Reisemagazin schwarzaufweiss

Ein Miteinander der Gegensätze

Erlebnisse und Begegnungen im jüdischen Viertel von Paris

Text und Fotos: Hilke Maunder

Eiffelturm und Invalidendom, Montmartre und Notre Dame - das Paris der großen Namen und der berühmten Bauwerke kennt jeder. Unsere Autorin dagegen war in einem ganz anderen Paris unterwegs, das lebendig, authentisch und gleichzeitig orthodox ist. Eine außergewöhnliche Reportage aus dem jüdischen Viertel rund um die Rue des Rosiers.

Frankreich / Paris / Boulangerie

Jüdische Boulangerie

Jiddisch liegt in der Luft. Besonders am Sonntag, wenn der Sabbat beendet ist, herrscht in der Rue des Rosiers Hochbetrieb. Traditionell gekleidete Männer mit schwarzen Hüten, Schläfenlocken und langen Bärten, nur selten von ihren Söhnen begleitet, gehen schnellen Schrittes und mit gesenktem Haupt vorbei; Frau und Tochter folgen mit Abstand.

Frankreich / Paris / Buchladen

Jüdischer Buchladen

Ihre jiddischen Wochenzeitungen „Tribune Juive“ oder „Actualité Juive“ kaufen sie in dem kleinen Zeitungsladen an der Rue des Écouffes, ihre hebräischen Bücher in einem museal wirkenden Buchladen.

Heimat einer verfolgten Minderheit 

Das Herz des jüdischen Paris schlägt hier im Pletzl, mitten im Marais, wo seit dem dreizehnten Jahrhundert Juden aus Ost und West trotz aller Vertreibungen immer wieder eine Heimat gefunden haben. Nirgendwo sonst in Europa leben heute so viele Juden: 800.000 Menschen gehören zur jüdischen Gemeinde in Frankreich, fast die Hälfte von ihnen lebt in Paris. Und die meisten von ihnen wohnen noch immer im Marais. Das Viertel zwischen Bastille und Beaubourg ist seit dem Mittelalter ihre Heimat. Im siebzehnten Jahrhundert zum bevorzugten Wohnviertel der Adligen aufgestiegen, entging es im neunzehnten Jahrhundert nur knapp der Abrissbirne, mit der Baron Haussmann der Stadt ihr heutiges Aussehen verlieh. Im Schatten der breiten Boulevards überlebte in den engen, gewundenen Gassen ein Miteinander der Gegensätze in Glaube, Kultur und Architektur. Prachtvolle „Hôtels“, die Stadtpaläste des Adels, erheben sich neben windschiefen Häusern der Handwerker, hohe Mietshäuser neben Ordensniederlassungen der Tempelritter.

Frankreich / Paris / Schlachterei

Schlachterei

Im Hôtel Saint-Aignan, 1640 erbaut, vermittelt seit 1998 das Museum für jüdische Kunst und Geschichte Einblicke in eine für viele sehr fremde Kultur. Gegenstände des religiösen Lebens sind ebenso ausgestellt wie Gemälde von El Lissitsky, Modigliani, Soutine und Chagall. Einen besonderen Schwerpunkt nimmt die Geschichte der Pariser Juden ein.

Geistliches Zentrum und weltliche Lebensader

Bildeten vom Mittelalter an zunächst die Sephardim, Juden aus dem arabisch-spanischen Mittelmeerraum, die Mehrheit, kamen nach der Französischen Revolution besonders strenggläubige Juden aus dem Elsass und Osteuropa nach Paris. Ihr geistliches Zentrum erbaute der „Vater“ der Pariser Métro, der Architekt Hector Guimard. Selbst mit einer amerikanischen Jüdin verheiratet, verband Guimard beim Bau der Agudath Hakehilot Synagoge die verspielte Ästhetik des Jugendstils mit der Strenge des jüdischen Glaubens. 1940 sprengten die deutschen Besatzer diese größte Synagoge der Stadt. Nach dem Wiederaufbau wurde das Gotteshaus als Nationalmonument geschützt. In unmittelbarer Nachbarschaft residiert das Oberhaupt der orthodoxen Juden von Paris, einer kleinen, aber engagierten Minderheit.

