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Grenada im Überblick

1782 soll es gewesen, als der renommierte Botaniker und Berater des englischen Königshauses, Sir Joseph Banks, ein krummes Ding in Auftrag gab, nämlich auf der anderen Seite des Erdballs, auf den damals niederländischen, heute indonesischen Molukken, den „Gewürzinseln“, Setzlinge, Samen und Früchte des Muskatnussbaums zu rauben und nach Grenada zu schmuggeln, um das „Gold Ostindiens“ auch in Westindien heimisch zu machen und obendrein das niederländische Monopol zu brechen. Beides gelang.

Heute deckt das kleine Grenada etwa 20 % des Weltbedarfs an Muskatnüssen, den Rest besorgen wie ehedem die Molukken, die legendären „Gewürzinseln“, die das eigentliche Ziel der ersten Reise von Christoph Columbus waren. Grenada nennt sich stolz „Isle of Spice“, Gewürzeiland, oder auch „The Spice of the Caribbean“ und das mit Fug und Recht, durchweht die Insel doch der Duft von Zimt, Gewürznelken und Piment, Ingwer und eben Muskatnuss, Grenadas Hauptexportprodukt, das sogar die Nationalflagge ziert. Wie und wo die würzige Nuss wächst, wie sie geerntet, sortiert, getrocknet und bearbeitet wird, dass sie nicht nur in der Küche Verwendung findet, sondern auch in der  Volksmedizin, als Aphrodisiakum, Rauschdroge und Hypnotikum – all das erfahren Besucher in einem der vielen Verarbeitungsbetriebe, die für Interessierte Führungen veranstalten. 

  Sauteurs Bay im Nordosten Grenadas

Sauteurs Bay im Nordosten Grenadas
Foto: © stormarn - Fotolia.com

Seit einigen Jahren hat der Tourismus als Haupteinnahmequelle des Landes und größter Arbeitgeber dem Gewürzgeschäft den Rang abgelaufen. Die Folgen der Hurrikans von 2004 und 2005 konnten durch ausländische Direktinvestitionen ausgebügelt werden, allerdings wirkte sich die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise auch auf den grenadischen Tourismussektor aus. 2009 und 2010 ging die Zahl der Besucher deutlich zurück.

Kreuzfahrttourismus soll Geld in die Kassen bringen. So entstand ein großer Pier, der vier Kreuzfahrtriesen gleichzeitig Platz bietet. Ob dieser Tourismuszweig, der für ein paar Stunden ahnungslose Menschenmassen durch die Straßen spült, auf Dauer für den Inselstaat einen Gewinn darstellt, ist freilich zweifelhaft. So setzt man auch auf den sog.  Ökotourismus, dem man zutraut, die touristische Entwicklung voranzubringen, doch bleibt auf diesem Feld noch viel zu tun. Gut im Geschäft dagegen ist der klassische Strand- und Wassersporttourismus. Mit mindestens 45 weißen und einer Handvoll schwarzen Sandstränden hat Grenada an seinen Küsten einige Perlen zu bieten, die keinen Vergleich mit anderen karibischen Destinationen scheuen müssen und die Grand Anse Beach wird gar zu den schönsten Stränden der Welt gezählt. Das Gros der Strände liegt im Südwesten der Insel.

Übergeht man die große Zahl der Kreuzfahrttouristen, die nur wenige Stunden auf der Insel verbringen, sind es pro Jahr um die 125.000 Besucher, die eine oder zwei Wochen das große Angebot an Hotels, Ferienhäusern, Villen und Restaurants in Anspruch nehmen. Es sind überwiegend Amerikaner und Engländer sowie karibische Nachbarn und 2.000 bis 3.000 Deutsche.

