Reisemagazin schwarzaufweiss

Nîmes

Schwarze Stiere und römische Ruinen

Text und Fotos: Hilke Maunder

Nimes

Warum zeigt das Stadtwappen von Nîmes ein Krokodil an der Kette? Weil Julius Cäsar von hier seinen erfolgreichen Feldzug gestartet hat, lautet die Antwort – und verweist damit auf eine Epoche, die der Region rund um Nîmes bis heute ihren Stempel aufgedrückt hat: die Römerzeit. Doch mitunter geht es hier ganz spanisch zu...

Nimes - Maison Carrée

121 v. Christus eroberten die Römer Südfrankreich. Ihre neue Provinz Gallia Narbonensis wurde zum wichtigen Bindeglied zwischen Spanien und dem heimatlichen Italien. Fünf Jahrhunderte lang währte die von den Galliern gehasste Fremdherrschaft der Römer. Nirgendwo in Frankreich sind sie heute so präsent wie in Nîmes. Auf Schritt und Tritt begegnet man hier ihren Zeugnissen, wird ihr Erbe effektvoll inszeniert. Das einstige Forum der antiken Stadt beherrscht das Maison Carrée. Der einzige vollständig erhaltene Tempel der Antike präsentiert im Innern die 2.000-jährige Geschichte der Stadt als 3-D-Film: Als größte Arena des gallorömischen Reiches gelten les Arènes, ein 21 m hoher, zweistöckiger Mauerring mit 60 Arkaden, der von oben herrliche Ausblicke auf die Altstadt eröffnet – und in den Arkaden an die Gladiatoren erinnert, die vor 2000 Jahren vor 24.000 Zuschauern dort ihre Kräfte beim Wagenrennen oder im Kampf mit wilden Tieren messen mussten. Der Siegeszug des Christentums beendete 404 n. Chr. „Brot & Spiele“ in Nîmes, und die Arena wurde zum Spielplatz der Bauherren: Die Westgoten machten sie zur Festung, die Landgrafen setzten ihr Schloss hinein, später wurde „Les Arènes“ ein eigener Stadtteil mit zeitweilig mehr als 2.000 Einwohnern.

Nimes - les Arènes

Zu Pfingsten jedoch kommt die Antike jedoch ganz spanisch daher: Nîmes feiert die Feria. Millionen Menschen verfolgen dann begeistert die Stierkämpfe in der Arena, genießen in den Bodegas zum Pastis oder Fino ein paar Tapas, bevor sie sich wieder ins Gewühle stürzen, im Takt der Zigeunermusik tanzen oder der Blasmusik der „Bidochons“ lauschen, die überall aufspielen. Längst ist das Volksfest auch ein Stelldichein der Stars. In den 1950er-Jahren besuchten Brigitte Bardot und Errol Flynn die Feria; heute gehören die Schauspielstars Jean Reno und Jacques Weber zu den Stammgästen des Stier-Spektakels.

Die Show der schwarzen Stiere

Nimes - Restaurant neben der Arena

Die Passion für die Konfrontation zwischen Mensch und Stier, die zwar erst 1952 in offizielle Statuen für Nîmes erste Feria gegossen wurde, reicht bereits mehr als 600 Jahre zurück – 1402 wurde das erste Stierspiel in Südfrankreich urkundlich erwähnt, 1852 die erste spanische Corrida in Nîmes veranstaltet. Das Zuchtgebiet der schwarzen Stiere liegt bis heute in einem Sumpfland südlich der Stadt: der Camargue mit ihren Salzwiesen und Salinen. Sie ist die Heimat der „Manadiers“, der Stierzüchter, und der „Gardians“, der Viehhirten, die auf weißen Pferden beim „Abrivado“ den Stier in die Arena treiben, wo er seinem Schicksal ins Auge sieht: Steht eine spanische Corrida auf dem Programm, wird das Tier vom Torero getötet und sein Fleisch in den Restaurants der Stadt vom Feria-Publikum verzehrt. Bei der unblutigen Course Camarguaise hingegen muss ein weiß gekleideter „Raseteur“ mit einem „Crochet“, einer handähnlichen Eisenkralle, dem Stier seine Attribute abnehmen, die ihm zwischen die Hörner gesteckt wurden – zuerst die Kokarde, dann die Quasten und schließlich die erste und zweite Kordel. Danach tritt der Raseteur den Rückzug zum Gatter an, verfolgt vom Stier. Sobald er gegen die Planken stößt, ist der Stierkampf beendet – und das Lied des Escamillo aus der Oper Carmen ertönt: „Auf in den Kampf, Torero...“ Die Geschicklichkeit und der Mut der jungen Männer, vor allem die Eleganz ihrer Bewegungen, machen das Schauspiel sehenswert. Dabei erlangen nicht nur die Raseteurs Berühmtheit und Verehrung, sondern auch die Stiere, die nun beim Bandido durch die Straßen der Stadt zurück zur Weide – oder Verladelaster – getrieben werden.