Frankreich / Paris / Spezialitätengeschäft

Jüdische Spezialitäten

Von hier sind es nur wenige Schritte zur weltlichen Lebensader des jüdischen Viertels, der Rue des Rosiers - inzwischen auch ein Corso für Kreative, Kunsthandwerker und kaufkräftige Besucher, eine der angesagtesten Adressen im Quartier. In den Schaufenstern der Devotionalienläden liegen siebenarmige Leuchter neben Gebetschals und Yarmulkas, den kleinen Kappen. Für Gewürze, Düfte und Aromen ist Izrael zuständig, seit Jahrzehnten die Institution in der Rue François-Miron. Sämtliche Schlachtereien stehen unter der Kontrolle des „Beth Din“, des Großrabbinats von Paris, das über die Einhaltung der Reinheitsvorschriften wacht. Für auswärtige Besucher werden im Internet lange Listen mit koscheren Einkaufsstätten publiziert.

Düfte aus Osteuropa und dem Orient

Aus den Bäckereien der Rue des Rosiers wie Moskaitch oder Korcarz dringt der Duft warmen Hefegebäcks. In ihren Schaufenstern stapeln sich süße Schlemmereien aus Osteuropa: Mohnstriezel, Apfelstrudel und handbreit hohe Käsekuchen. In unzähligen Straßenimbissen, kaum größer als eine Verkaufsklappe in der Hauswand, macht die Falafel dem Bagel Konkurrenz. Die frittierten Kugeln aus Kichererbsen sind das deutlichste Zeichen für den Umbruch der orthodoxen Enklave: Ausgelöst durch die Algerienkrise Ende der 1950er Jahre, wurden und werden die angestammten Ashkenazim zunehmend von jüdischen Einwanderern aus Nordafrika verdrängt.

Frankreich / Paris / Bäckerei

Bäckerei

Gefilte Fisch, Blinis mit Kaviar, Kreplach und andere koschere Gerichte serviert Jo Goldenberg. Am 9. August 1982, richteten Palästinenser in dem stets rammelvollen Restaurant und Deli-Shop ein Blutbad an. Die Bilanz des Kugelhagels in der Rue des Rosiers: sechs Tote, zweiundzwanzig Verletzte. Noch heute sind die Einschusslöcher in der Fassade zu sehen. Eine Gedenktafel erinnert an das Attentat. Kleiner, fast zu übersehen, ist die Plakette, die in der Rue des Hospitalières an die Gräueltaten der Nazizeit erinnert. Von hier waren 165 Schüler mit ihren Lehrern erst ins Durchgangslager Drancy, dann nach Auschwitz deportiert worden. Kaum bekannt ist auch das Mahnmal für den Unbekannten Jüdischen Märtyrer in der Rue Geoffrey-l’Asenic.

Für mehr Toleranz und ein besseres Miteinander von Juden, Moslems und Andersgläubigen engagieren sich die rund zwanzig Mitarbeiter von „Télévision française juive“, des ersten jüdischen Fernsehsenders im Land. Der kleine Spartenkanal hat bewusst seinen Sitz in der Rue des Rosiers gewählt. Der spannungsreiche Mix der Straße schreibt die besten Stories, sorgt von selbst für Sendungen, die längst nicht mehr nur jüdische Zuschauer fesseln.

Informationen zum Jüdischen Viertel in Paris

Musee d’Art et d’Histoire du Judaisme
Hôtel de St. Aignan
71, rue du Temple
75003 Paris
Tel.: +33 1 53 01 86 53
E-Mail: info@mahj.org
Web: www.mahj.org

Restaurants:

Jo Goldenberg, 7, Rue des Rosiers

Finkelsztaijns, 27, Rue des Rosiers

Chez Marianne, Rue des Hospitalières St.-Gervais

Les Ailes, Restaurant-Boutique, 34, Rue Richer

 

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