürlich ist die Straße dorthin gut ausgebaut und asphaltiert; ein großer Parkplatz, um den Andrang der Besucher zu fassen. Campingwagen, während der Sommermonate umfunktioniert zu kleinen Geschäften, Suflaki auf kleinen Holzkohlegrillen, aber auch ein Restaurant, das für die Touristen sorgt.

Lefkas / Strand Port Katsiki

Bekannt und viel besucht: Porto Katsiki © Weiss

Auf den vielen Stufen, die vom Hochplateau hinunter zum Strand führen, herrscht ein ununterbrochenes Kommen und Gehen. Dennoch, wer gewillt ist ein Stück zu laufen, kann ein ruhiges Plätzchen finden.

Senkrecht steigen die Felswände hundert Meter hoch direkt vom Sand auf, da und dort wachsen besonders zähe Bäume waagerecht daraus hervor. Große Gesteinsbrocken liegen verstreut bis hinein ins Meer, das glasklar und mit hellstem Grünblau lockt. Unzählige Serpentinen, Haarnadelkurven, Schotterwege, die uns durchschütteln, denn es locken noch unentdeckte, oft unberührte Buchten. Mit einem Moped ist das Hinkommen kein Problem, doch manchmal muss man das letzte Stück zu Fuß hinunter, über enge, staubige Pfade und schwindelerregende Holzkonstruktionen.

Lefkas / Porto Katsiki

Kann ein Strand noch schöner sein? © Weiss

296 Stufen führen zum Egremnoi Beach, der diejenigen, die sich herab – und vor allem wieder hinaufmühen, mit der Einsamkeit eines mehrere hundert Meter langen, breiten Sandstreifens belohnt. Das Meer ist hier voller Kraft, hohe Wellen branden ans Ufer, wecken die Lust einzutauchen, sich schlucken zu lassen von Poseidon, bis man wieder, erschöpft und glücklich, an Land gespuckt wird.

Das griechische Lebenselixir: Oliven

Es ist später Nachmittag, die Menschen haben ihr Tagwerk vollbracht und kommen von den Feldern heim. Eine in Schwarz vermummte alte Witwe auf einem Esel, der freundlich grüßende Bauer, die Harke über die Schulter gelegt. Ein bärtiger Schäfer treibt seine Ziegenherde an uns vorbei. Der Weg zurück nach Vasiliki führt in die idyllische Abgeschiedenheit der Bergdörfer, in denen die Tradition noch lebt. Wunderschöne, alte Steinhäuser, eingewachsene Trockenmauern, das obligatorische „Kafeinion“ auf der Plaza, in dem über Gott und die Welt diskutiert wird. Manche Orte scheinen dennoch einsam und verlassen, die Jugend zieht es fort, zurück bleiben die Alten, deren Herz hier verwurzelt ist, wie der Wein, den sie anbauen.

Lefkas / Blick auf Vasiliki

Blick auf Vasiliki © Weiss

Immer tiefer führt der Weg bergab in die Welt der knorrigen, alten Schönheiten, aus deren Früchten das griechische Lebenselixier gewonnen wird: Oliven. Einem Dom gleich, überspannen die Äste der oft uralten Bäume den Weg; dunkle Netze wie Schleier dazwischen gehängt, um die Ernte aufzufangen. Eine letzte Rast, mit einem Stück Feta, Brot und Tomaten. Mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, letzte Sonnenstrahlen genießend, ein königliches Mahl. Wir sind glücklich, wieder einmal zurückgekehrt zu sein in dieses Land, um unter einem Olivenbaum zu sitzen und den Zikaden zuzuhören.

 

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