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Mit der Ente durch die Provence

Text und Fotos: Beate Schümann

Sie ist kiesgrau, hat drollig runde Formen, ein aufrollbares Verdeck und steht abfahrbereit vor der Garage in Avignon (1). Unsere Miet-Ente ist ein gepflegter Citroen 2CV mit schmalen Reifen, aufgesetzten Scheinwerfern und 29 PS. „Sie besitzt bei uns unglaublich viel capital sympathique“, sagt Pascal Lieutaud. Der Autovermieter ist selbst ein Fan des Nostalgiemobils und hat fünfzehn Enten verschiedener Jahrgänge im Verleih. „Könnt ihr denn mit ihr umgehen?" fragt er scherzhaft. Die beiden Freundinnen nicken. Monsieur gibt vorsichtshalber eine Kurzeinweisung auf Französisch. Beim Thema Tanken kann er Englisch: „Ihr nehmt immer Essence 95 plus zwei Milliliter flüssiges Blei, sonst - catastrophe!" Er drückt uns zwei Schlüssel in die Hand. „Voilá, viel Spaß!"

Tour mit der nostalgischen 2CV durch die Provence. Beim Tanken achtgeben: nur 95 darf hinein plus 2 mm flüssiges Blei. Tankstelle im Dorf Banon

Beim Tanken achtgeben: nur 95 darf hinein plus 2 mm flüssiges Blei. Tankstelle im Dorf Banon

Schon das Einsteigen in den Oldtimer von 1978 ist eine Akrobatiknummer. Man klettert hinter das Lenkrad, das so groß wie beim Lkw ist, und versackt in weichen Sitzen, die gepolsterten Campingstühlen gleichen. Es wird auf der Fahrt Entbehrungen geben, so viel ist sicher: keine Zentralverriegelung, keine Klimaanlage, kein Radio, kein GPS, nur ein Seitenspiegel. Auch die frei drehenden Türgriffe erfordern Routine. Zündschlüssel rein und drehen. Ah, der Motor springt an. Das Geräusch definieren wir unentschieden zwischen maschinenhaftem Knattern und entenmäßigem Schnattern. Die Schaltung neben dem Lenkrad ist vom Typ Revolver mit schwarzer Billardkugel. Handbremse lösen, Blinker nach links, klack, klack. Mit Schluckauf tuckert der Zweizylinder-Boxermotor auf die Straße. Vive la France!

Vor der Stadtmauer von Avignon

Im waschechten Entensound schaukeln wir an der mittelalterlichen Stadtmauer von Avignon vorbei stadtauswärts. Alles wackelt, auch die Sitze. Wir sind so langsam, dass uns sogar Lkws überholen. Doch schon nach wenigen Kilometern gelangen wir zur Erkenntnis, dass der Döschewo kein Auto, sondern ein Lebensstil ist. Mit ihm ist man in Frankreich heute wieder eine auffällige Erscheinung. Man hupt und winkt uns freundlich zu.

Den Namen „Ente" für das Auto kennt hier niemand. Die Franzosen sagen Döschewo, was nichts mit Pferdestärken zu tun hat, sondern mit dem Kfz-Steuersystem. Als die ersten Modelle 1952 in Serie gegangen waren, kam das Kosewort „Titine" auf, was so viel wie „Schnuckelchen“ heißt. Citroen wollte einen billigen robusten Kleinwagen ohne Schnickschnack, einen Volkswagen für das ländliche Frankreich der Nachkriegszeit. Ein Korb voll Eier sollte die Fahrt auf einem holprigen Feldweg unversehrt überstehen. Auf das Aussehen kam es nicht an. Anfangs belächelt, fuhr die „Konservendose, Modell freies Campen für vier Sardinen“ bald mitten in die Herzen der Franzosen. Der 2CV gehörte zu Frankreich wie Baguette und Beaujolais noch heute. Der letzte lief 1990 vom Band. Heute hat er Kultstatus.

Ententour mit der nostalgischen 2CV in der Provence. Die Ente umgeben von Lavendelfeldern

Die Ente umgeben von Lavendelfeldern

Wir nennen unseren auch Titine. In Apt biegen wir auf die D22 und in die ländliche Alpes-de-Haute-Provence. Lavendelhaine in violetter Blütenpracht und Weinberge ziehen mit Tempo 60 an uns vorüber. Beim Schalten in den dritten Gang knirscht Titine missmutig. Sonst läuft sie wie ein geölter Blitz. Das Dach ist aufgerollt, das Fenster aufgeklappt, der Arm liegt lässig auf dem Türblech. Wir fühlen uns frei wie die Hippies der 70er Jahre mit offenen Haaren im Wind.

Die 2CV vor dem blühenden Lavendelfeld. Alpes-de-Haute-Provence, Frankreich

Noch am selben Abend sitzen wir bei Françoise Cavallo auf der Terrasse ihres restaurierten Bauernhauses, dem Maison d'Hôtes „Le Clos de Rohan". Umgeben von Lavendelfeldern, serviert die Hausherrin ein opulentes Fünf-Gänge-Menü. Damit wir uns gleich an Frankreichs beliebtestes Ritual gewöhnen. Am Morgen starten wir nach Simiane-la-Rotonde (2), das mit der Burg aus dem 11. Jahrhundert und dem Gassenlabyrinth verzaubernd schön ist. Auf dem wuchtigen Wehrturm bietet sich ein weiter Blick bis zum Hügel, auf dem die Zisterzienserabtei de Valsaintes und der Rosengarten von Jean-Yves Meignen liegen.

