Sète
Das Venedig des Languedoc
Text und Fotos: Hilke Maunder
Vom Wasser umgeben und von Kanälen durchzogen: Sète ist das „Venedig des Languedoc“. Mitten durch das Stadtzentrum zwischen Mittelmeer und Lagunensee zieht sich der Canal Royal, auf dem im Hochsommer das traditionelle Fischerstechen gefeiert wird.

Das traditionelle Fischerstechen
Ein Sommersonntag im August: Dicht an dicht drängen sich die Menschen am Quai de la Résistance, auf dem mehrere Tribünen aufgestellt sind. Sie blicken gebannt auf die beiden gondelartigen Boote, die sich – bewegt von je zehn Ruderern – in hohem Tempo im Canal Royal aufeinander zu bewegen. Am Bug der Barke spielen Musiker Tamburin und Oboe, auf der Tribüne an Land heizt eine Kapelle die Stimmung ein. Jetzt sind die beiden Boote nur noch wenige Meter voneinander entfernt. Auf der „Tintaine“, einer Plattform am Ende des Schwebebalkenträgers, macht sich der Fischerstecher („jouteur“) bereit für den Zweikampf. Vor seine Brust hält er schützend sein Schild, in der anderen Hand die 2,80 m lange Lanze. Beim „Passe d’Honneur“, dem Ehrengang vor jedem Zweikampf, kreuzen sich nur die Lanzen, doch dann wird die Stahlspitze auf den Gegner gerichtet und versucht, ihn ins Wasser zu stoßen. Er wankt, fängt sich wieder, und landet dann doch im Nass des königlichen Kanals. Das Publikum klatscht, die Kapelle spielt einen Tusch, und schon machen sich die beiden nächsten Teams bereit.
Seit 345 Jahren versetzt das Fischerstechen beim St. Louis-Fest Sète in einen Ausnahmezustand. Erstmals ausgetragen wurde es zur Gründung des Hafens am 29. Juli1666, und seitdem gehört es fest zu jedem Sommer in Sète. Erst seit dem 18. Jahrhundert ist es jedoch Tradition, dass bei den Turnieren die verheirateten gegen die ledigen Männer kämpften. Die Farben der Verheirateten war Rot, der Ledigen Blau – und kennzeichneten die Barken, als farbiges Band die Kleidung sowie die Lanzen und Schilde. Jedes Stadtviertel stellte dabei eigene Teams. Den Siegern der „Joutes“ ist Unsterblichkeit garantiert – seit Gründung des Turniers werden ihre Namen auf ein Schild eingraviert, das im Musée Paul Valéry ausgestellt wird.

Grand Canal
Sète ist eine Stadt vom Reißplan, auch wenn man es ihr heute nicht mehr ansieht, und wurde von drei Männern gemeinsam aus der Taufe gehoben: Paul Riquet brauchte einen Umschlagsplatz am Ende seines berühmten Canal du Midi, Ludwig XIV. einen Exporthafen samt Reede für die königlichen Galeeren – und Chevalier de Clerville fand den passenden Standort: die Landspitze von Sète.

Marina am Étang de Thau
Die Zufahrt am Mittelmeer sichert seit 1666 die 650 m lange Môle St-Louis. Die Verbindung zum Étang de Thau, und damit zum Canal du Midi gewährleistet seitdem der Canal Royal, der die Stadt bis heute teilt: in einen riesigen Hafenbereich und die quirlige, lebendige Ferienstadt rund um den Mont St-Clair. Hinauf auf den 183 m hohen Hausberg führt eine Autostraße und eine städtische Buslinie, hinunter zum Hafen ein Treppenweg mit 400 Stufen. An den Hang schmiegt sich das alte Quartier haut, das Viertel der Fischer und Lanzenstecher mit dem Cimétière Marin des französischen Dichters Paul Valéry (1871 - 1945) – er hat seiner letzten Ruhestätte 144 lyrische Zeilen gewidmet. Tunfischtrawler, Fischkutter und kleine Arbeitsboote sind am Quai Général Durand vertäut, landseitig die Restaurantmeile der Stadt. Ihre frischen Fische werden täglich bei der Criée in der Fischauktionshalle in einem atemberaubenden Tempo versteigert.

Fischtrawler an der Môle St-Louis
Die Strandbereiche erleben seit der Jahrtausendwende einen umfassenden Facelift. Für 25 Millionen Euro wurde die viel befahrene Straße nach Marseillan ins Hinterland verlegt und endlich Parkplätze an den Strandzugängen angelegt. Ergänzt von zwei Stadtstränden, bilden „La Baleine“, „Trois Digues“, „Jalabert“, „Castellas“ und „Vassal“, den zwölf Kilometer langen Lido von Sète, an den sich nahtlos die Strände von Marseillan anschließen. Als Gelenk zwischen Lido und City fungiert das neue Villeroy-Viertel mit Luxusapartments, Promenade und Fahrradweg am Meer. Unterhalten werden die zahlungskräftigen Gäste mit einem Sommerprogramm, zu dem Animation und Party am Strand und Aufführungen im Meerestheater, das sich zum Mittelmeer öffnet, ebenso gehören wie das traditionelle Fischerstechen.
Mekka für Austern-Fans

Austernbänke im Étang de Thau
Wie still ist dagegen der Étang de Thau, aus dessen spiegelglatter Wasseroberfläche die Seile und Tische der Austernzüchter ragen. 13.000 Tonnen Austern, zu 90 Prozent die pazifische Auster, werden in dem 21 km langen und 8 km breiten Binnenmeer kultiviert und topfrisch an seinen Ufern genossen. Am besten schmeckt sie in den einfachen Straßenlokalen von Bouziques und Mèze, wo junge Männer mit scharfen Austernmessern die Huîtres von mittags bis spätnachts öffnen, auf Pappteller oder Metallplatten stapeln, Algen und Eis darum drapieren, Zitrone, Essig und Mayonnaise in kleine Schälchen füllen, frisches Baguette in einen Brotkorb werfen und den kühlen Weißen „Picpoul de Pinet“ dazu servieren. Doch bis sie serviert werden, genießen die Einheimischen einen feinwürzigen, trockenen Wermut, der nur wenige Kilometer weiter westlich heimisch ist: einen Noilly Prat. Seit 1813 wird er in Marseillan nach dem Rezept der Firmengründer hergestellt, die ihm auch seinen Namen verliehen haben: Joseph Noilly und sein Schweigersohn Claudius Prat. Die Grundzutat bilden zwei Blancs de Blancs aus den Rebsorten Clairette und Picpoul de Pinet, die erst zwölf Monate im Eichenfass ruhen, ehe etwas einmaliges und ungewöhnliches in der Weinherstellung geschieht: Die Tropfen werden ein Jahr lang Wind und Wetter ausgesetzt – der sommerlichen Hitze, aber auch der Kälte des Winters. Wie die Jahreszeiten den Wein verändern, ist bis heute noch ein Geheimnis. Nach dem Wechselbad geht es für einige Monate zurück ins Trockene, ehe der Kellermeister in die Trickkiste greift. Er fügt dem Weinmix ein „Mistelle“ genanntes Destillat aus Samostrauben zu, rundet die Mischung mit Zironen- und Himbeersaft ab, lässt sie mit 20 Kräutern und Gewürzen flirten, rührt das Ganze einmal täglich um und verordnet dem jungen Noilly eine zehnmonatige Ruhe, ehe er gefiltert und auf die Flasche gezogen wird. A votre santé – so leicht und unbeschwert ist südfranzösische Lebenslust.