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Frankreichs katalanischer Winkel

Perpignan & Roussillon

Text und Fotos: Hilke Maunder

Überall flattert die rot-gelb gestreifte Flagge: Das Roussillon, ein altes Grenzland mit Burgen und Befestigungen zwischen Mittelmeer und Pyrenäen, ist stolz auf seine katalanischen Wurzeln. Vier Jahrhunderte lang war seine Hauptstadt Perpignan trotz wechselnder Machtverhältnisse Kapitale der Katalanen gewesen, ehe die Region mit dem Pyrenäenvertrag 1659 endgültig nach Frankreich kam.

Frankreich - Blick über Perpignan auf die Pyrenäen

Blick über Perpignan auf die Pyrenäen

„Perpinyá la catalana“ steht stolz auf dem Ortsschild: Auch 460 Jahren nach dem Anschluss an Frankreich setzt Perpignan (1) alles auf die katalanische Karte: Jeder zweite spricht hier im Alltag nicht Französisch, lebt und feiert wie die spanischen Nachbarn. Dienstag und Donnerstag abends trifft sich alt und jung auf dem mit rosa Marmor gepflasterten alten Markt der Tuchhändler, der Place de la Loge und tanzt die Sardana, den alten Reigen der Katalanen. Zu eigenwilligen Tönen und ungewöhnlichen Rhythmen bewegen sie ihre Füße in immer wiederkehrenden Schritten auf der Stelle. Dann heben sie plötzlich die Arme hoch und bilden eine Krone über den Kreis der Tanzenden. So unerwartet, wie das Spektakel begonnen hat, endet es auch – und die Menschen zerstreuen sich, verlieren sich im Gewirr der hohen, sanft erleuchteten Gassen. In den Bodegas fließt Vino Tinto, in den Restaurants begleitet schwarzer Reis, arroz negro, die Meeresfrüchteplatte.

Frankreich - Perpignan - Place de la République

Place de la République

Fast die gesamte Altstadt von Perpignan ist heute eine Fußgängerzone, umschlossen von einem Boulevardring mit unterirdischen Parkgaragen. Treffpunkt der Stadt und Start sämtlicher Stadtführungen ist das einzige Stück der alten Stadtmauer: Le Castillet, ein wuchtiger Ziegelbau mit katalanischem Heimatmuseum im Innern und Aussichtsplattform auf dem Dach. Gen Osten funkeln die schneebedeckten Bergspitzen der Pyrénées Orientales, gen Westen glitzert das blaue Band des Mittelmeers, gen Süden erhebt sich der Palau del Reis de Mallorca aus den Ziegeldächern der Altstadt.

Frankreich - Perpignan - Grabfeld des Campo Santo

Grabfeld des Campo Santo

Im 11. Jahrhundert hatten die seit der Karolingerzeit autonomen Grafen von Roussillon ihre Residenz nach Perpignan verlegt. Nach dem Tod des letzten Grafen erbte der König von Aragon 1172 das Gebiet, danach sein Sohn, der König von Mallorca. Bis 1344 blieb Perpignan die Hauptstadt des Königreichs von Mallorca. Für ihren geistigen Beistand und weltlichen Schutz errichteten die mallorquinischen Herrscher zwei Bauwerke, die heute zu Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt gehören: die Kathedrale Sant Joan Baptista (St-Jean-Baptiste), ein düsteres Gotteshaus mit winzigen Fenstern und dem riesigen Grabfeld des Campo Santo im Kreuzgang, und den kantigen Königspalast Palau del Reis de Mallorca (Palais des Rois de Majorque) – nach dem Pyrenäenfrieden ummantelten die Franzosen die gotische Residenz mit einer riesigen, sternzackigen Festung. Kirche und Königspalast vereint eine Besonderheit des Mauerwerks: Nicht nur große Steinquader, sondern auch Kiesel und Ziegel schmücken die Fassade.

Frankreich - Perpignan - Königspalast Palau del Reis de Mallorca (Palais des Rois de Majorque)

Königspalast Palau del Reis de Mallorca (Palais des Rois de Majorque)

Unter den Künstlern, die Perpignan besuchten, fühlte sich ein Katalane besonders wohl: Salvador Dalí. 1969 stand der Meister des Surrealismus in der Bahnhofshalle von Perpignan, stieß mit seinem Stock einige Mal auf den Boden und rief zu einer theatralischen Geste mit der Hand aus: „C’est le centre du monde!“ – Hier liegt das Zentrum der Welt. Sein Monumentalgemälde des Bahnhofs von Perpignan lässt sich heute in der Sammlung Ludwig in Köln bewundern.

