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Meisterwerke unterm Chinahut

Metz hat mehr zu bieten als das neue Centre Pompidou

Text und Fotos: Ulrich Traub

Am Anfang war ein Hut, ein chinesischer. Und der hatte nicht drei Ecken, sondern eine Spitze. Nun soll er als Architektur gewordene Idee zum Wahrzeichen einer ganzen Region werden. Nun steht auch in der lothringischen Großstadt Metz ein Centre Pompidou.

Metz - Insel mit Kirche

Fast immer, wenn ein neues Museum eröffnet, wird überlegt, ob der Bilbao-Effekt einsetzen könnte. In Metz wird er gleich von vornherein eingefordert. Der Grund ist ein Superlativ: die Sammlung des Musée national d’art moderne, der mit rund 60.000 Werken moderner und zeitgenössischer Kunst größten in Europa. Ihr Heimathaus ist das Pariser Centre Pompidou Nun kann sie in zwei Häusern gezeigt werden. Mit dem Gang in die Provinz ist der erste Schritt der Dezentralisierung der nationalen französischen Kultureinrichtungen vollzogen. Der Louvre wird in einigen Jahren folgen – und zwar in den Norden nach Lens.

Metz - Centre Pompidou

Centre Pompidou

Der Bilbao-Effekt in Metz? Schön und gut, mag der Besucher der Stadt denken. Aber auch ohne den Neubau hat die Stadt unweit der Grenzen zum Saarland und Luxemburg schon einiges zu bieten. Eine lange Geschichte und „eine Myriade denkmalgeschützter Gebäude“, wie es Bürgermeister Dominique Gros zur Eröffnung des Centre Pompidou (1) formulierte.

Blickfang in der Altstadt, die sich an beiden Ufern der Mosel erstreckt, ist die Kathedrale Saint-Etienne (2). Wie einen erhabenen gotischen Riegel nimmt sie der Besucher, der sich vom Fluss auf sie zu bewegt, wahr. Seine kolossale Erscheinung verdankt das Gotteshaus seiner erhöhten Lage und dem gewaltigen Mittelschiff, das mit 42 Meter Höhe zu den höchsten in Europa gehört. Wer sich im Inneren umsieht, kann sich vom Spiel des Lichts in den vielen Fenstern verzaubern lassen. Im Mittelalter galt Licht als Zeichen der Offenbarung Gottes. Glasmalereien vom 13. bis 20. Jahrhundert auf 6.500 Quadratmetern, was in der Welt unübertroffen ist, haben der Kathedrale den Beinamen „Laterne Gottes“ eingebracht.

Metz - Kathedrale

Die Kathedrale von Metz

Nun gibt es also ein weiteres Highlight, das ein Publikumsmagnet werden soll wie das 1977 von Renzo Piano und Richard Rogers errichtete Pariser Centre Pompidou. Man rechne mit mindestens 300.000 Besuchern pro Jahr, heißt es in Metz. Einen Schock wie das Pariser Haus wird das Centre Pompidou in Metz jedenfalls kaum auslösen. Der Japaner Shigeru Ban, keiner der weltweit agierenden Promi-Architekten, legt im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die ihr Gebäude radikal öffneten, eine schützende Haut in Form eines sich ausladend wölbenden, 8.000 Quadratmeter umfassenden Daches über sein Gebäude.
Ein chinesischer Hut diente dem Architekten als Inspiration für die von einer wasserdichten Membran aus Glasfaser und Teflon beschichtete Holz-Konstruktion, die sich von wenigen Stützpfeilern bis zur 77 Meter hohen Spitze ausdehnt. Das überhängende Dach schützt das Haus vor extremen klimatischen Einflüssen und garantiert einen geringen Energiebedarf. Hier entfaltet Ban, dessen japanischer Pavillon auf der Expo in Hannover für Aufsehen gesorgt hatte, seine Stärken. Der Architekt gilt als Experte für die Verwendung von so genannten armen Werkstoffen wie Pappe oder eben Holz. Umweltschutz und Nachhaltigkeit gelten ihm mehr als gebautes Spektakel.