 Die Hauptstadt St. George's

Die Hauptstadt St. George's 
Foto © Achim Baqué - Fotolia.com

Sightseeing

Von den populären Stränden bis zur Hauptstadt St. George`s ist es nur ein Katzensprung. 
Die kleine Inselmetropole gilt als eine der malerischsten Hafenstädte in der Karibik mit einer langen Hafenbucht und im Halbkreis darüber die Hügel, gekrönt von den Festungen Fort George, Fort Frederick und Fort Matthew aus der französischen Kolonialzeit. Franzosen (zuerst) und nach ihnen die Engländer haben dem Stadtbild das heutige Gesicht gegeben. Französischer Landhausstil trifft hier auf georgianische und  viktorianische Ziegel- und Steinarchitektur und Holzbauten im traditionellen karibischen Stil. Betörende Düfte liegen über den kunterbunten Marktständen. Hier türmen sich auf den Tischen all die Köstlichkeiten, die der „Gewürzgarten der Karibik“ hervorbringt: Kakao und Pfeffer, Chili und Piment, Ingwer und Gewürznelken, Zimt und Papayas . . . 
Weiter draußen beginnt die Küstenstraße, die die Insel umrundet, linker Hand die See, rechter Hand die bewaldete Bergkette mit ihren kleinen Flüssen, Wasserfällen, dichtem Regenwald voller farbenprächtiger Orchideen.

Eine Abzweigung windet sich hinauf zum Grand Etang Forest Reserve. Es ist das größte  geschützte Naturareal der Insel mit Wasserfällen und gewaltigen Baumfarnen, Palmen, Hartholzbäumen. In seiner Mitte liegt ein Vulkankratersee. Oberhalb des Sees wurde ein „Welcome Center“ eingerichtet, das den Besuchern die Fauna und Flora der Gegend nahe bringt und Wandervorschläge unterbreitet – mit und ohne Führung – die von 30-Minuten-Kurztripps bis zu stundenlangen, anspruchsvollen Märschen reichen.

Weiter die Westküste hinauf, in Höhe der Palmiste Bay, führt ein holperiger, aber nur kurzer Weg zum Dougladston Spice Estate, einer historischen Pflanzung, die Gewürze anbaut und verarbeitet. Auf großen Trockentischen werden je nach Jahreszeit gewaltige Mengen von Kakaobohnen, Zimt, Piment, Gewürznelken u. a. ausgebreitet, um an der Sonne zu trocknen und im luftigen Haupthaus der ältesten Gewürzplantage Grenadas erfährt man, wie die hier angebauten Gewürze verarbeitet werden und welchen Nutzen sie haben. In der Nähe liegt das Städtchen Gouyave an einer besonders fischreichen Zone des Karibischen Meers. Was die See hergibt, lässt sich jeden Freitag, dem „Fish Friday“, erleben, wenn die Straßen gesperrt, Unmengen Verkaufsstände aufgebaut werden und zu karibischen Rhythmen Hummern, Thunfische und Königsfische verkauft oder gleich vom Grill verzehrt werden.   

 Frucht des Muskatnussbaums

Frucht des Muskatnussbaums
Foto: © boeth - Fotolia.com

Hoch im Norden der Insel, wo der rauhe Atlantik die meist stillen karibischen Gewässer aufwühlt, ragt die Felsklippe Leapers Hill empor, von der sich die letzten 40 überlebenden Kariben um das Jahr 1650 hinabstürzten, um nicht von den französischen Kolonialherren unterjocht zu werden. Ein nachgebautes Dorf und Fundstücke erinnern an ihr Schicksal. Die gut ausgebaute Straße führt nun einige Kilometer landeinwärts zum Plantation House Morne Fendue inmitten einer üppig bewachsenen Hügellandschaft, wo es sich nach Anmeldung in englischem Kolonialambiente gut karibisch speisen lässt. Richtung Küste  hat ein uralter, von Kokospalmen und Bananenstauden umstandener Vulkankrater sich mit Süßwasser gefüllt und beherbergt nun Fische und Krebse. Für Birdwatcher ist der kleine Lake Antoine wegen der vielen hier rastenden Zugvögel eine interessante Adresse. „Just around the corner“ lohnt die historische River Antoine Rum Distillery einen Besuch. 1785 wurde die Anlage erstmals erwähnt. Man wird Zeuge eines aufwändigen Prozesses, der mit Hilfe einer von einem Wasserrad angetriebenen Presse aus Zuckerrohr Zuckersaft gewinnt, der dann gefiltert, fermentiert, erhitzt und schließlich destilliert wird – ein „low-tech-Verfahren“, das seit Generationen nicht verändert wurde – und natürlich kann man den köstlichen Tropfen auch verkosten.