Frankreich - Perpignan - Place Gambetta - roter Backstein dominiert im Herzen der Altstadt

Place Gambetta - roter Backstein dominiert im Herzen der Altstadt

Die Küste der Künstler

Die meisten Maler jedoch zog es nicht in die Stadt, sondern hinaus ans Meer mit seinem intensiven Licht und den leuchtenden Farben. Ihr Mekka wurde ein kleiner Fischerort an der felsigen Côte Vermeille: Collioure (2) . 1905 kamen Henri Matisse und André Derain und machten den einstigen Sardinenhafen zum Sujet der Fauvisten. Ihr Treffpunkt wurde eine Restaurantbar an der Hafenpromenade: Les Templiers. Ihr Besitzer René Pous gab sich auch mit Bildern zufrieden, sollte dem Künstler zum Begleichen der Zeche Bares fehlen, und hängte sie an den Wänden auf. Sein Sohn Jojo, längst auch ein weißhaariger Senior, führte die Tradition fort – heute sind selbst die Stiegen eine Gemäldegalerie. Der bekannteste Bildhauer aus dem Roussillon, Aristide Maillol (1861 – 1944), lebte im Hinterland von Banyuls (3).

Inmitten der familieneigenen Weinberge, aus deren Trauben der gleichnamige mahagonifarbene Süßwein gekeltert wird, fand er nach einem mysteriösen Autounfall seine letzte Ruhestätte. Als Modell für seine üppigen Frauenplastiken, die auch den Place de la Loge und den Innenhof des Rathauses in Perpignan zieren, diente ab 1934 die erst 15 Jahre junge Russin Dina Vierny. Das Paar machte nicht nur mit diesem „Skandal“, sondern auch ihrer Nächstenliebe Schlagzeilen: Beide waren im Widerstand aktiv und halfen Verfolgten, vor den Nazis nach Spanien zu fliehen. Unter ihnen war auch der jüdische Schriftsteller Walter Benjamin. Im Grenzort Port-Bou nahm er sich am 26. September 1940 das Leben. Ein häufiger Gast in der Bar des Templiers von Collioure war auch Pablo Picasso. Auch er bezahlte sein Bier mit Bildern. Danach fuhr der gebürtige Andaluse jedoch heim nach Céret, der „Kirschenstadt“ am Fuß des Pic de Canigou. Das milde Mikroklima lässt hier die roten Früchte früher als überall sonst in Frankreich reifen – das erste Körbchen erhält, oft schon Mitte April, traditionell der französische Staatspräsident.

Weiße Felsen, griech. Leukos, gaben dem Küstenort Leucate (4) zwischen Weinbergen und Austernbänken seinen Namen. Im Winter leben dort 2.800 Menschen – im Sommer jedoch tummeln sich hier bis zu 60.000 Feriengäste am 16 km langen Sandstrand des Nehrungsstreifens, der das Mittelmeer von den Étangs von Leucate und Salses trennt, wo Surfer aus ganz Europa mit hohem Tempo über die flachen Fluten rasen – und dabei mit einem Wind konkurrieren, vor dem an der Autobahn Schilder in vier Sprachen warnen: Achtung, starker Seitenwind, langsam fahren! Pinien und Zedern biegen sich unter den Böen, die Ginsterbüsche knospen nur in Lee, karg und steinig präsentiert sich die Küste bis an die Étangs. 160 Tage im Jahr bahnt sich der kalte, trockene Tramontane den Weg durch das hügelige Hinterland der Corbières und Cevennen. Als böiger, heftiger Fallwind vertreibt er die Badegäste und begeistert die Surfer. Die restlichen 200 Tage sind Strand und Meer indes ein mediterranes Kuschelrevier. In genau entgegen gesetzter Richtung bläst der Vent d’Autan, ein warm-feuchter Ostwind vom Mittelmeer, der die Windräder des Pyrenäenvorlandes antreibt und nach dem es, so eine alte Bauernregel, immer zu regnen beginnen soll. Auch sind die Einheimischen überzeugt: C'est le vent qui peut rendre fou – dieser Wind kann einen verrückt machen. Die Surfer von Leucate sind geradezu süchtig nach ihm.

 

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