Matz - Centre Pompidou

Das Centre Pompidou Metz soll als autonomes Museum geführt werden, das auf die riesigen Bestände der Sammlung zurückgreifen kann. Den Grundsätzen des Pariser Centre verpflichtet, wolle man mit größtmöglicher Offenheit alle aktuellen Formen künstlerischen Schaffens einem möglichst breiten Publikum präsentieren, verspricht der Leiter des neuen Hauses, Laurent Le Bon.

Metz - Kirche Saint-Pierre-aux-Nonnains

Kirche Saint-Pierre-aux-Nonnains

Sollte jetzt der Eindruck entstanden sein, Metz sei vor der Eröffnung des Centre Pompidou kulturelles Brachland gewesen, dann muss entschieden widersprochen werden. Ein signifikantes Beispiel für die Koalition aus Geschichte und Gegenwart ist die Kirche Saint-Pierre-aux-Nonnains (3) aus dem 4. Jahrhundert. Sie zählt zu den ältesten in Frankreich. Heute wird die vormalige Turnhalle der Römer und das spätere Waffenlager als Konzertsaal oder Ausstellungsraum genutzt. Für die Studenten der benachbarten Kunsthochschule ein begehrter Ort. Die frühere Kirche versteckt sich hinter der Esplanade, einem französischen Garten am Rande der Altstadt.

Metz - Theater

Das älteste noch bespielte Theater Frankreichs

Auch das alte Arsenal (4) befindet sich hier. Es bietet Theater- und Musikveranstaltungen einen besonderen Rahmen. Gegenüber der Altstadt, auf einer Moselinsel, liegt das älteste noch bespielte Theater (5) Frankreichs. Die Lage des klassizistischen Baus aus dem 18. Jahrhundert, der sich repräsentativ an einem weit ausladenden Platz zwischen dem Temple Neuf und der Präfektur breit macht, symbolisiert die Bedeutung, die der Kultur in Metz schon sehr lange zukommt.

Metz - Palast

Palast

Wer zu Fuß durch die geschichtsträchtige, 3000 Jahre alte Stadt mit ihren vielen herausgeputzten Plätzen zum Centre Pompidou spaziert, durchquert auch das Quartier impérial (6). Hier kommt man sich ein bisschen vor wie in manchen Straßenzügen im Berliner Westen – nicht zu unrecht. Die herrschaftlichen Häuser an den breiten Boulevards sind Architektur gewordener Herrschaftsanspruch: Sie entstanden nicht etwa unter Napoleon, sondern unter Wilhelm II. Metz gehörte von 1871 bis zum 1. Weltkrieg zum Deutschen Kaiserreich. Dass die Metzer mit den für ihre Stadt untypischen, meist neoromanischen Steinklötzen längst ihren Frieden geschlossen haben, davon zeugt der Antrag auf den Weltkulturerbe-Titel für dieses Quartier, den die Stadt bei der Unesco eingereicht hat – allerdings bislang ohne Erfolg.

Zwar führen in Metz neuerdings alle Wege zum Centre Pompidou, aber der ein oder andere Umweg lohnt. Man kann in der Stadt etwa den Spuren des Dichters Rabelais folgen oder wenige Kilometer außerhalb im Wohnhaus des Politikers Robert Schuman in die Gründungsgeschichte der Europäischen Gemeinschaft eintauchen. Hier ist man schon in den Metzer Weinbergen. Aber das ist eine andere Kultur-Geschichte.

Touristische Informationen

Atout France: 09001/570025 (0,49 €/Min.)
Metz-Tourismus: 0033/387/555376
http://tourisme.mairie-metz.fr
www.centrepompidou-metz.fr

 

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