Grenville an der windigen, atlantischen Ostküste ist das nächste Städtchen am Weg. Bekannt ist es für seine Muskatnussverarbeitung. Der größte Betrieb dieser Art auf der Insel steht Besuchern offen, die hier alles über Grenadas Nationalfrucht erfahren können und falls sie am Sonnabend ins Städtchen kommen, wartet auch noch der quirlige Obst-, Gemüse- und Fischmarkt auf sie.

Noch schnell ein Blick in Laura`s Spice and Herb Garden, dann schließt sich der Kreis.  Wir sind zurück an den spektakulären Stränden auf dem südwestlichen Inselzipfel. Lauras Garten fasziniert mit seiner Vielzahl bekannter und unbekannter Nutz- und Heilpflanzen.  Besucher werden auf sehr angenehme Weise geführt, lernen Zimt, Gewürznelken, Piment, Lorbeerblätter und die dazugehörigen Bäume und Sträucher kennen, bekommen eine Vorstellung davon, wie Mangos, Kakaobohnen, Orangen und Annona-Frucht heranwachsen, wie Heilpflanzen gezüchtet und gegen Krankheiten eingesetzt werden.

 Annadale - Wasserfall

Annadale - Wasserfall
Foto © PHB.cz - Fotolia.com

Inselhüpfen

Zuerst kamen die Franzosen auf Grenadas Nachbarinseln, dann Engländer und Schotten, schließlich afrikanische Sklaven, die in der Plantagenwirtschaft (Baumwolle, Zuckerrohr, Limonen, Kakao, Kaffee) manchem europäischen Kolonialherren zu Reichtum verhalfen.

Das 34 km² große Carriacou nordöstlich der Hauptinsel Grenada verdankt seine Existenz vulkanischen Aktivitäten. Weit vorgelagerte ausgedehnte Korallenriffe schützen seine attraktiven Strände und wer sich gerne bewegt, kann durch die grüne Hügellandschaft wandern oder die reizvolle Unterwasserwelt tauchend erkunden. Es gibt keine großartigen Events auf Carriacou, geschweige denn auf Petite Martinique, dem stillen 2,4 km²-Eiland  kaum fünf Kilometer östlich der Nordspitze von Carriacou mit 800 bis 900 Einwohnern, die sich dem traditionellen Bootsbau und der Fischerei verschrieben haben. Nette Quartiere, auch für Anspruchsvolle, gibt es auf beiden Inseln und die Strände – Paradise Beach, Anse la Roche, Turtle Beach auf Carriacou und die Strandpartien auf der Luvseite von Petite Martinique – haben einen hervorragenden Ruf.

Von Grenada verkehren täglich Fähren und Kleinflugzeuge nach Carriacou. Das winzige Petite Martinique ist nur mit dem Boot zu erreichen.

Traditioneller Bootsbau auf Petite Martinique

Traditioneller Bootsbau auf Petite Martinique
Foto © laurent davaine - Fotolia.com

