Reisemagazin schwarzaufweiss

Narbonne

Lebendige Geschichte und Lebenslust

Text und Fotos: Hilke Maunder

„Es war ungefähr Mittag, als wir in Narbonne ankamen. Die Sonne vergoldete die ganze Landschaft, die Kathedrale hob sich vom azurblauen Himmel ab, ich hatte nicht gewusst, wie schön ein Horizont sein kann.“ So eindrucksvoll, wie Gustave Flauberts Zeiten 1840 Narbonne erlebte, zeigt sich die einstige Hauptstadt des römischen Galliens, Residenz der Westgotenkönige und Hauptstadt der Septimanie, bis heute: Trotz aller kriegerischen Wirren ist die Stadtkrone aus dem Mittelalter unverändert erhalten. Narbonnes Wurzeln reichen jedoch viel weiter zurück – bis in die frühe Römerzeit.

Narbonne - Cathédrale St-Just

Cathédrale St-Just

Es geschah aus Zufall: Bei der Neugestaltung des Rathausplatzes entdeckten Steinmetze 1997 unter dem Pflaster große Quader mit tiefen Wagenspuren – ein perfekt erhaltenes Teilstück der Via Domitia. Die erste Römerstraße in Gallien, die zeitgleich mit der Colonia Narbo Martius um 118 v. Christus errichtet wurde, verband das italienische Stammland mit den römischen Kolonien auf der iberischen Halbinsel. In Narbonne, der Hauptstadt der neuen Kolonie, kreuzte sich der antike Handelsweg mit der Via Aquitania, die vorbei an Carcassonne und Toulouse nach Bordeaux an den Atlantik führte. Die Haupteinkaufsachse Rue Cabirol folgt bis heute dem Verlauf der antiken Handelsstraße. Ebenfalls bis in römische Zeit zurück reichen die Wurzeln der Häuserbrücke Pont des Marchands, die mit einer Ladenzeile den Canal de la Robine überspannt. Die Stadt florierte und baute für ihre Händler im 1. Jahrhundert vor Christus ein Horreum, ein unterirdisches Wein- und Warenlager, kühl und trocken das ganze Jahr hindurch. Lastenaufzüge verbanden das Horreum mit dem Forum, heute die Place Bistan.

Narbonne - Place de l’Hôtel de Ville

Place de l’Hôtel de Ville

Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches kamen die Westgoten – und mit ihnen unruhige Zeiten. 719 wurde Narbonne als erste Stadt des Frankenreichs islamisch. 40 Jahre lang hielten sie die Mauren in Griff, ehe Pippin sie zurückschlagen konnte. Die Rache folgte umgehend: 793 wurde Narbonne von Hischam I, Herrscher über Andalusien, fast komplett zerstört. Immer wieder prallen Orient und Okzident in Narbonne und seinem Umland aufeinander und noch heute verläuft mitten durch die Stadt die Grenze zwischen Languedoc und Roussillon. Und so grenzt es für mich fast an ein kleines Wunder, dass die Stadtsilhouette seit Jahrhunderten ein klerikales Trio beherrscht: die unvollendete Cathédrale St-Just (1272 – 1332) (1), das Kloster und der Erzbischöfliche Palast mit seinen sakralen, profanen und militärische Bauten aus mehreren Jahrhunderten. Heute birgt die Trutzburg des Glaubens an der Place de l’Hôtel de Ville (2) die Stadtverwaltung und zwei Museen. In den ehemaligen Gemächern der Erzbischöfe zeigt das Musée d'art et d'histoire Fayencen aus Narbonne, Montpellier und Marseille sowie Wandteppiche aus Beauvais, das Musée archéologique die größte Sammlung römischer Malereien in Frankreich.

Narbonne - Canal de la Robine

Canal de la Robine

Vom Donjon Gilles Aycelin aus dem 13. Jahrhundert eröffnen sich fantastische Ausblicke auf die Stadt und den von Platanen gesäumten Canal de la Robine, der die Stadt seit 1681 mit dem Canal du Midi und dem Mittelmeer bei Port-la-Nouvelle verbindet. Heute ist der Kanal fest in der Hand der Freizeitkapitäne, die am Quai Mirabeau Elektroboote mieten oder dort ihr Hausboot vertäuen, um der wohl schönsten Markthalle der französischen Provinz einen Besuch abzustatten: den Halles de Narbonne (3), 1901 von Victor Baltard nach Pariser Vorbild entworfen. Kuttelberge, Wurstgirlanden, Olivenstollen, Marzipankuchen, Käse, Wein und Katertropfen – bereits 1994 gab es für dieses Schlemmerland mediterraner Köstlichkeiten den Panonceau d’Or, die Goldmedaille.

Narbonne - Halles de Narbonne

Halles de Narbonne

Unter den Händlern befindet sich auch die alteingesessene Fromagerie Gandolf und macht mit der schier unglaublichen Auswahl an Käse die Qual der Wahl schwer – wie schön, dass Inhaber Alain Sigaud gerne einmal ein Probierstückchen abschneidet. So gestärkt, lockt eine außergewöhnliche audiovisuelle Schau: In der ehemaligen Kirche Notre Dame de Lamourguier (1289) präsentiert das Musée Lapidaire an der Place Lamourguier (4) 1.300 gravierte und skulptierte Steine von der Römerzeit bis zur Renaissance als Licht- und Tonspektakel, das auch diejenigen zu begeistern vermag, die bislang nichts für geschnitzte Steine übrig hatten.

Blau, gelb, rot und weiß huscht das Licht über Antlitze und Ornamente, lässt Kapitelle aufleuchten und wieder im Dunkel verschwinden. Das lange Licht des frühen Abends lässt die Fassaden von Gold über Ocker bis tiefrot leuchten. Auf einer der goldgelben Fassaden ist in schwarzen Lettern ein Liedertext verewigt: Longtemps, longtemps, longtemps après que les poètes ont disparu, leurs chansons courent encore dans les rues... L’Âme des poètes heißt dieser Titel von Charles Trenet, mit dem seine Heimatstadt dem berühmtesten Sohn der Stadt auf der Wand ein Denkmal gesetzt hat: Charles Trenet (1913 – 2001). Sein bekanntestes Werk, „La Mer“, soll er 1943 binnen 20 Minuten auf der Zugfahrt von Carcassonne nach Narbonne komponiert haben....

 

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