Romantik anders buchstabiert
Neue Parks in Paris als Traditionsbruch
Text und Fotos: Ulrich Traub
Ein Garten zwischen Himmel und Erde. Unter seinen Wiesen und Wegen rattern kaum vernehmlich Züge, über ihm ragen Wolkenkratzer in die Höhe. Und doch ist hier ein fast verwunschener Ort, eine grüne Oase im urbanen Getriebe entstanden. Nach Babylon hat auch Paris einen hängenden Garten: den Jardin Atlantique, der über der Gare Montparnasse in 18 Meter Höhe angelegt wurde.
3.000 Hektar Grünfläche, knapp eine halbe Million Bäume sowie über 400 Parks und Gärten machen Paris zu einer der grüneren Metropolen Europas. In den letzten Jahren ist diese Bilanz noch verbessert worden. Kein Neubauprojekt, keine Sanierungsmaßnahme ohne die Anlage neuer Grünflächen. Die in den letzten Jahren fertig gestellten Parks und Gärten sind nicht nur als Rückzugsorte konzipiert, sondern fungieren als Stätten der Begegnung, sind stilistisch und funktional vielfältige Aufenthaltsräume.
Der Jardin Atlantique und der Parc André Citroën

Idylle über dem Bahnhof: Lavendelfelder im Jardin Atlantique
Viele Passanten konnten es zunächst kaum glauben, dass kein Verbotsschild das Betreten der Rasenflächen untersagte. Aber nicht nur das ist neu und ungewöhnlich. Nicht weniger als das Ideal des französischen Gartens, die strenge Ausrichtung nach Symmetrie und Ordnung, wurde aufgehoben. Damit treten diese Anlagen ganz bewusst in Konkurrenz zu berühmten Parks wie den Tuilerien, dem Jardin du Luxembourg oder dem Parc Monceau.
Wie der Jardin Atlantique, dessen Vegetation aus südlichen Gefilden stammt und dessen architektonische Konzeption dazu einlädt, sich wie auf einem Ozeandampfer zu fühlen, Sonne, Wind und Wellen assoziiert, ist auch der Parc André Citroën eine unvergleichliche Schöpfung. Wo am Montparnasse das Meeresblau der Lavendelbeete erstrahlt, sich seltene Gräser im Wind wiegen und sich unter meterhohem Bambus ein idyllischer botanischer Themengarten versteckt, gibt es im Südwesten der Stadt auf dem ehemaligen Werksgelände der Automobilfirma zur Einstimmung einen Weißen sowie einen Schwarzen Garten, Licht und Schatten darstellend. Später sorgen Hunderte wild blühende Pflanzen im Garten der Bewegung für botanische Anarchie. Beeindruckend schön auch die Alchemistischen Gärten, wo die Farben der Pflanzen Metalle symbolisieren und je ein menschliches Sinnesorgan ansprechen. So appelliert der rote Garten an den Geschmacks-, der blaue an den Geruchssinn. Der letzte aber, der goldene Garten, ist dem sechsten Sinn gewidmet.
Beide Parks sind Konzeptgärten: Kopfgeburten, die nicht auf die Erhabenheit des Naturerlebnisses zielen, sondern Natur in diversen Facetten erfahrbar machen und sie in bisweilen provokanter Form darstellen und inszenieren – mal minimalistisch, mal üppig, immer gänzlich ungewohnte Eindrücke vermittelnd. Gemein ist den neuen Gärten die zentrale Rasenfläche als grüne Piazza sowie die Möglichkeit, sich sportlich zu betätigen. Auch stille Rückzugsorte mit modernen Holzliegestühlen wird der Ruhebedürftige finden. Der Besucher muss von diesen Grünanlagen regelrecht Gebrauch machen. Den Parisern fiel das anfangs nicht leicht. Dass Romantik und Idylle heute anders buchstabiert werden als im 19. Jahrhundert, mussten viele erst lernen.

Modernes Lustschloss der Gartenarchitektur: Wasserspiel vor einem
der beiden monumentalen Gewächshäuser im Parc André Citroen
14 Hektar groß ist der Parc André Citroën, den eine Kritikerin als Garten Eden des Raketenzeitalters bezeichnete. Sein charakteristisches Element ist das Wasser. In diesem Park, der bis ans Ufer der Seine reicht, rauscht, plätschert und spritzt es überall. Besonders hoch her geht es auf dem Granitplateau, wo hundert in Reihen angeordnete Wassersäulen in Ermangelung eines Lustschlosses
zwei imposante Gewächshäuser flankieren und bis zu vier Meter aufschießen. Statt statuarischer Repräsentation verkörpert dieser Garten - ganz zeitgemäß - Vitalität und Mobilität.
Der Parc de Bercy
Nicht alle Landschaftsarchitekten folgen auf diesem Weg, wie das Beispiel des Ende der 90-er Jahre vollendeten Parc de Bercy zeigt. Diese Grünanlage gewinnt ihren Reiz durch das Zitieren der Vergangenheit. Kopfsteinpflasterstraßen, Schienenstränge und erhaltene Gebäude erinnern an die Geschichte des Areals an der Seine als weltweit größtem Umschlagplatz für Wein und Spirituosen. Auch der hundert Jahre alte Baumbestand wurde in die neue Wiesen- und Wasserlandschaft im Pariser Osten integriert.