Meisterbau ohne Mörtel

Nimes - Jardins de la Fontaine

Die Wiege der römischen Stadt lag in den Jardins de la Fontaine. Die Römer huldigten dort, wie schon vorher die Kelten, dem Wassergott Nemausus – und benannten nach ihm ihre neue Siedlung. Da jedoch das Quellwasser zu unregelmäßig floss, um die Bedürfnisse der wachsenden Stadt zu befriedigen, gab 19 v. Chr. Kaiser Augustus seinem Schwiegersohn und Feldherr Agrippa den Auftrag, eine 50 km lange Wasserleitung zu bauen, die Nîmes mit dem Wasser der Eure-Quelle in den Hügeln von Uzès versorgen sollte, das heute von Perrier als Mineralwasser abgefüllt wird. Die Aufgabe schien unlösbar – gab es doch auf der gesamten Strecke nur einen Höhenunterschied von 17 Metern, und damit ein Gefälle von nur 0,034 Prozent. Zudem kreuzte der Gardon den geplanten Lauf des Aquädukts – wie konnte er überwunden werden? Heraus kam eine Brücke der Superlative, die seit 1985 zum Weltkulturerbe zählt: der Pont du Gard. „Die Seele sieht sich in ein langes und tiefes Erstaunen versetzt,“ schrieb der Essayist und Romancier Stendhal (1783 – 1842) nach dem Besuch der Brücke, die heute zum Welterbe zählt, und notierte, tief beeindruckt, in seinem Reisetagebuch: „Mir scheint, als wirke dieser Bau wie erhabene Musik."

Nimes - Tour Magne

In den Jardins de la Fontaine, die im 18. J. als eine der ersten öffentlichen Gärten Frankreich rund um das antike Quell-Heiligtum am Mont Cavalier angelegt wurden, ist auch das letzte Zeugnis der römischen Stadtmauer erhalten – der achteckige Tour Magne, ein 32 m hoher Turm mit fantastischer Aussicht auf die Stadt, den Mont Ventoux, das kleine Gebirge der Alpilles und der Ebene von Vistre. Dritter Top-Aussichtspunkt der Römerstadt ist das Dachcafé des Carré d’Art, das Lord Norman Foster 1993 als moderne Antwort auf das antike Maison Carrée entwarf: als Licht durchfluteter Bau, der geschickt die historischen Zitate in die Gegenwart transponiert hat.

Für das Stadtbild der Gegenwart verpflichtet Nîmes gerne große Namen. Martial Raysse gestaltete 1989 die Place d'Assas. In ihrer Mitte verbindet ein Wasserlauf zwei gewaltige Büsten, die mit der Nemausa den Ursprung Nîmes und mit Nemausus die „männliche Kraft“ der Stadt symbolisieren. Der japanische Stararchitekt Kisho Kurokawa entwarf die Halbkugel „Colisée“ (1991) mit Büros und Wohnungen, Vittorio Gregotti das Costières-Stadium, Philippe Starck 1987 die riesige „Abritus“-Bushaltestelle in der Avenue Carnot, Jean Nouvel 1985 – 1987 die futuristischen Sozialwohnungsblöcke „Nemausus“.

Nimes - Carré d’Art

Der Stoff für die Welt

Bei ihrer Arbeit trugen sie gern den Stoff, der hier erfunden wurde: Denim, ein blau gefärbtes, strapazierfähiges Baumwollgewebe in Köperbindung, das bereits im Mittelalter in Nîmes hergestellt wurde. Der Legende nach wurden auch die Schiffe von Christoph Kolumbus mit Segeln aus dieser „Serge de Nîmes“ getakelt – die so Amerika erreichte. Doch es dauerte noch nahezu vier Jahrhunderte, bis dort ein Auswanderer aus Bayern, Levi Strauss, aus dem Serge de Nîmes seine Arbeitskleidung für amerikanische Siedler schneiderte. Aus der Herkunftsbezeichnung „De Nîmes“ wurde „Denim“, aus dem Städtenamen Genua, aus Genua, französisch Gênes, machte die amerikanische Umgangssprache „Jeans“.

 

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