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Was sagt uns das Orakel?

Fragen und Gedanken in den Ruinen von Delphi

Text: Jule Reiner / Fotos: Jürgen Lecher

Tausende Pilger besuchten die Orakelstätte von Delphi in vorchristlicher Zeit. Heute sind es täglich nicht weniger Touristen, denen die Besichtigung der Ausgrabungsstätte als Höhepunkt einer Griechenlandreise gilt. Berühmtheit hat ihren Preis, aber auch ihr innerstes Geheimnis.

Griechenland Delphi Säule

Die wichtigste Maxime der griechischen Philosophie schmückte einst in goldenen Lettern den Apollon-Tempel von Delphi: „Erkenne Dich selbst“. Ein hohes Ideal geht vom Namen des bedeutungsvollsten Heiligtums der Antike aus. Delphi galt den antiken Menschen vom 6. bis 4. Jh. v. Chr. als Omphalos, der Nabel der Welt . Keine neue Siedlung gründeten die alten Griechen, keine Kolonie wurde erobert oder ein neuer Krieg angezettelt, keine Schlacht geschlagen, ohne zuvor im Heiligtum des Apollon die Priesterin Pythia zu befragen und ihren Orakelspruch entgegen zu nehmen. Und das „Erkenne Dich selbst“ zeugt von der frühesten menschlichen Bemühung, die Welt zu gestalten und Kultur zu begründen. So geht der weise Spruch als Motto mit auf den Weg zur Tempelstadt.

Griechenland Delphi Theater

Harmonisch eingebettet: das Theater

Auch Apollon, der erste der Unsterblichen und strahlender Gott, wird die wilden Schluchten des Parnass-Gebirges genommen haben und kam nach Krisa, das heute Chrysso, Gold heißt. Dort wendet sich der Parnass jäh nach Westen und zwischen zwei riesigen Felsen, von denen einer gewaltig über ein weites Tal hängt, begründete er Delphi. Es liegt dort eingebettet wie ein Tagtraum und schaut über Abhänge voller Wildblumen auf einen saphirblauen Zipfel des Golfs von Itea. Im Tal wogen Millionen Olivenbäume dicht und bewegt wie Meeresbrandung, wo einst die Ägäis viel weiter in den Taleinschnitt reichte und die antiken Delphipilger mit ihren Booten festmachten. Dann wartete harte Arbeit auf sie. Denn vor der Erkenntnis liegt ein steiler, schattenloser Berg.

Kryptische Orakelsprüche

Heute werden die Hundertschaften an Buspilgern direkt vor der Pforte des Heiligtums geparkt und der große Bogen der Asphaltstraße zwischen den beiden Bergflanken zerschneidet das einst vollständige Ensemble in eine untere und obere Besichtigungsstätte. Und nicht der liebreizende Kanon eines natürlichen Gesangs aus Vogelstimmen und Grillenzirpen, wie es in alten Schriften heißt, hallt zwischen den Steinen, sondern ein unzusammenhängendes Potpourri aus internationalen Sprachfetzen.

Griechenland Delphi Apollon-Tempel

Der Apollon-Tempel

Wo aber mag der Omphalos, der Nabel und Stein des Orakels gelegen haben? Pythia, die Hohepriesterin soll dort in eine Erdspalte getaucht sein, sich darin an Gasen berauscht und Lorbeerblätter gekaut haben, ehe sie in Trance fiel und alsbald kryptische Orakelsprüche ausstieß. Ihr zur Seite stehende Priester schrieben sie auf Steintäfelchen, ordneten und deuteten sie, solange bis göttliche Vernunft aus ihnen sprach.

Jetzt wirkt Delphi allein durch seine ungeheure Harmonie. Die Schatzhäuser, wie sie sich stolz und zugleich lässig um die Reste des Apollon-Tempels gruppieren. Das Amphitheater wie es auf das Tal geöffnet liegt und das Licht einfängt, während die Abhänge des Parnass die grandiose Kulisse für epische Stücke abgeben. Kühne Bauformen sind dem Leichten zugestellt, das bombastische der Säulen wird durch ihre Schlankheit aufgefangen. Durch die genial gewählte Einfassung zwischen den Bergwänden befindet sich alles im Dialog miteinander. Nur Pythia schweigt.

Griechenland Delphi Tholos

Versteckt und mystisch: Tholos

Welche Faszination das antike Heiligtum für die Pilger bot, sieht man erst im kleinen Kulturzentrum des heutigen Städtchens Delphi. Dort hängt ein Gemälde, das minutiös nachempfindet, wie Delphi seine Besucher betört haben muss. Eine orientalische Vision von Schloss Camelot oder der Einzug nach Jerusalem käme dem gleich. Fackeln und Lichterglanz, Portale mit marmornen Löwen, ein monumentaler Pegasus aus Gold, asiatische Gottheiten, Statuen der Isis. Ein Wunderreich.

Auf der Suche nach dem Mysterium

In Neu-Delphi hingegen ist jedes Hotel und jede Taverne so groß, dass ein Reisebus in sie hinein passt. Alle haben eine Terrasse, die hinunterschaut ins Tal der brandenden Olivenbäume und weit über die dunklen Silhouetten der Parnassausläufer. Wundervoll, aber eine ganz und gar heutige Landschaft. Genießen die Bewohner hier doch in lauten Gesten die Vorzüge des Besichtigungsgeschäfts wie schon die alten Delphier vom Ansturm der Pilger profitierten. Doch muss der archaische Ort noch irgendwo sein Geheimnis hüten, so wie das bei allen griechischen Tempelstätten gilt, wenn man sie länger und eher absichtslos erkundet.

Und so muss man auf der Suche nach dem Mysterium auch unterhalb des Asphaltbands ins Tal wandern. Dort liegt in dichtem Grün auf einer Bergterrasse versteckt das Heiligtum der Athena Pronaia, der Urtempel Delphis. Zusammen mit einem Wächter und seinen beiden Hunden bleibt man hier lange allein vor der Tholos sitzen, einem Rundbau mit Säulengang von unglaublicher Ausgeglichenheit.

Griechenland Delphi Drei Säulen der Tholos

Die drei Säulen der Tholos

Er müsse gut Acht geben, dass hier nicht ein einziger Stein mitgenommen wird, sagt der Wächter. Und das ist verständlich. Denn die Tholos, einzigartig elegant mit drei erhaltenen Säulen und reich verziertem Dachfries, sorgsam in die Landschaft gefügt, zieht augenblicklich in ihren Bann. Und wächst da nicht wilder Lorbeer über die Böschungen. Kann sie nicht hier ihren Ratschluss gehalten haben, Pythia wie sie berauscht von ätherischen Ölen aus dem Innern des Tempels hervortritt und den berühmtesten ihrer Orakelsprüche sagt: „Immer mit Maß.“ Ganz nebenbei war dies der erste demokratische Gedanke der Weltgeschichte.

 

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