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Müllabfuhr im Paradies

Mit dem Fahrrad rund um Bora Bora

Französisch-Polynesien - Bora Bora

Text und Fotos: Sissi Stein-Abel

Der Name klingt wie Poesie. Bora Bora. Aber heute ist Montag. Das bedeutet: Müllabfuhr. Außerdem ankert ein Kreuzfahrtschiff vor der Hauptstadt Vaitape (1), die mit ihren 4000 Einwohnern eher ein Hauptdorf ist, und mindestens die Hälfte der Passagiere hat alle nur erdenklichen Aktivitäten an Land und zur See gebucht. So herrscht reger Verkehr auf der einzigen Straße, die sich um die Insel und ihre zackigen Vulkangipfel windet, zumindest auf den ersten fünf, sechs Kilometern beiderseits des Geschäftszentrums. Doch das rot gepunktete Bergtrikot der Tour de France ist übergezogen, die Fahrräder sind gemietet. Als die desinteressierte Angestellte mit der rauen Stimme in der Vermietstation ihre Zigarette zu Ende geraucht hat und die Formulare endlich unterschrieben sind, legen wir los zur Tour de Bora Bora.

Französisch-Polynesien - Bora Bora mit dem Fahrrad

Die Velos sind türkisblau, passend zur Lagune, die das Südsee-Paradies umgibt, und sie haben – jedes – einen Gang. Die Lenker ragen Harley-mäßig in den Himmel. Damit lässt sich zwar keine Bergwertung gewinnen, aber wenn man im Uhrzeigersinn um die Insel radelt, sind nur zwei Minianstiege zu bewältigen. Bei der Rundfahrt sind ohnehin eher gute Nerven als dicke Waden gefragt.

Alle paar Minuten überholen wir den Müllwagen und einen Tourbus, der seine Passagiere nicht nur an tollen Aussichtspunkten ausspuckt, sondern auch an sämtlichen Souvenirshops entlang der 32 Kilometer langen Strecke. Schwarze Perlen, Pareos, Postkarten. Die Leute wandeln umher, ohne nach links und rechts zu gucken. Wir denken und bremsen für sie.



Auch die Verfolgungsjagd eines kläffenden Köters überleben wir. Auf Bora Bora scheint es ebenso viele frei laufende Hunde zu geben wie Einwohner, und jeder könnte einem in die Wade beißen. Hier ist auf jeden Fall nicht bloß der Briefträger bei den Vierbeinern unbeliebt, und so manch ein Hund, der unter einer Kokospalme döst, fängt zu knurren an, wenn man vom Rad steigt und ein Bild macht.

Französisch-Polynesien - Bora Bora - Mt. Hue
Mt. Hue

Der erste Berg im Blick ist der 619 Meter hohe Mt. Hue, der in keinem Reiseführer erwähnt wird. Die Zwillingsberge Mt. Pahia (662 Meter) und Mt. Otemanu (727 Meter) dominieren Bücher, Phantasien und Fotos, aber nur von Vaitape aus sehen sie aus wie auf den Ansichtskarten. Es ist faszinierend, sie zu umkreisen und ihre an jeder Kurve wechselnde Form zu bewundern – als wären es immer neue Berge. Die malerische Kirche in Faanui (2) – protestantisch, wie fast alle auf Bora Bora – gibt einen knallig-pastelligen Farbklecks vor dem Dschungelgrün der Vulkanriesen ab. Danach steigen wir ab, um uns auf einer dieser schräg übers Wasser ragenden Kokospalmen in Szene zu setzen beziehungsweise zu legen und ein paar Meter hoch zu klettern.

Kurz danach werden wir ausgebremt. Plattfuß nach rund zehn Kilometern. Wir haben zwar kein Flickzeug dabei, aber ein Handy. Die vermutlich rauchende Frau am anderen Ende sagt, sie würde einen Mechaniker beauftragen, ein Ersatzrad vorbeizubringen. Aber die Zeit vergeht und kein Mensch in Sicht. Nicht einmal die Müllabfuhr. Beim zweiten Anruf sagt Madame, der Mann sei unterwegs, könne uns aber nicht finden. Wie bitte? Auf einer Ringstraße? Selbst wenn wir uns mit den Kilometern verschätzt hätten und er gegen den Uhrzeigersinn fahren würde, müsse er doch irgendwann an uns vorbeifahren... Wer weiß, was sie ihm erzählt hat. Wir warten und schwitzen im Schatten einer blühenden Hibiscus-Hecke.