Chronik einer Karibik-Insel

Arawaks, deren ursprüngliche Heimat im Amazonasbecken lag, besiedelten um die Zeitenwende die ostkaribische Inselwelt. Jahrhunderte später gerieten sie unter die Dominanz der Kariben, einem kriegerischen, ebenfalls vom südamerikanischen Festland stammenden Volk. Mit ihnen kam Columbus wiederholt in Kontakt, so auch anlässlich seiner dritten Amerikareise (Mai 1498 – Nov. 1500), die ihn nach Tobago verschlug, das er „Bella Forma“ taufte, dann Trinidad („Dreifaltigkeit/Trinität“) umsegeln ließ und vermutlich in diesem Zeitraum (Juli/August 1498) wird er aus großer Entfernung die Insel Grenada gesichtet haben. „Concepción“ (Empfängnis) nannte er die Zufallsentdeckung. Ihre Bewohner gaben sich feindselig, an eine Suche nach Gold war nicht zu denken. So blieb Concepción/Grenada in den nächsten Jahrzehnten unbehelligt. Erst 1609 versuchten Engländer vergeblich, auf der Insel Fuß zu fassen. Auch die Franzosen waren nicht untätig. 1635 gründete Kardinal Richelieu die Compagnie des Iles d`Amérique, ein Instrument zur Förderung der französischen Expansion in der Karibik. Von den Basen der Compagnie in Martinique und Guadeloupe stießen französische Siedler um die Mitte des 17. Jahrhunderts u.a. nach Grenada, St. Lucia und dem heutigen Haiti vor. Derweil geriet die einstige Hegemonialmacht Spanien ins Hintertreffen, Briten und Franzosen machten den Fortgang der Ereignisse in der Karibik unter sich aus. An die neunzig Jahre stritten sie um den Besitz Grenadas, während deren Bewohner, die Kariben, zwischen alle Fronten gerieten und systematisch ausgerottet wurden. Ihre letzten Überlebenden, vierzig sollen es gewesen sein, begingen gemeinsamen Selbstmord an einer Klippe im Norden der Insel. 1650 entstand der Flottenstützpunkt Fort Royal, heute als St. George`s Hauptstadt Grenadas. Und die Plantagenwirtschaft hielt Einzug. Zuckerplantagen wurden zum Erfolgsmodell auf den englischen und französischen Karibikinseln – später kamen Tabak, Kakao, Kaffee, Baumwolle hinzu. Das anfängliche System der Kontraktarbeit wurde schnell fallen gelassen, als sich die Anschaffung afrikanischer Sklaven als weitaus billiger erwies. Die Sklavenhaltergesellschaften im karibischen Raum holten in der 300jährigen Geschichte des atlantischen Sklavenhandels rund 5 Mio. Schwarze aus Westafrika auf ihre Besitzungen.

1783, im Vertrag von Versailles, wurde Grenada (wie auch St. Kitts, Dominica und andere Inseln) den Briten zugesprochen. Doch kaum war das Abkommen unter Dach und Fach, rebellierten Grenadas Sklaven, beflügelt durch die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die französische Nationalversammlung 1789. Sie wurden angeführt von dem freien Mulatten und Pflanzer Julien Fédon. Für kurze Zeit übernahmen die profranzösisch eingestellten Aufständischen die Macht auf der Insel, dann schlug Britanniens Militär zurück und stellte die alte Ordnung bis zur Abschaffung der Sklaverei (1834) wieder her. 1877 wurde Grenada Kronkolonie, erhielt 1967 innere Selbstverwaltung und 1974 die Unabhängigkeit. 

In die Schlagzeilen geriet der Inselstaat 1983, als die reformorientierte sozialistische Regierung unter Maurice Bishop, die spürbare Verbesserungen im Bildungswesen, in der medizinischen Versorgung und im Wirtschaftssektor erreicht hatte, von Scharfmachern in seiner eigenen Bewegung New Jewel Movement entmachtet und Bishop ermordet wurde. Die USA nahmen die Vorfälle zum Anlass, eine weltweit heftig kritisierte militärische Intervention („Operation Urgent Fury“) zu starten, da sie eine „fortgeschrittene Kubanisierung“ Grenadas festzustellen meinten und überdies das Leben von 1.000 auf Grenada weilenden US-Bürgern gefährdet sahen. Nach dem Abzug der Amerikaner (1984) und bis weit in die 90er Jahre herrschte politische Instabilität im Inselstaat. Doch konnte sich Grenada seit Ende der 90er Jahre unter den Premiers Keith Mitchell und Tillman Thomas der außenpolitischen Bevormundung durch die USA entziehen und auch wirtschaftliche Erfolge verzeichnen.

Eckart Fiene

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