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Die grüne Schwester von Venedig

Im Holzboot durch das Sumpfgebiet im französischen Marais Poitevin

Text und Fotos: Dominik Ruisinger

16.000 Hektar umfasst die verwunschene Landschaft im westfranzösischen Dreieck zwischen La Rochelle, Poitiers und Niort. Als 'Grünes Venedig' wird sie gepriesen. Und ohne ein „baté“, wie das vorne breit und hinten spitz zulaufende Boot genannt wird, kommt hier niemand aus.

Frankreich Poitou Wasserallee

Wasserallee im "grünen Venedig"

„Ich war fünf Jahre alt, als ich zum ersten Mal im Boot saß", erzählt Jacques, als er unsere schwarze Holzbarke von der Anlegestelle abstößt. „Mein Schulweg betrug vier Kilometer. Zwei davon per Boot. Denn außer Kanälen gab es in diesem Gebiet nichts." Heute ist Jacques v über siebzig Jahre alt. Und nur wenig hat sich an der Bedeutung der Wasserwege in seiner Heimat, dem Marais Poitevin, geändert.

Ein Gondoliere im Sumpf

Wie ein venezianischer Gondoliere manövriert Jacques das flache Boot durch das wildverzweigte Netz der Wasserläufe. Auf dem spitzen Heck stehend, taucht er sein Paddel, die „pigouille“, ein und wieder aus.Lautlos gleiten wir so durch einen grünen Teppich aus winzigen Wasserlinsen, die bei Wärme aus der Tiefe emporsteigen. Rechts und links säumen Eschen, Pappeln, Weiden und meterhohes Schilf die kleinen Kanäle, „conches“ genannt.

Frankreich Poitou Gondoliere

Der "Gondoliere" zwischen Eschen, Pappeln und Weiden

Armdicke Wurzeln umgestürzter Bäume ragen ins Wasser, meist gefällt von Stürmen, die der nahe Atlantik hereinpeitscht. Unter dem grünen Gewölbe der schattenspendenden Bäume schimmern fruchtbare Parzellen durch, auf denen Artischocken, Zucchini, Kürbis und vor allem „mojettes“, die schmackhaften weißen Bohnen, gedeihen. Plötzlich erhebt sich vor uns ein Fischreiher mit schweren Schwingen aus dem Wasser. Uns vorausfliegend zeigt er den Weg durch das Wasserlabyrinth.

Rund hundert Kilometer Länge umfasst dieses wilde Geflecht aus Gräben, Wasserläufen und Rinnen. Überall lässt sich halt machen. Ob an Picknick-Arealen oder in schmucken Dörfern wie Arçais, Damvix oder Coulon, dem Zentrum des Marais. Malerisch säumen die typisch niedrigen Häuser, weiß gekalkt und mit bunten Fenster-läden, den Kai, wo sich, wie überall in der Region, Kanus oder Boote leihen lassen.

Frankreich Poitou Sumpflandschaft

Die Geheimnisse des Marais

„Nehmt euch einen Guide", hatte Jean-Pierre vom historischen Museum Maison du Marais Mouillé empfohlen. „Nur so werdet ihr den Geheimnissen des Marais auf die Spur kommen." Er sollte Recht behalten. Jacques kennt die Moorlandschaft wie seine Westen-tasche, gehörte er doch zu den ersten Guides, die vor dreißig Jahren durch das heutige Naturschutzgebiet führten. „Ich bin hier im Wasser praktisch aufgewachsen", lächelt der braungebrannte Gondoliere, bevor er die lange Geschichte des Marais erzählt.

Einst eine Meeresbucht mit verstreuten Kalksteininseln, siedelten sich im frühen Mittelalter Klöster und Ortschaften an. Noch heute erinnert die Ruine der Benediktinerabtei in Maillezais an diese Zeit. Als das Meer langsam zurückwich, begannen die Mönche mit der Trockenlegung des Sumpfgebietes. Heinrich IV. legte schließlich im sechzehnten Jahrhundert die Basis für die zwei Gesichter des Marais.

