„Es ist mein Viertel!“
Am Sonntagmorgen flanieren viele Marseiller am Alten Hafen, der längst schick gemachten, sanierten „guten Stube“ der Stadt. Manche fahren mit Inlinern über den zehn, zwölf Meter breiten Bürgersteig. Auf den Pollern sitzen Straßenverkäufer mit billigem Spielzeug und anderem Ramsch. Ein Künstler zeichnet die Passanten und bietet die Bilder zum Kauf an. Ein Fotograf macht Polaroidaufnahmen und versucht, sie an die Spaziergänger zu bringen. Fanny macht seit 20 Jahren Straßenmusik. So steht es auf dem Schild, das die Akkordeonspielerin vor sich aufgestellt hat. Sie singt die Lieder der Piaf und lässt, ebenfalls per handgeschriebenem Pappschild, alle wissen: „Ich singe selbst, das ist kein Playback.“

Lebendiges Marseille
Am Straßenrand wartet ein Cabriobus auf Fahrgäste. Der Bus macht die Runde der offiziellen Sehenswürdigkeiten: Die Präfektur, die etwas in die Jahre gekommene einstige Prachtstraße Cannebière, das Stadion, die rue de Rome. Natürlich fährt er auch hinauf zu Notre Dame de la Garde. Hoch über dem Fähranleger auf der anderen Seite des Rathauses glänzt die Schutzheilige der Marseiller golden in der Sonne. Sie hat die Stadt vor der Pest und vor mancher Invasion bewahrt. Zur Stadtsanierung im Panier hat sie sich offiziell noch nicht geäußert.

Was sagt die Jungfrau zur Stadtsanierung?
Zéphore könnte der Kampf um ihr Viertel egal sein. Sie ist
eine der wenigen Hausbesitzer. Niemand kann sie hinaussanieren. Aber, so
sagt sie wütend, „es ist mein Viertel und die Leute hier, egal
ob Franzosen oder Einwanderer, Moslems, Juden, Christen oder sonst etwas
sind meine Nachbarn, meine Freunde, meine Familie.“