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Zerfurcht von tiefen Schluchten

La Réunion: Wanderungen und Rutschpartien im Indischen Ozean

Text und Fotos: Volker Mehnert

In einer solchen Landschaft sollte man eigentlich keine Straßen bauen. Kleine Autos sind hier ein gerade noch akzeptables Gefährt, doch schon die Kleinbusse müssen in den engen Serpentinen manchmal rangieren. Steile Schluchten, senkrecht abfallende Felswände und bis zu dreitausend Meter hohe Berge machen die Insel La Réunion zu einer zerklüfteten, schwer zugänglichen Bergwildnis mitten im Indischen Ozean. Touristische Aktivitäten wie Wandern, Mountainbiken, Canyoning, Wildwasserfahren oder Gleitschirmfliegen werden in einer solchen Umgebung beinahe zu regulären Fortbewegungsarten.

La Réunion Schluchten

Wir haben uns hauptsächlich zu Fuß durch die grandiose Berglandschaft des französischen Übersee-Departements bewegt. In zehn bis vierzehn Tagen könnte man die gesamte Insel durchqueren, die schönsten und ungewöhnlichsten Wanderungen aber führen in den Cirque de Mafate (Foto unten), einen riesigen Talkessel, der aus der vulkanischen Entstehungszeit von La Réunion übriggeblieben ist. Hier hinein führt nicht einmal eine Straße, so dass die Wanderpfade die einzige erdgebundene Möglichkeit für Bewohner und Besucher sind, die verschiedenen kleinen Dörfer zu erreichen. Der Kessel ist von tiefen Schluchten zerfurcht und in vielen Teilen völlig unzugänglich. Aber dort, wo man hinkommt, hat man fabelhafte Ausblicke auf eine saftig grüne Hochgebirgslandschaft, wie man sie in den Tropen gar nicht vermuten würde.

La Réunion Wanderpfad

Kein Auto, keine Straße

Über einen Grat, den Col des Boeufs, erreichen wir den Cirque de Mafate, doch ist zunächst wenig davon zu sehen. Eine Wolkendecke hat sich hier auf fast zweitausend Meter Höhe eingenistet, so dass wir durch eine eher nordisch rau anmutende Bergwelt stapfen. Beim Abstieg aber erkennen wir, dass wir uns in den Tropen befinden: Riesige Farne und Tamarinden stehen am Wegesrand, die bizarr gewachsenen Baumstämme sind mit Moos überzogen, von den Ästen hängen die Flechten wie lange Bärte herab.

La Réunion Wanderer

Bergauf und bergab durch die tropischen Schluchten

Der Pfad ist hervorragend gepflegt, mit Holzplanken über sumpfige Stellen, mit querliegenden Baumstämmen und steinernen Stufen. Nicht nur dies, sondern auch die Steilheit der Felswände, an denen die Pfade entlang laufen, erinnern an die Inkawege in Bolivien und Peru.

La Réunion Wandern in den Wolken

Nach und nach lichtet sich das Wolkendickicht, es wird wärmer, später sogar heiß. Genau so haben wir es erwartet in der Nähe des zwanzigsten Breitengrades. Wir schauen hindurch auf Stücke des blauen Himmels und nehmen wahr, in welch aufregender Landschaft wir uns bewegen. Die Felswände gegenüber scheinen fast senkrecht aufzuragen, und dennoch hat sich darauf eine üppige Vegetation angesiedelt. Hier und da ist ein Wasserfall zu erkennen. Es ist still, die vollkommene Abwesenheit von Verkehrslärm ist eine ungewohnte, aber höchst angenehme Begleiterscheinung.

Unten angekommen, im Dorf La Nouvelle, lassen wir uns Geschichten erzählen. Ein Ort, an dem es keine Autos gibt, nötigt den Einheimischen viel mühevolles Marschieren ab, doch daran sind sie gewöhnt. So ist die Rede vom Briefträger, der vier Tage benötigt, um die wöchentliche Post im Talkessel zu verteilen. Von dem Fußballspieler, der anderthalb Stunden braucht, bis er zum Fußballplatz kommt, dann neunzig Minuten spielt und schließlich wieder den Rückweg antreten muss. Von den tausend Kleinigkeiten des Alltags, die alle auf dem Rücken in den Talkessel geschleppt werden müssen. Oder von den Kindern, die jeden morgen einen so langen Schulweg über einen Bergrücken haben, dass sie von ganz allein zu hervorragenden Ausdauersportlern werden. Die Geschichten klingen gut, und manche mögen auch wahr sein. Einiges aber scheint der Vergangenheit anzugehören, denn kurz vor Sonnenuntergang fliegt ein Hubschrauber ein, der den Bewohnern wohl die beschwerlichsten Gänge abnimmt.

Der Vulkan ist gutmütig

Am nächsten Morgen geht es dann bergauf, wieder hinaus aus diesem so weltabgeschiedenen Tal. Der Anstieg strengt an und raubt den Atem, sicher, aber die Ausblicke sind wieder und wieder ebenfalls atemberaubend, so dass wir regelmäßig stehen bleiben, um das Panorama zu genießen.

La Réunion Berglandschaft

Immer wieder: Berge, Wolken, Sonne

Hätten wir mehr Zeit, könnten wir auch noch die beiden anderen Talkessel erwandern, den Cirque de Cilaos und den Cirque de Salazie, die zwar mit einigen kühn verlegten Bergstraßen erschlossen sind, die aber dennoch ähnlich hervorragende Wandermöglichkeiten bieten wie der Cirque de Mafate.

