Das griechische Bergdorf Olymbos
Frohe Ostern auf Karpathos
Text und Fotos: Manfred Lädtke
Vor der Stadtkirche in Pigadia lärmen seit Stunden explodierende Feuerwerkskörper. Bis in die Straßen hinein drängen sich Menschen vor dem größten Gotteshaus des Inselhauptortes auf Karpathos, um in der Nacht vor Karsonntag die griechisch-orthodoxe Ostermesse zu feiern.
Um Mitternacht verlöschen in der Kirche plötzlich alle Lichter. Der Priester trägt eine Kerze durch die Schar der Gläubigen, die an der Flamme ihre Stabkerzen entzünden und das Licht wie eine Stafette durch die Nacht reichen. Der flimmernde und glimmernde Kirchplatz ist erfüllt von feierlichem Gemurmel: “Christos Anesti” (Christus ist auferstanden).

Beliebtes Fotomotiv: Die bunten Fischerboote an
der Hafenpromenade im Inselhauptort Pigadia
Am Morgen des Osterdienstags ist die Hafenmole der am meisten bevölkerte Platz in Pigadia. Karpathioten, Festlandgriechen und ein paar Touristen, die von Rhodos mit Propellerflugzeugen gekommen sind, wollen mit dem Dampfer zu Griechenlands traditionsreichem Osterfest der "Lebenden und Toten" nach Olymbos. Zwei Stunden tuckert das Motorschiff die klobige Felsküste entlang nach Diafani.

In weltvergessener Abgeschiedenheit auf Karpathos schmiegt sich
an einem Berg das mittelalterliche Dorf Olymbos
In dem Fischernest stört nur der stotternde Motor des wartenden Omnibusses kurze Zeit das friedliche Idyll. Dann schnauft der Bus die Serpentinen hinauf ins zehn Kilometer entfernte Olymbos mit seinen jahrhundertealten Festritualen. In 700 Meter Höhe öffnet sich auf der rechten Fensterseite eine Guckkastenbühne mit verschwenderischem Gebirgspanorama. In den Tälern sind Prozessionsgruppen mit Fahnen und Ikonen zu Bergkapellen unterwegs, deren rote Kuppeln wie Spielbälle in der kargen Bergwelt leuchten. An einem Felsmassiv haften die weiß, blau und ocker getünchte Häuser von Olymbos.

Kapelle in der Bergwelt von Olymbos
Am Ortsrand weisen Mädchen in prunkvollen Trachten den Weg in die “Oberstadt”. Wo Männer und Söhne ausgewandert sind, beherrschen Frauen das Alltagsleben. Heute haben sie ihre weiß-schwarzen Arbeitstrachten gegen farbenreiche Festtagsgewänder getauscht. In den Gassen herrschen Gedränge und Geschiebe. Auf der Bergspitze versammeln sich vor der großen Kirche Frauen in farbenprächtigen Festtagsgewändern. Die Älteren sind in schlichte schwarze Kleider gehüllt, auf denen sie bunte Schürzen oder Westen mit Blumenmotiven und Schmuckbändern tragen. Stickereien verzieren die Kopftücher und breiten Tallienbänder. Als Zeichen ihres Wohlstandes tragen unverheiratete Mädchen auf Kopf und Brust zusätzlich oft kiloschwere Goldketten und Münzen. Immer dichter, immer farbenfroher wird die festliche Versammlung der stolzen Frauen von Olymbos.

Osterdienstag versammeln sich festliche
gekleidete Frauen auf dem Kirchplatz
Zu ihren Füßen unterhalb der Kirchentreppe spielen Familien ein typisches griechisches Osterspiel. Tock, tock, schlagen Vater und Sohn zwei rotbemalte Eier aneinander. Das Ei in der Hand des Jungen splittert nicht, was Glück und einen freien Wunsch bedeutet. Junge Burschen bauen Tische und Stühle auf, während das Summen osteuropäischer Fernsehkameras ahnen läßt, dass das Bilderbuchdorf und seine folkloristische Kulisse bald auch für Bulgaren und Tschechen ein Reisetipp wird. Die fast vollzählig versammelten Einwohner verfolgen das mediale Treiben mit reservierter Gelassenheit. Damit das Brauchtum in den Bergen von Karpathos überlebt, solle es bei den wenigen anspruchslosen Quartieren und einem Linienbus bleiben, der am frühen Abend Ausflügler zum Schiff nach Diafani zurückbringt.

Tock, Tock, wessen Osterei geht nicht kaputt?
Aus einer Seitenstraße nähert sich jetzt eine Prozession. Männer mit schwitzenden Gesichtern tragen huckepack schwere Ikonen die Stufen hinauf zum heiligen Platz vor die Kirche. Andere bahnen dem frommen Zug ein Spalier durch die Menschentraube. Auf den Tischen stehen Wein und das süße Ostergebäck “Tsoureki”. Nach den Männern bewegen sich Frauen und Kinder ehrfürchtig an den aufgestellten Gottesbildern vorbei zum Dorfpriester, der die Osterbotschaft verkündet.

Prozzesion in steilen Gassen. Gläubige kehren mit
schweren Ikonen von Friedhoffeiern zurück ins Dorf
Als später Musikanten ihre Instrumente wieder einpacken, kriechen erste Schatten über die sonnenwarmen Steine.
Aufbruchstimmung macht sich breit, das kleine Dorf scheint Luft zu holen. Auch die mit Videokameras und Fotoapparate behängten Touristen verlassen allmählich die Mauern, Treppen und “Logenplätze” auf den flachen Hausdächern. Zwei Stunden bleibt noch Zeit, die der Meerseite zugewandten Dorfpfade zu durchstreifen. In der Taverne unterhalb der Windmühlen kann man die Aussicht über die wildromantischen Gebirgstäler genießen, und dabei die köstliche “pita” (Spinat- und Käsetaschen) probieren.

Die Windmühlen sind das Wahrzeichen von Olymbos
Die röhrende Bussirene ruft zur Rückfahrt. Geschickt lenkt der Fahrer seinen Oldtimer zwischen Felswand und Abhang in die richtige Position. Auf den staubigen Omnibus hat eine Kinderhand große Buchstaben gekritzelt: “Kalo Paska pano Karpathos.” Frohe Ostern auf Karpathos.
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