In der Wald- und Wiesenlandschaft des
Parc de Bercy.
Wo früher Wein lagerte,
ruhen heute die Passanten
Gärtnerisch ist man der Historie treu geblieben. Klassische Elemente wie Parterres, Rosengarten und Labyrinth oder Belvedere, Grotte und künstlicher Hügel kontrastieren mit der Glas- und Stahlarchitektur im angrenzenden Viertel, wo Frank Gehrys Gebäude, in das das Musée du Cinéma eingezogen ist, ein Ausrufezeichen setzt. Am anderen Seine-Ufer symbolisieren die wie vier aufgeschlagene Bücher weihevoll emporragenden Türme der Bibliothèque Nationale kulturelles Selbstbewusstsein. Im Innenhof gedeiht ein Dschungel, während außen zwei Squares, Parks im Kleinformat, wie man sie aus dem alten Paris kennt, angelegt wurden.

Wie aufgeschlagene Bücher: Blick auf zwei
der vier Türme
der Bibliothèque Nationale
mit einem Dschungel im Innenhof
Dass man in Bercy mit Weinspalieren dem Rebensaft huldigt, ist keine Ausnahme. Im Parc Georges Brassens, der auf einem alten Schlachthofgelände angelegt wurde, und im Parc de Belleville, dessen Wege sich einen Hügel hochwinden, von dem man auf die Stadt blicken kann, finden sich sogar kleine Weinberge. Auch in diesen Gärten korrespondieren Verweise auf das 19. Jahrhundert - wie berankte Gitterspaliere und Wasserspiele - mit neuen Gestaltungs- und Nutzungsideen, für die die ambitionierte Bepflanzung mit seltenen Gewächsen sowie die Aufhebung der strengen Verhaltensregeln Beispiele sind.

Klassisch: Im Parc de Belleville spaziert man
unter blumenberankten Gitterspalieren
Paris investiert in Grün. Aber es muss nicht immer ein Garten sein. So wurde sogar eine alte Eisenbahntrasse begrünt. Jetzt spaziert man über die so genannte Promenade Plantée zwei Kilometer vom Jardin de Reuilly zur Bastille-Oper hoch über dem Verkehr der Avenue Daumesnil, wo die Antiquitäten- und Designerläden im Viaduc des Arts den Abstieg lohnen. An der Place de la Bastille muss man sich entscheiden: links in die lauschigen Arsenal-Gärten am Yachthafen oder rechts auf den mit Bassins und Ruhezonen unter Weiden abwechslungsreich gestalteten Mittelstreifen des Boulevard Richard Lenoir, der zum Canal Saint Martin führt. Wer an dessen von Platanen und Kastanienbäumen gesäumten Ufern spaziert, erreicht den Parc de la Villette im Nordosten, den radikalsten Freizeitgarten. An seinen ausladenden Rasenflächen stehen nicht Bäume und Sträucher, sondern moderne Neubauten Spalier: die Museen der Cité des Sciences, die Konzertsäle der Cité de la Musique, das Panoramakino „Géode“ und das Theater „Le Zénith“. Einziges Relikt der Vergangenheit ist die Grande Halle, in der ab 1867 Viehmärkte veranstaltet wurden und nun Messen und Ausstellungen stattfinden. Vor rund 40 Jahren lag auf diesem Gelände der größte Schlachthof der französischen Hauptstadt.

Ungewohnt: Im Jardin de Reuilly darf man es sich auf einer Wiese
bequem
machen, was in den klassischen Gartenanlagen immer verboten war
Die jüngste Grünschöpfung der Pariser Gärtner zeigt der Moderne aber eine lange Nase. Die Anlage am Hôtel de Cluny in St.-Germain-des-Prés ist der nach langen Recherchen anhand von Originaldokumenten konzipierte Nachbau eines Mittelaltergartens.

Der Moderne eine lange Nase gezeigt: Mittelaltergarten vor dem
Hôtel de Cluny in St.-Germain-des-Prés