Französisch-Polynesien - Bora Bora - Yves
Yves

Aus dem Haus gegenüber schallt laute Musik. Ein junger Mann in blumigen Bermudas kommt an den Zaun und fragt, ob er helfen könne und ob wir Durst hätten. Er heißt Yves und reicht uns eine Magnumflasche Mineralwasser über den Zaun. Er erzählt, dass er Musiker ist und schon in Neuseeland war, dass er auf Moorea geboren wurde und Moorea schöner sei als Bora Bora, aber Maupiti sei die schönste von allen Inseln Französisch-Polynesiens. Wir unterhalten uns über das Durchschnittseinkommen der Einheimischen und das Bruttosozialprodukt. Aus dem Hintergrund winkt uns seine schwangere Frau zu. Als er uns auch noch seine Telefonnummer gegeben hat und noch immer kein Fahrrad-Transporter eingetroffen ist, ruft er die Servicestation an und teilt dem verschollenen Fahrer die genaue Adresse unseres Standortes mit. Ach so, wir sind zwei Kilometer weiter als er dachte... Da kann die Suche schon mal eine halbe Stunde dauern...

Französisch-Polynesien - Bora Bora - Vairau Bay
Blick auf die Vairau-Bucht

Das Ersatzrad ist schwarz, aber solide genug, um sicher durch die Schlaglöcher auf einem kurzen nicht-asphaltierten Streckenabschnitt zu kommen. Unter dem roten Lehm ist an manchen Stellen das Korallenfundament der Straße zu erkennen. Hier geht’s steil hinauf zu einem großartigen Aussichtspunkt über die Vairau-Bucht (3), die im Gegensatz zu den türkisblauen und –grünen Buchten in dunklem Smaragdgrün schimmert. Unten am Strand ist der Marae Aehuatai zu erkennen, am Horizont der Mt. Mataihua (314 Meter) und der Popotei-Kamm. Eine lange Abfahrt führt hinunter nach Anau, das wie ausgestorben in der Mittagssonne glüht. Keine Menschenseele ist in diesem von einer schneeweißen Kirche dominierten Ort zu sehen, der aufgrund seiner Abgeschiedenheit der authentischste Fleck der Insel ist.

Französisch-Polynesien - Bora Bora - Kirche in Anau
Kirche in Anau

Kurz vorher, nördlich von Anau, öffnet sich der Blick auf die nur 72 Kilometer entfernten Schwesterinseln Raiatea und Tahaa. Von hier aus sind hoch droben am Fuß eines Felsabbruchs die Öffnungen zweier mächtiger Höhlen zu sehen, unzugängliche Grabstätten aus grauer Vorzeit. Links gammeln die Überreste des ehemaligen Club Med vor sich hin. Das Resort wurde nach einigen zerstörerischen tropischen Wirbelstürmen an einer geschützteren Ecke der Insel neu gebaut.

In den saftigen Wiesen am Straßenrand wachsen Zitronen, Orangen, Mandarinen, Französisch-Polynesiens berühmte Pampelmusen und Bananen. Die meisten Grundstücke sind von bunt blühenden Hibiscus-Hecken gesäumt, es ist eine Freude, an dieser leuchtenden Blütenpracht in Dunkelrot, Pink, Orange und Gelb gemütlich vorbei zu radeln.

Manch vermeintliche Überwasserbungalows in der Lagune auf der anderen Straßenseite sind gar keine Wohnhäuser, sondern Zuchtperlenfarmen mit offenen Böden. An den Planken sind Schnüre befestigt, an denen die Perlmuscheln wachsen. Am Horizont spannen sich die vorgelagerten Inselchen, die Motus, auf denen die teuersten Hotelresorts mit ihren weißen Bilderbuchstränden zu finden sind, wie ein Band um die Lagune.

Französisch-Polynesien - Bora Bora - Matira Beach
Matira-Strand

Versteckte Pfade führen zu den teils zerstörten, teils restaurierten Tempelanlagen der alten Polynesier, ebenso zu Kanonenständen aus dem Zweiten Weltkrieg. Die US-Amerikaner benutzten Bora Bora als Zwischenstopp auf dem Weg von Panama nach Australien. Auch an der Pointe Matira, Bora Boras populärstem und schönstem Strand, zweigt solch ein Weg ab. Es ist ein kurzer, aber schweißtreibender Bergauf-Marsch. Dann schon lieber ein erfrischendes Bad im badewannenwarmen Wasser der Traumlagune am Matira-Strand, der sich hinter der Zufahrt zum Hotel Intercontinental Beachcomber (4) verbirgt, direkt gegenüber der Imbissbude Roulotte Matira. Das Interconti gestattet jedem Besucher, die auf einer dornigen Grasfläche errichteten Umkleidekabinen, Duschen und Toiletten des Hotels zu benutzen.

Französisch-Polynesien - Bora Bora - Hotel Intercontinental Beachcomber
Hotel Intercontinental Beachcomber

Auch strategisch ist die Pointe Matira der perfekte Platz, um den Schweiß abzuspülen und in der Sonne zu dösen, bevor wir zum Endspurt unserer Radtour ansetzen, denn bis Vaitape sind’s von hier aus nur noch fünf oder sechs Kilometer.

Doch das Finish verläuft nicht reibungslos. Bei einem Sprintversuch einen Kilometer vor dem Ziel springt die Kette vom Blatt. Da sie nicht geölt ist, bleiben immerhin die Hände bei der Rückmontage fast sauber. Auf den letzten Metern überholen wir den Müllwagen. Ein klarer Sieg für die Ein-Gang-Radler.

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