Beim Rotwein verstreicht die Zeit himmlisch langsam
Im Planetensystem von Saint-Emilion
Text und Fotos: Beate Schümann

Diesmal bleiben die berühmten Châteaux Pétrus, Ausone
und Cheval Blanc einfach links liegen. Denn am rechten Dordogne-Ufer, „rive
droite“, auf der noblen Seite im noblen Bordelais, genauer gesagt im
Libournais, kreisen im vinologischen Orbit der ganz großen Namen schließlich
noch ein paar andere helle Sterne, deren Anteil am Rotweinhimmel nicht zu
verachten sind.
Galaktisch gesprochen, gibt es im Libournais einen Sternenhaufen. Das kosmische
Bild erscheint vielleicht etwas abstrakt, hat aber Charme. Saint-Émilion
und Saint-Émilion Grand Cru sind die Sterne mit der größten
Gravitationskraft. In ihrer Umlaufbahn kreisen vier Satelliten, die sich
selbst so nennen: Montagne Saint-Émilion, Lussac Saint-Émilion,
Puisseguin Saint-Émilion und Saint-Georges Saint-Émilion. Zu
dem Universum gehören weiter die Trabanten Pomerol und Fronsac mit den
Asteroiden Lalande-de-Pomerol und Canon-Fronsac. In diesem starken Magnetfeld
der zehn Herkunftsgebiete gibt es so viele glänzende Châteaux,
dass die Qual der Wahl ebenfalls kosmisch ist. Als Reisender kann man hier
ohne weiteres nach den Sternen greifen.

Libourne, am Fluss
Die Stadt Libourne, die der Region den Namen gab, hat eine
Superlage an einer breiten Flussschleife. Um mir einen landschaftlichen Überblick von dem
Kosmos zu verschaffen und tiefer in die himmlische Materie einzudringen,
ist der Aussichtspunkt Le Tertre de Fronsac bei Château de Fronsac
ideal. Weit überziehen Rebstöcke die hügelige, sanft gewellte
Landschaft, mal getupft von einem Château, mal von einem Dorf. Unter
der Krume verbirgt sich das magisch durchmischte Puzzle aus Muschelkalk,
Lehm, Kies und Sand – ausnahmslos Top-Terroirs: das vinologische
Kapital des Planetensystems.
Aus der Geschichte ist bekannt, dass die Römer den ersten Wein anpflanzten
und dass zur Zeit Karls des Großen genau hier die Grenze zwischen England
und Frankreich verlief, ein ständig umkämpftes Gebiet. Einer der
Besucher sinniert laut, dass Grenzen auch heute noch verschoben würden.
Aber nur zwischen Rebstockreihen, nur unter dem alten Weinadel und als
Waffe nur das Portemonnaie.