Zurück auf der Landstraße überholen wir mit leichtem Pedal ein paar Radrennfahrer, die ins offene Fenster lächeln und heben den Daumen. Bipbip – hupen wir zum Gruß. Doch es gibt auch die anderen, die Grand-Prix-Piloten, die im Döschewo ein Hindernis sehen. Uns gefällt Titines Geschwindigkeit, und wir genießen die gemächlich vorbeiziehenden Kiefern, Eichen und immer wieder Lavendel. Ein paar frisch gepflückte Stiele hängen jeden Tag am Rückspiegel. Der Asphalt flimmert. Die Hitze scheint uns zu verschlucken.

Banon (3) wirkt zur Mittagszeit wie leergefegt. An der Place Saint Just befindet sich die Librairie Le Bleuet, die eine der größten Buchhandlungen Frankreichs birgt, und das in diesem 1000-Einwohner-Dorf. Danach steuern wir die Fromagerie de Banon an, um den berühmten Ziegenkäse in Kastanienblättern zu probieren. Kräftige Schale, cremig-weicher Kern.

Der Übergang von lehmigen Böden und kalkhaltigen Hügeln zu den gebirgigen Hautes Alpes ist fließend. Einsame honiggelbe Landhäuser setzen sandfarbene Tupfer in grüne Weinhänge und gelbe Sonnenblumenfelder. Zypressen werfen lange Schatten auf schnurgerade Reihen von blauen Lavendelbüschen bis zum Horizont. Van Gogh hätte sofort zum Pinsel gegriffen.

Kurventechnik des Döschewo im Lure-Gebirge. Alpes-de-Haute-Provence, Frankreich

Kurventechnik des Döschewo im Lure-Gebirge

Am nächsten Tag wankt Titine auf der D113 schwungvoll ins Lure-Gebirge. Sie hat es schwer, auf Touren zu kommen. Wir halten und wandern zur Abbey de Lure (4). Vom Kloster aus dem 12. Jahrhundert steht nur noch die Kirche, aber die Mönche haben einen mystischen Platz gewählt, der heute von uralten Linden überdacht wird.

Donnerstags ist Markttag in Laragne-Montéglin (5). Auf den Ständen ist die ganze Sinnenfreude der Provence ausgebreitet. Sonnenreifes Gemüse, erstgepresstes Olivenöl in grünen Flaschen, Tapenaden, der köstliche Brotaufstrich aus Oliven, Provence-Weine in großer Auswahl, Lavendelhonig, Thymian und Rosmarin. „Ein Ziegenkäse aus Banon?" flötet die Verkäuferin im provenzalischen „akßang". Fürs Picknick noch ein Baguette, ein Tomme de Montagne, ein Kuhkäse, und Oliven aus Drôme. Die betörenden Düfte des Midi begleiten uns zur Schlucht Gorges de Méouge, wo bei den Wasserfällen ein Bade-Stopp mit kulinarischer Pause fällig ist.

Döschewo im Bergdorf Upaix geparkt, mit Alpenpanorama. Hautes-Alpes, Provence, Frankreich

Döschewo im Bergdorf Upaix geparkt, mit Alpenpanorama

Über Nacht sind wir im Maison d'Henriette. Auch bei Madame Martinez ist es unter sechs Gängen nicht zu machen. Nach dem reichhaltigen Frühstück mit Croissant, Confiture und Café au Lait zeigen sich außerhalb von Laragne-Montéglin schon die Südalpen. Vorbei an Obstplantagen, Kirschbäumen und Heuballen schwingt sich Titine über die Piste und watschelt über die Bremsschwellen in den Dörfern. In dem urigen Bergdorf Upaix parkt vor der Kirche eine Ente! Ein älteres Liebhabermodell, das wir genau unter die Lupe nehmen. Der stolze Besitzer kommt dazu. Mit 77 Jahren hat er sich den Traum erfüllt: sein erster Döschewo, Baujahr 1969.

Ein paar Kurven später beginnt einer der schönsten Streckenabschnitte: die Bergdörfer Montmaur (6), Châteauneuf-d’Oz und St-Auban-d‘Oz. Es wird Abend, als wir das Dorf Le Saix erreichen. Stockrosen blühen, die weißen Berge bilden eine markante Kulisse. Auf dem Dorfplatz werfen Männer im Schatten der Platanen die Boules, eine Form des Müßiggangs, die Provenzalen partout als Sport verstehen. Nach der Pause im Café streikt Titine. Die Boulespieler eilen freudig zu Hilfe. Schließlich können alle Franzosen um die 60 einen 2CV reparieren.

Alle 60- und 70-Jährigen in Frankreich können den 2CV reparieren. Im Bergdorf Saix, Hautes-Alpes, Provence, Frankreich

Alle 60- und 70-Jährigen in Frankreich können den 2CV reparieren. Im Bergdorf Saix

Es geht zurück nach Avignon. Die Gebirgsstraße D994 führt durch aufregende Schluchten. Titine meistert bravourös alle Steigungen, rast tapfer bergabwärts. Die Grande Nation hat ein großartiges Automobil hervorgebracht. In Avignon fahren wir an der berühmten Brücke vorbei und sehen noch einmal die imposante Stadtmauer. Blinker nach rechts, ein letztes Klack-klack und wir halten vor ihrer Garage. Ente gut, alles gut.

 

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