Eine völlig andere Wanderlandschaft bietet die Region um den Piton de la Fournaise, den immer noch aktiven Vulkan im Süden der Insel, der regelmäßig kleine und große Lavaströme aus sich herauslässt, dessen Gipfel man sich aber trotzdem nähern kann. Es ist ein gutmütiger Vulkan, der viel grummelt, aber nicht explodiert.

La Réunion Vulkan

Kahle Mondlandschaft am Vulkan La Fournaise

Im Unterschied zu den anderen Teilen der Insel findet man hier eine kahle Mond- und Wüstenlandschaft, die ihren ganz eigenen Charme entwickelt, in der sich aber auch die Hitze der Tropen staut. Man muss deshalb früh am Morgen zur Wanderung aufbrechen, um die höchsten Temperaturen zu vermeiden und um den Vulkan ohne das Wolkenband zu erleben, das er sich zur Mittagszeit meistens umlegt.

Abseilen im Canyon

Wasserfälle sind keine Spazierwege. Aber in den steilen Abhängen des Cirque de Cilaos sind sie manchmal tatsächlich der schnellste und bequemste Weg, um bergab zu gelangen. Die spaßigste und für Anfänger zunächst auch aufregendste Art des Abstiegs sind sie allemal. Canyoning heißt diese Art der Fortbewegung neuerdings, und am schönsten ist es, wenn - wie auf unserer Tour - eine Reihe von Wasserfällen direkt aufeinander folgt. Zum Einstieg trafen wir auf eine kurze, enge Schlucht, in der wir uns beinahe geborgen fühlten. Der nächste Wasserfall war dann schon etwas höher und steiler, und von hier aus ging auch der Blick weit hinaus auf die gegenüberliegende Bergkette, an der sich - wie hier üblich - wieder einige Wolkenschleier malerisch festgesetzt hatten.

La Réunion Schattenspiele

Doch für den Ausblick hatten wir in diesen Minuten nicht so viel Sinn, denn das Abseilen im Wasserfall erfordert volle Konzentration: Das Festmachen und Verknoten der Seile und das Sichern mit den Karabinerhaken dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Diesen Abhang überwinden wir zu Eingewöhnungszwecken noch neben dem eigentlichen Wasserfall, der Körper bleibt trocken, und man kann sich in der trockenen Wand leicht die Stellen fürs Abstützen der Füße suchen. Beim nächsten Wasserfall aber beginnt der wirkliche Spaß des Canyonings, denn wir lassen uns einer nach dem anderen in der sprühenden Gischt in die Tiefe. Jetzt hat sich ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit mit dem Fels eingestellt, so dass wir auch im Wasser immer einen festen Punkt finden, an dem wir die Füße aufsetzen können.

Rutschpartie in die Tiefe

Am Schluss gibt es noch einen kleinen Leckerbissen für die inzwischen erfahrenen Abseiler: Es ist eine glatte Felsrinne, rund und ausgewaschen wie eine Rutschbahn. Und als solche nutzen wir sie dann auch. Diesmal geht es deshalb nicht mit dem Blick zum Berg in die Tiefe, sondern andersherum. Auf dem Hosenboden rutschen wir im rauschenden Wasser bergab und freuen uns wie die Kinder. Mit solchen Rutschpartien könnte es eigentlich weitergehen, doch irgendwann hört die Serie der Wasserfälle auf und wir müssen zu Fuß weiter. Wieder ist wandern angesagt, bevor wir unten im Tal einen Fluss erreichen.

La Réunion Strand

Wellenreiten: auch das geht auf La Réunion

Dort erwartet uns schon eine kleine Mannschaft mit Schlauchbooten und Kajaks, die uns über die Stromschnellen bringen sollen. Wie beim Canyoning gehören Neoprenanzüge und Helme zur unverzichtbaren Ausrüstung. Nach kurzer Einweisung stürzen wir uns mit den kleinen Booten in die Fluten, die vom Ufer aus eher harmlos aussahen, die direkt auf dem Wasser allerdings eine mächtige Energie entfalten.

La Réunion Markt

Zurück in die Zivilisation: auf dem Markt von Saint-Denis

Mal mit dem Strom, mal gegen den Strom paddeln wir aus Leibeskräften, um den größten Felsbrocken auszuweichen und um über kleinere einfach hinwegzurutschen. Anstrengung, Konzentration und Spaß vermischen sich bei dieser Art, sich durch das unwegsame Gelände zu bewegen. Ein Auto vermisst in diesen Tagen niemand.

Entdeckungen aus der Luft

Trotz aller Freude an den ursprünglichen Fortbewegungsarten erleben wir auf La Réunion noch einen Höhepunkt, den nur die moderne Technik bereitstellen kann. Während eines einstündigen Hubschrauberfluges über die Insel erkennen wir nämlich erst wirklich und im Überblick, durch welch grandiose Landschaften wir uns wie menschliche Ameisen bewegt haben, als wir unten am Boden unterwegs waren.

La Réunion Hubschrauber

Der Krater von La Fournaise aus der Hubschrauber-Perspektive

Erst aus der Luft sieht man, wie abrupt sich die Insel direkt aus dem Indischen Ozean herausreckt, wie der Vulkan die Landschaft beständig neu gestaltet, wie die Talkessel und die bis zu dreitausend Meter hohen Berge ein felsiges Konglomerat bilden, das einzigartig auf der Welt ist. Von oben erkennen wir auch manch Schwindel erregenden Wanderweg, den wir diesmal nicht begangen haben, den wir aber unbedingt für den nächsten Besuch vormerken müssen.

La Réunion Gebirgsfalten

Auskunft:
Informationen zum Wandern und zur allgemeinen Reiseplanung erhält man beim Fremdenverkehrsbüro La Réunion, Internet: www.la-reunion-tourisme.com.

 

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