Allein mit der Natur

Im Marais Desséché ließ er das Feuchtmoor durch Kanäle, Deiche und Schleusen austrocknen. Noch heute schützen sie das fruchtbare Acker- und Weideland und die weitläufigen, bis zum Atlantik reichenden Getreideflächen vor Hochwasser und Fluten. Im reizvolleren Marais Mouillé dauerte es bis ins neunzehnte Jahrhundert, als man ein Netz aus Gräben, Kanälen, Dämmen und Schleusen erbaute. Zu beiden Seiten des Flusses Sèvre Niortaise entstand eine wundervolle Kanallandschaft, die der hiesige Journalist Henri Clouzot 1930 auf den Namen „Venise Verte“ taufte. Ein Titel, der sich bis heute bewahrt hat.

Frankreich Poitou Haus

Leben am Kanal

Immer tiefer dringen wir in diese verwunschene, stille Welt ein. Nur das leise Platschen der Stake und das Rascheln der silbrig glänzenden Pappeln ist zu hören. Die Sonne lässt das Wasser in einem zartgrünen Licht leuchten, während Sonnenblumenfelder die Ufer in eine gelbe Farbe hüllen. Ab und zu begegnen wir einem anderen Boot. Ein kurzes „Bonjour" - schon sind wir wieder mit der Natur allein.

Ein Sumpf ohne Stechmücken

Am Ufer drängen sich weißfellige Rinder. Eine Abzäunung benötigen sie nicht, ist die nächste „conche“ doch nicht weit. In der Stille der nahrungsreichen Wiesen haben auch Wildenten und Fischotter, Biber und Frösche, Falken und Zugvögel ihr Refugium gefunden. „Und Stechmücken?" Jacques schüttelt den Kopf. „Nein, glücklicherweise nicht. Ihre auf den Wasserlinsen abgelegten Larven werden sofort von Libellen und Fischen gefressen."

Frankreich Poitou Rinder

Der Marais als Rinderweide

Das 'Grüne Venedig' ist eine geheimnisvolle Welt, ein Ort der stillen Genießer wie der Gourmets. So tummeln sich im Süßwasser Zander, Hechte, Krebse und vor allem der Aal als wahrer König des Marais, die zusammen mit Schnecken in Butter, Lamm oder Krautwickel die Gaumen verwöhnen.

Zwar lässt sich das 'Grüne Venedig' ebenso per Fuß oder Rad erkunden, doch ist die Barke noch immer Fortbewegungsmittel Nummer eins. „Bis in die 1960er Jahre transportierten die Bewohner damit Holz und Ernte", erklärt unser Bootsführer die Bedeutung der breiten und stabilen Boote. „Sie jagten Fische, brachten ihre Kinder in die Schule oder das Vieh auf die saftigen Weiden - im Frühjahr hin und im Spätherbst wieder zurück."

Frankreich Poitou Stimmung

Abendliche Idylle am Kanal

Befand sich damals der Lebensrhythmus der Maraîchins fest in der Hand der Boote, sind noch heute viele Häuser nur über den Wasserweg erreichbar. So ticken die Uhren weiter im Takt der „pigouille“, mit der die Bootsleute den Kahn durch die Straßen staken. Kurz vor Ende der Route fahren wir unter einer kleinen Brücke durch. „Das ist unsere Seufzerbrücke", schmunzelt Jacques. Auch darauf müssen wir in der grünen Schwester des venezianischen Originals nicht verzichten.

Frankreich Poitou grünes Venedig

Mitten im "grünen Venedig"

Reiseinformationen zu Marais Poitevin

Anreise: Flug nach Bordeaux oder Nantes. Danach per Zug oder Wagen nach Niort. Boote lassen sich u.a. in Arçais, Coulon und Maillezais leihen.

Beste Reisezeit: Frühsommer und Herbst

Information:
ATOUT FRANCE – Französische Zentrale für Tourismus
Postfach 100128
D - 60001 Frankfurt am Main
E-Mail:  info.de@rendezvousenfrance.com
 www.rendezvousenfrance.com

Online-Links:
www.veniseverte.com
www.marais-poitevin.com
www.marais-poitevin.org

 

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